7 + 8 = 10 - Windows 10 angetestet

5. Oktober 2014, 09:51
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Neues Betriebssystem glänzt nicht durch viele neue Funktionen, aber Verbesserungen in den richtigen Bereichen

Microsoft hat Anfang der Woche die Katze aus dem Sack gelassen. Nach Monaten der Gerüchte, Vorhersagen und Spekulationen wurde die neue Windows-Version präsentiert. Zur Überraschung aller Beobachter trägt diese bereits die Versionsnummer 10. Microsoft entfernt sich somit sogar mit dem Namen des Betriebssystems noch ein wenig weiter vom sehr kontrovers diskutierten Windows 8. Der WebStandard hat einen Blick auf die bereits erhältliche Technical Preview von Windows 10, das unter anderen Umständen vielleicht als Windows 8.2 vermarktet worden wäre, geworfen.

7 + 8 = 10

Eines kann man Microsoft in letzter Zeit nur schwer vorwerfen: Fehlenden Mut zur Veränderung. Leicht hat es das Unternehmen jedoch nicht. Mit Windows 8 wurden viele neue Elemente eingeführt, die eine Art Neubeginn des etwas angestaubten Betriebssystems signalisiert haben. Die Rechnung ging jedoch nicht auf. Gerade der Wegfall des Startmenüs entzweite die Windows-Fangemeinde und entwickelte sich zu einem der Hauptkritikpunkte an dem Betriebssystem. Mit Windows 10 geht Microsoft nun einen Schritt zurück – nicht zum ersten Mal in den letzten Monaten. Windows-7-Nutzer sollen sich mit dem neuen Betriebssystem wohl fühlen, ohne jedoch die mit der Oberfläche von Windows 8 zufriedenen Anwender zu vergraulen – ein Spagat, der sogar gelingen könnte.

screenshot: martin wendel / derstandard.at

Windows 10 derzeit auf Desktop-Nutzung optimiert

Anstatt Nutzer wie in Windows 8 mit dem Vorschlaghammer mit zwei verschiedenen Benutzeroberflächen, die auf Touch- bzw. Desktop-Benutzung optimiert sind, zu konfrontieren, wählt Windows 10 einen weitaus subtileren Zugang. Das neue Betriebssystem soll zukünftig, so die Vorstellung von Microsoft, je nach Gerät die passende Benutzeroberfläche zum richtigen Zeitpunkt bieten. Die genaue Umsetzung davon ist jedoch noch unbekannt, da die vorliegende Technical Preview derzeit nicht für die Bedienung auf Touchscreens optimiert ist. Man versucht derzeit wohl vor allem bei Desktop-Nutzern verlorenen Boden wiedergutzumachen.

Klassischere Windows-Bedienung

Der neue bzw. wiederentdeckte Ansatz in Windows 10 bedeutet bei der Verwendung von Maus und Tastatur – zumindest in der Theorie – eine weitaus klassischere Windows-Bedienung als mit der letzten Version des Betriebssystems. Die Änderungen manifestieren sich vor allem in zwei Bereichen: Die Rückkehr des Startmenüs und die Möglichkeit, Windows-Apps auch im Fenstermodus auszuführen. Beide Neuerungen hat Microsoft bereits im April auf der Entwicklerkonferenz Build angekündigt, damals noch als Update für Windows 8.1. Überraschend kam die Kehrtwende also keinesfalls.

Kachel-Menü

Mit der Rückkehr des Startmenüs nimmt sich Microsoft einem der Knackpunkte in der geringen Beliebtheit von Windows 8 an. Dabei schafft es das neue Startmenü, das Beste aus beiden Welten miteinander zu verknüpfen. In der linken Spalte können oben häufig verwendete Apps angedockt werden, darunter werden die zuletzt geöffneten Programme angezeigt. Rechts davon können die aus Windows 8 bekannten Live-Tiles platziert werden – auf Wunsch. Denn wer mit den bunten Kacheln nicht viel anfangen kann, kann sie auch gänzlich aus dem Startmenü verbannen.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
screenshot: martin wendel / derstandard.at
Das Startmenü kann in der Höhe individuell angepasst werden.

