Von Koryphäen, Rentieren und Kirschen

Gespräch5. Oktober 2014, 17:39
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Sie hat bereits schier Unglaubliches erreicht und will noch höher hinaus

Lindsey Vonn wird sich vorsehen müssen, denn die um zehn Jahre jüngere US-Landsfrau Mikaela Shiffrin hat ihren Durst nach Erfolgen und Rekorden noch längst nicht gestillt. Der 19-jährige, hell leuchtende Stern am US-Skihimmel möchte heuer den ersten Riesentorlauf gewinnen, auch bei manchem Super G mitmischen und denkt nicht zum ersten Mal an den Gesamtweltcup. In nicht allzu ferner Zukunft sollen dann die Rekorde purzeln, dass es nur so kracht.

Dass sie - von Gold in Sotschi verzückt - ausgeplaudert hat, von fünf Goldmedaillen bei den nächsten Olympischen Spielen in Pyeongchang zu träumen, bereut sie nun ein bisschen: "Ich wollte es eigentlich nie jemandem erzählen, weil es ja ziemlich lächerlich klingt und sich jeder denken muss: 'Oh mein Gott ist die arrogant'", erzählt Shiffrin beim Medientag ihres Skiausrüsters in Altenmarkt dem STANDARD.

Großes Kristall im Visier

In nur drei Ski-Weltcup-Saisonen hat sie mit ihren Slalom-Goldmedaillen bei Olympia in Sotschi und bei der WM in Schladming, den neun Slalom-Weltcupsiegen und den zwei gewonnenen Disziplinenwertungen weit mehr erreicht als andere in ihrer gesamten Karriere. Die große Kristallkugel hat sie natürlich auch im Visier: "Ich bin sehr ehrgeizig, weiß zwar nicht, ob es mir heuer schon vergönnt ist, den Gesamtweltcup zu gewinnen, aber wenn ich jedes einzelne Rennen mein Bestes gebe, dann habe ich eine Chance. Viel wird allerdings auch davon abhängen, wie bereit ich für die schnellen Disziplinen bin."

Dass es nach dem Rücktritt von Marlies Schild noch leichter wird, als Erste im Ziel abzuschwingen, glaubt sie nicht. Sie hat heuer vor allem die Schwedinnen Frida Hansdotter und Maria Pietilä-Holmner auf der Rechnung. Die Konkurrenz sollte jedenfalls gewarnt sein, denn trotz zahlreicher PR- und Sponsor-Termine im Sommer hat Shiffrin fleißig trainiert und fühlt sich fitter denn je.

Respekt vor Schild

Der erfolgreichsten Slalomläuferin aller Zeiten zollt Shiffrin großen Respekt und sie bedauert Schilds Rücktritt: "Ich habe es immer sehr genossen, mich mit ihr zu messen. Sie hat unglaublich viel Erfahrung und weiß, wie man gewinnt. Aber ich bewundere sie auch dafür, dass sie den richtigen Zeitpunkt für ihren Rücktritt wählte", sagt sie über ihre ehemalige Markenkollegin.

Im Skiweltcup gibt es fast nichts, was die US-Amerikanerin wirklich stört, nur das viele Reisen mit ihren vier Koffern von Hotel zu Hotel schätzt sie nicht besonders und auch, dass sie immer wieder mal zu wenig Schlaf bekommt. Aber das Skifahren ist schließlich ihre Passion und all die Mühen wert. "Ich liebe es, im Starthaus zu stehen und 60 Sekunden vor mir zu haben, in denen nur ich den Berg runterfahre. Und ich liebe den Wettbewerb. Ich finde es aufregend, leicht nervös zu sein und nicht zu wissen, ob jemand schneller ist als ich", erzählt sie.

Reife und Ernte

Gereift ist ihre Leidenschaft für das Skifahren durch jeden Tag, an dem sie auf Skiern stand. Durch Trainings, durch Rennen und auch durch Adrenalin. "Ich liebe das Training, weil es da etwas Messbares gibt. Die Tore sind zwar in gewisser Weise eine Behinderung des Laufs, trotzdem machen sie mich aber auch frei."

Die großen Erfolge in ihren noch jungen Jahren bereiten ihr natürlich keine Sorgen: "Ich konnte mir vorstellen, Rennen zu gewinnen, Olympia- und WM-Gold zu holen", sagt sie locker-flockig. Nicht damit gerechnet habe sie, dass eine Straße nach ihr benannt oder dass sie für den Sieg in Levi ein Rentier bekommt. "Das sind die Kirschen auf dem Kuchen." Wenn am 25. Oktober der Weltcupauftakt in Sölden steigt, dann wird es dort bestimmt auch etwas zum Naschen geben. Der Hang am Rettenbachferner gehört zu Shiffrins Lieblings-Locations.

Heimvorteil bei der WM

Den saisonalen Höhepunkt bildet heuer die Ski-WM in Vail / Beaver Creek vom 2. bis 15. Februar 2015. Die Pisten dort gehören nicht ganz zufällig zu ihren bevorzugten Strecken. "Das wird wirklich cool, es ist unglaublich aufregend, die WM in meiner Heimatstadt zu haben", so Shiffrin, die hofft, zumindest ihren WM-Titel im Slalom verteidigen zu können. "Mit Gold in Vail würde ein Traum wahr werden. Aber wer weiß, es gibt eine Menge sehr guter Rennfahrerinnen da draußen. Ich werde sehr schnell sein müssen."

Wenn sie irgendwann einmal ihre Karriere beendet , dann möchte sie zurückblicken und sagen können, "dass ich einen neuen Skistil entwickelt habe, dass ich Frauenrennen schneller, athletischer und attraktiver gemacht habe".

Diesbezüglich hat auch Lindsey einen nicht unwesentlichen Beitrag geleistet: "Sie ist eine unglaubliche Skifahrerin, sie hat die Speed-Disziplinen bei den Damen auf ein komplett neues Level angehoben. Ich freue mich schon auf die Wettkämpfe mit ihr, im positiven Sinne, denn ich will keine Animositäten zwischen uns. Ich freue mich auch für Lindsey, wenn sie gewinnt." (Thomas Hirner, DER STANDARD, 6.10.2014)

Mikaela Shiffrin (19), geboren in Vail/Colorado, hat bereits neun Slalom-Weltcupsiege gefeiert, 2012/13 und 2013/14 den Slalom-Weltcup für sich entschieden und bei Olympia in Sotschi und bei der WM in Schladming Gold im Stangenwald geholt.

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  • Shiffrin: "Ich liebe es, im Starthaus zu stehen und 60 Sekunden vor mir zu haben, in denen nur ich den Berg runterfahre. Und ich liebe den Wettbewerb."
    foto: standard\hirner

    Shiffrin: "Ich liebe es, im Starthaus zu stehen und 60 Sekunden vor mir zu haben, in denen nur ich den Berg runterfahre. Und ich liebe den Wettbewerb."

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