Tauziehen um Ärztearbeitszeit und Geld

6. Oktober 2014, 05:30
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Sechs Jahre hat man noch herausgeschunden. Dann soll selbst der letzte Spitalsarzt nicht mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten.

Ein Arbeitstag nach einem Nachtdienst kann sich anfühlen wie nach einem Transatlantikflug. Erholsamer Schlaf ist kaum möglich, man sei ständig alarmiert und einsatzbereit. So beschreiben Ärzte ihre Arbeitsbelastung. Mit elfjähriger Verspätung hat Österreich nun reagiert und wird die Arbeitszeiten für Ärzte schrittweise senken.

Waren bisher bis zu 72 Stunden pro Woche üblich und erlaubt, soll das bis 2021 auf 48 Stunden gesenkt werden (DER STANDARD berichtete). Am Donnerstag geht das Gesetz in den parlamentarischen Ausschuss, für 22. Oktober ist die Beschlussfassung im Nationalrat angesetzt. Gerade rechtzeitig, damit die Änderungen mit 1. 1. 2015 in Kraft treten können.

Das Wiener Allgemeine Krankenhaus hat im Vorjahr bereits die Arbeitszeitregelung angepasst, von den erwünschten 48 Stunden ist es aber noch weit entfernt. War es früher üblich, nach einem Nachtdienst in der Klinik weiterzuarbeiten, ist seit Herbst 2013 festgelegt, dass Ärzte bis Mittag nur wissenschaftlich arbeiten müssen. Was ein Schritt in die richtige Richtung ist, der aber für die vorhandenen Ärzte Mehrarbeit bedeutet. Die nachtdienstleistenden Ärzte fehlen in der Klinik, bis zu zehn Prozent weniger Ärzte sind dadurch im Dienst - und das spüren wieder die Patientinnen und Patienten.

Lange Übergangsregelung

Das neue Ärztearbeitszeitengesetz wird diese Situation weiter verschärfen. Am Stück sollen nur noch 25 Stunden gearbeitet werden dürfen. Damit die Änderung die Spitäler aber nicht überrumpelt, gibt es eine Übergangsregelung. Ärzte können sich freiwillig dazu bereit erklären, bis 2018 bis zu 60 Stunden zu arbeiten bzw. bis 2021 bis zu 55 Stunden.

Warum sie sich freiwillig zu Mehrarbeit verpflichten sollen, hat einen einfachen Grund: Nacht- und Wochenenddienste sind eine gute Möglichkeit, das Gehalt aufzubessern, vor allem für Jungärzte. Denn auch die Ärztekammer hat zwar das neue Arbeitszeitgesetz für Ärzte als längst überfällig begrüßt, aber auch gleich deponiert, dass der Verdienst dadurch nicht sinken darf - heißt: Weniger arbeiten für gleichen Lohn.

Dass lange Arbeitszeiten weder für Ärzte noch für ihre Patienten gesund sind, ist kein Geheimnis. Physiologe Maximilian Moser, Leiter des Institutes für Gesundheitstechnologie und Präventionsforschung an der Uni Graz, bestätigt das im STANDARD-Gespräch. "Die Anzahl ärztlicher Kunstfehler steigt mit der Anzahl der Nachtschichten drastisch an", zitiert er aus einer Studie der Harvard Medical School. Übermüdung verringere die Aufmerksamkeit, Fehlentscheidungen würden getroffen. Aber die Betroffenen seien nicht mehr in der Lage, dies auch zu realisieren. "Sie glauben, richtig zu handeln, handeln aber falsch", sagt Moser. Doch auch nach der neuen Regelung werden Nachtdienste nicht ganz abgeschafft. Daher plädiert Moser für nur noch einen Nachtdienst in zwei Wochen.

Frage des Geldes

Für die betroffenen Ärzte sind Gehaltseinbußen natürlich das ausschlaggebende Argument, sich doch für Mehrarbeit zu entscheiden, denn der Angelpunkt der Problematik liegt wie bei allen Arbeitskonflikten auch - oder insbesonders - beim Geld.