Startmenü wird zum Blickfang

Auch als alteingesessener Windows-Nutzer sollte man den Kacheln jedoch eine Chance geben. Das neue Zuhause der Live-Tiles fühlt sich in der Bedienung von Windows 10 überraschend natürlich an. Besonders Kacheln, die den Nutzer regelmäßig mit neuen Informationen versorgen, werden durch die Positionierung im Startmenü zum Blickfang. Aktuelle Nachrichten, das Wetter oder die letzten E-Mail-Nachrichten sind so schnell und direkt ersichtlich.

Personalisierung

Das neue Startmenü in Windows 10 weist damit einen sehr hohen Grad an Personalisierung auf. Selbst die Höhe des Menüs kann vom Nutzer individuell eingestellt werden, die Breite orientiert sich dynamisch an der Anzahl an abgelegten Kacheln. Nutzer, die den aus Windows 8 bekannten bildschirmfüllenden Startbildschirm verwenden möchten, können diesen weiterhin aktivieren. Es muss lediglich ein Häkchen in den Einstellungen gesetzt werden. Die Benutzeroberfläche von Windows 10 ist von jener von Windows 8 dann fast nicht zu unterscheiden.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
Wahlweise steht auch der von Windows 8 bekannte Startbildschirm zur Verfügung.

Umständliche Verwaltung des Startmenüs

Besonders die Verwaltung der Einträge im Startmenü offenbart jedoch noch Verbesserungsbedarf. Programmordner folgen bei der Darstellung aller Apps am unteren Ende der Auflistung, eine andere Sortierung ist nicht vorgesehen. Auch die Umbenennung von Ordnern oder Verknüpfungen und das gänzliche Entfernen von Einträgen aus dem Startmenü sind nicht ohne weiteres möglich. Dazu muss über einen Rechtsklick zuerst in den Windows-Explorer gewechselt werden. Es ist durchaus denkbar, dass Microsoft in diesen Bereichen bis zur Veröffentlichung von Windows 10 noch nachbessern wird. Immerhin handelt es sich noch um eine sehr frühe Version des Betriebssystems.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
Viele Optionen bietet das Kontextmenü im Startmenü derzeit nicht an.

Modern-UI-Apps auch im Fenstermodus

Eine weitere große Veränderung betrifft die Darstellung der Modern-UI-Apps aus dem Windows Store. Während die für Touchscreens optimierten Programme in Windows 8 noch grundsätzlich im Vollbildmodus ausgeführt wurden, können sie in Windows 10 auch im Fenstermodus am Desktop dargestellt werden. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich auch die Größe des Fensters individuell einstellen. An einem grundsätzlichen Problem der Modern-UI-Apps ändert dies jedoch nichts: Durch großen Text und große Buttons sind sie in ihrer derzeitigen Form auch weiterhin für die Bedienung auf Touch-Bildschirmen optimiert. Ob oder was sich daran bis zur Veröffentlichung von Windows 10 noch ändern könnte, ist derzeit nicht bekannt.

Keine touch-basierten Gesten mehr

Mit Windows 10 setzt Microsoft außerdem vielen touch-basierten Gesten, die sich bei Maussteuerung teilweise fremd anfühlen, ein Ende. Programme können etwa nicht mehr am oberen Ende angepackt werden, um sie zu schließen oder im Snap-View nebeneinander anzeigen zu können. Auch die Multitasking-Leiste am linken Bildschirmrand und die Charms-Bar rechts sind verschwunden – zumindest am Desktop. Denn auf Geräten mit Touch-Bildschirmen wird die Charms-Leiste weiterhin angeboten. Microsoft hat jedoch angekündigt, dass diese bis zur Veröffentlichung von Windows 10 noch optimiert wird. Was das genau bedeutet, ist noch unbekannt.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
Modern-UI-Apps können im Vollbild- oder Fenstermodus dargestellt werden.
screenshot: martin wendel / derstandard.at
Die rechte Seitenleiste tritt in der derzeitigen Version weiterhin zum Vorschein.

Trennung von Touch und Desktop noch nicht optimal

Ganz sauber ist die Trennung zwischen Touch und Desktop in der Technical Preview jedoch nicht gelungen. Über den Tastatur-Shortcut Windows+C lässt sich die Charms-Bar auch am Desktop weiterhin öffnen, über ein Drop-Down-Menü in der Menüleiste von Metro-Apps wird die Leiste ebenfalls ausgefahren. An solchen Details erkennt man, dass Microsoft an der Benutzeroberfläche noch weiter arbeiten muss. Wirkliche Kritik soll das aber keine sein. Immerhin handelt es sich noch um eine sehr frühe und unfertige Version des Betriebssystems. Auch ist derzeit nicht bekannt, welche Gesten es auf Geräten mit Touch-Bildschirmen überhaupt geben wird – für diese ist die Technical Preview derzeit schlichtweg nicht ausgelegt.

Snap-Funktion: Desktop jetzt auch geviertelt

Die bereits aus Windows 7 und auch Windows 8 bekannte Funktion zum Snappen von Programmfenstern am Desktop wird mit der neuen Windows-Version deutlich verbessert. War es damit bisher nur möglich, zwei Programme gleichzeitig anzuzeigen, kann der Desktop mit Windows 10 quasi geviertelt werden. Sobald ein Programm angedockt wird, bietet Windows außerdem automatisch eine Auswahl von geöffneten Programmen, die daneben angezeigt werden können. Lediglich bei einigen Modern-UI-Apps funktioniert dies nicht korrekt, da deren Größe nicht auf ein Viertel des Bildschirms reduziert werden kann.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
screenshot: martin wendel / derstandard.at
Bis zu vier Programmfenster können über die Snap-Funktion nun am Desktop angeordnet werden.

Task-View: Microsoft schaut bei Apple ab

Als vorerst letzte neue Funktion hat Microsoft Task-View angekündigt. Hinter dem Namen versteckt sich eine neue Funktion, die dem Mission Control in OS X nicht unähnlich ist. Nach einem Klick auf dem Task-View-Button, der sich in der Taskleiste neben der Suchfunktion befindet, öffnet sich eine Übersicht über alle laufenden Programme. Über ein Plus am unteren Bildschirmrand können außerdem weitere virtuelle Desktops gestartet werden, die für Ordnung bei vielen geöffneten Programmen sorgen sollen.

Ohne Drag & Drop

In der derzeitigen Version ist die Umsetzung jedoch noch etwas rudimentär. Intuitiv wäre etwa, wenn man ein Programm einfach per Drag & Drop auf einen anderen Desktop ziehen könnte. Dies ist jedoch derzeit nicht vorgesehen. Stattdessen muss man das Programm über einen Rechtsklick auf einen anderen Desktop verschieben – etwas umständlich. Eine weitere Baustelle für Microsoft. Der Ansatz von Task-View ist jedoch sehr gut, vor allem Computer oder Laptops mit kleineren Bildschirmen werden von der zusätzlichen Übersichtlichkeit profitieren.

screenshot: martin wendel / derstandard.at
Mit Task-View können Programme über mehrere virtuelle Desktops aufgeteilt werden.

Ein Betriebssystem für alle Plattformen

Auch mit der Technical Preview bleiben noch einige Fragen zu Windows 10 offen. Neben der Verwendung von Windows 10 auf Desktop-Geräten mit Touchscreens oder auch auf Tablets wurde von Microsoft ein weiterer sehr großer Bereich bisher nur grob angeschnitten. Das Unternehmen hat angekündigt, dass Windows 10 als einheitliches Betriebssystem für alle Plattformen – Smartphones, Tablets, Laptops, PCs und die Xbox One – dienen wird. Im Kern wird es sich offenbar um dasselbe System handeln, die Benutzeroberfläche soll sich aber an den Geräteklassen und Bildschirmgrößen orientieren. Welche Änderungen damit auf die Nutzer zukommen, ist derzeit jedoch weitgehend unbekannt.

grafik: microsoft
Windows 10 soll eine ganze Palette an Produkten unterstützen.