Die Kritik der Spitalsärzte richtet sich grundsätzlich gegen die Praxis, dass ein Drittel des Einkommens aus den Diensten geholt werden müsse, da die Grundgehälter zu niedrig seien. Diese starten für Jungärzte je nach Bundesland ab 2800 Euro brutto, mit den Diensten sind es über 4000 brutto. Primarii kommen samt Diensten und Gebühren je nach Fach und entsprechend großer Abteilung auf bis zu 30.000 brutto - und aufwärts. Wobei das nur die älteren Primarii betrifft, die jungen steigen unten ein, deswegen herrscht vielerorts bereits ein Primariimangel.

Schatzkistchen Sondergebühren

Das Schatzkistchen jeder Klinik sind die Sondergebühren, die durch die Klassepatienten hereinkommen. Einen Teil bekommt die Klinik, einen Teil die Mediziner jener Abteilung, in der die Patienten behandelt werden. Es ist nicht unüblich, dass Spitzenmediziner ihre Klasse-patienten gerne in Sanatorien umlotsen, wo nicht geteilt werden muss. Über diese Sondertöpfe wird am liebsten geschwiegen. In der Praxis läuft es so ab, dass für medizinische Leistungen, etwa für ein Röntgen, Gastroskopie oder Nierentransplantationen, die Kasse den Betrag X zahlt, bei Klassepatienten zahlt die Privatkasse für die im Grunde gleiche Behandlung Sondergebühren. Es sind alle zufrieden: die Ärzte, die Klinik, die zu Mehreinnahmen kommt und der Patient, der sich besser betreut fühlt.

Mit dem neuen Arbeitszeitgesetz wird es für die Mediziner aber kritisch. Denn bisher wurden die Sondergebühren durch - sagen wir - zehn Ärzte dividiert. Künftig müssen bei geringerer Arbeitszeit mehr Mediziner angestellt werden und der Kuchen auf vielleicht 15 Ärzte und Ärztinnen verteilt werden. Was noch interessante Verteilungskämpfe unter den Spitalsärzten auslösen dürfte. (Marie-Theres Egyed, Walter Müller, DER STANDARD, 6.10.2014)

Wie andere Länder die Arbeitszeiten regeln:

  • Frankreichs Spitalsärzte sollten eigentlich kein Problem mit der Obergrenze von 48 Wochenarbeitsstunden haben: Es gilt die 35-Stunden-Woche. Aber so einfach ist das nicht. Selbst die betroffenen Ärzte und Apotheker (in Paris "PH" genannt) räumen ein, dass das Spitalwesen nicht finanzierbar wäre, wenn die "35 heures" rigoros angewendet würden. "Alle Seiten verschlossen bisher die Augen vor der Umgehung der Vorschriften", schreibt die PH-Gewerkschaft SNphar. So berechnen viele Spitäler die Arbeitszeit nach "Halbtagen" - geben aber nicht an, wie viele Stunden diese umfassen. Faktisch können viele der 40.000 PH damit sogar mehr als 48 Stunden arbeiten. Die SNphar will, dass es nur ausnahmsweise und auf freiwilliger Basis möglich sein soll, mehr als 48 Stunden zu arbeiten. Auch die EU-Kommission hat Paris formell daran erinnert. (brä)

  • Deutschland hat die EU-Richtlinie bereits umgesetzt und sich dabei für das sogenannte Opt-out-Modell entschieden. Die wöchentliche Höchstarbeitszeitgrenze von 48 Stunden darf ohne Zeitausgleich innerhalb von zwölf Monaten nur dann überschritten werden, wenn regelmäßig und in erheblichem Umfang Bereitschaftsdienst geleistet wird. Festgelegt ist im Arbeitszeitgesetz außerdem, dass diese Abweichung von der Regel nur in einem Tarifvertrag oder in einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung zugelassen werden kann. Der Arbeitgeber kann die Opt-out-Regel nicht einfach anordnen, der Arzt muss schriftlich zustimmen. In den Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern (VKA) haben die Ärzte eine Reduzierung der durchschnittlichen Höchstgrenze von 60 auf 58 Stunden/Woche erreicht. (bau)


  • Wollen kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich: die geplagte Spezies der österreichischen Spitalsärzte.
    foto: dpa/steffen kugler

    Wollen kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohnausgleich: die geplagte Spezies der österreichischen Spitalsärzte.

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