Fazit: Gutes System mit (derzeit) wenigen Überraschungen

Wer den Eindruck hat, dass die bisher angekündigten neuen Funktionen für ein gänzlich neues Betriebssystem – mit dem zusätzlich auch noch eine Versionsnummer übersprungen wird – etwas spärlich klingen, hat nicht ganz unrecht. Mit dem Startmenü und der neuen Behandlung der Modern-UI-Apps wurden zwei der wichtigsten neuen Funktionen sogar bereits vor Monaten angekündigt, damals noch als Update für Windows 8.1. Microsoft hat gegenüber The Verge jedoch bestätigt, dass bisher weniger als 10 Prozent der neuen Funktionen von Windows 10 gezeigt wurden. Das finale Produkt soll sich von der derzeit erhältlichen Technical Preview deutlich unterscheiden.

Windows 10 spricht alle Windows-Nutzer an

Trotzdem hinterlässt Windows 10, auch wenn man es in seinem derzeitigen Stand eher als Erweiterung von Windows 8.1 betrachten kann, einen guten Ersteindruck. Microsoft hat an den richtigen Schrauben gedreht, um das Betriebssystem für Nutzer von Windows 7 und Windows 8 gleichermaßen attraktiv zu gestalten. Auf der Entwicklerkonferenz Build im April will man sich näher dem Anwender-Bereich widmen und genaueres zu den Apps unter Windows 10 verraten. Nutzer der Technical Preview werden bis dahin um ihr Feedback gebeten und erhalten laufend Updates zur Verbesserung des Systems.

Vorabversion erstaunlich stabil

Für eine so frühe Vorabversion läuft Windows 10 jedoch bereits jetzt erstaunlich stabil. Lediglich manche Apps, etwa OneNote, neigten im WebStandard-Test zu Programmabstürzen. Probleme mit noch für Windows 8.1 optimierten Treibern konnten auf unserem Testgerät hingegen keine festgestellt werden. Damit stellt sich gleichzeitig auch die Frage, wie viel sich denn eigentlich unter der Haube von Windows 10 verändert hat. Dazu gibt es derzeit zwar keine handfesten Fakten, die Vermutung lautet jedoch: Nicht allzu viel.

screenshot: martin wendel / derstandard.at

Preisgestaltung und Erscheinungsdatum unbekannt

Ob sich für Nutzer der Vorgängerversion ein Update auf Windows 10 lohnt, wird damit wohl auch maßgeblich vom Preis abhängen. Microsoft hat sich bisher jedoch nicht zur Preisgestaltung geäußert. Vertraut man den Gerüchten, wird Windows 10 zumindest für Nutzer von Windows 8 als kostenloses Update angeboten. Für Umsteiger von Windows Vista und Windows 7 gilt das jedoch womöglich nicht. Ein Erscheinungsdatum für Windows 10 hat Microsoft noch nicht angekündigt, lediglich "später im Jahr 2015" wurde als grober Termin genannt. Die finale Version wird damit wohl nicht vor nächstem Sommer erhältlich sein.

Anmeldung für die Technical Preview

Wer bereits jetzt einen Blick auf das neue Betriebssystem riskieren möchte, kann sich bei Microsoft für das Windows-Insider-Programm anmelden. Anschließend kann die Technical Preview heruntergeladen und installiert werden. Trotz des guten Gesamteindrucks empfiehlt es sich jedoch nicht, die Vorabversion als Hauptbetriebssystem einzusetzen. Als Alternative könnte Windows 10 zum Ausprobieren auch in einer virtuellen Maschine installiert werden. Beim Update einer bestehenden Installation von Windows 7 oder Windows 8 sollte zuvor unbedingt ein Backup der Daten angelegt werden. (Martin Wendel, derStandard.at, 5.10.2014)

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