Laute Adieus, leise Proteste und ein paar Elfen

4. Oktober 2014, 12:54
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Die letzten Prêt-à-porter-Schauen von Jean Paul Gaultier, Guillaume Henry bei Carven und Christophe Lemaire bei Hermès: Die Pariser Kollektionen für das kommende Frühjahr waren ganz auf Abschiede getrimmt. Abseits davon gab es einige ausgefeilte Inszenierungen zu bestaunen - etwa jene von Chanel und Dries Van Noten.

Diesmal hieß es Abschied nehmen bei der Pariser Fashion Week. Neben ein paar Neuzugängen, wie dem japanischen Designer Anrealage oder den Amerikanern Hood by Air, war die Pariser Modewoche von zahlreichen Abdankungen durchzogen. Vor allem die letzte Prêt-à-porter-Kollektion von Jean Paul Gaultier versetzte die Modebranche in Aufregung.

Gaultier

Fans und Journalisten drängten sich vor dem Eingang der Show im Kino Le Grand Rex, um sich irgendwie Zugang zu dem fast schon historischen Ereignis zu verschaffen. Das Enfant terrible der Mode selbst nahm seinen großen Abschied allerdings nicht allzu ernst - kein Wunder, schließlich war es kein endgültiges Lebewohl. Seine Haute-Couture-Linie wird der französische Designer weiterführen.

Mit einer unterhaltsamen Miss-Wahl erinnerte Gaultier dementsprechend humorvoll an die Highlights seiner mehr als 40-jährigen Karriere. Die Kategorien "Miss Smoking" oder "Miss Marinière" standen sinnbildlich für die Designs, mit denen der Modeschöpfer seinerzeit Furore machte. Besonders amüsant: die Wahl der "Miss Rédactrice de Mode", bei der er wohlwollend die Looks bekannter Moderedakteurinnen auf die Schippe nahm. Model Lindsey Wixson kam mit hochgesprayter Haarlocke als Suzy Menkes verkleidet auf den Laufsteg oder Magdalena Jasek mit roter Mähne als Grace Coddington.

Am Ende gewann Coco Rocha in einem fleischfarbenen Korsettkleid mit kegelförmigem Spitz-BH die Wahl, in Erinnerung an Madonnas legendäres Bühnenoutfit. Nach der Show stand Jean Paul Gaultier sichtlich gerührt vor den Fotografen, die Wangen über und über mit roten Kussmündern bedeckt.

Carven

Mit einer rasanten Show verabschiedete sich auch Designer Guillaume Henry vom Modehaus Carven. Henry hatte im Jahr 2009 die Kreativdirektion übernommen und die eingeschlafene Marke innerhalb kürzester Zeit zu einem der heißesten Labels gemacht. Es heißt, er werde in Zukunft Peter Copping bei Nina Ricci ersetzen.

Formel 1 im Sixties-Style

Für seine letzte Carven-Show hatte sich Henry von der Formel 1 inspirieren lassen. Dazu passend hatte er den Laufsteg in Knallgelb und mit Rennstreifen in der Mitte errichten lassen. Vertikale oder horizontale Streifen waren auch das wiederkehrende Element der Kollektion. Ebenso wie japanische Schriftzüge, Landschaftsdrucke und Details in Reptilienoptik. A-Linien-förmige Minikleider mit Reißverschlüssen, aufgesetzten Taschen und großen Kragen ließen an die 1960er-Jahre denken.

Dries Van Noten

Beim belgischen Designer Dries Van Noten war die Atmosphäre dagegen märchenhaft entrückt. Unter sanftem Vogelgezwitscher schwebten seine Models feenhaft über den handgefertigten Moos-Wollteppich der argentinischen Künstlerin Alexandra Kehayoglou. Warme Bronze- und Erdtöne mischte Van Noten mit leuchtenden Regenbogenfarben, Brokatstoffe setzte er gegen grafische Streifenmuster.

Anzughosen aus Organza, Bermudas, Sarouel-Hosen, Kleider aus wehenden Chiffonlagen, jeder der fast 60 Looks überzeugte durch ein gekonntes Layering aus unterschiedlichen Farben, Stoffen und Mustern. Hübscher Bruch zum verträumten Ambiente: die weißen Sandalen mit Keilabsatz, die der Kollektion eine sportliche Note verliehen.

Rick Owens

Sphärische Klaviermusik und das leise Geklapper der dicken Holzsandalen begleiteten Rick Owens' Models bei ihrem Weg über den Laufsteg. Seine Kriegerinnen in Ledertuniken hatte der amerikanische Designer diesmal gegen elfengleiche Wesen ausgetauscht, mit wilden fliegenden Haaren und in Tüllkleider gehüllt. Wie schon bei der letzten Männerkollektion ließ Owens sich auch für die Frauen vom russischen Ballett inspirieren. Ob Tuniken, weite Bermudas oder Tube-Tops, fast die gesamte Kollektion bestand aus Tüll. Er kam gefaltet, gesmokt, im Knitterlook oder mit kunstvollen Wabenmustern. Eine moderne Vision vom klassischen Tütü.

Alles Afrika bei Isabel Marant

Isabel Marants Vorstellung von Mode ist bekanntermaßen mehr auf Tragbarkeit bedacht. Für ihre neue Kollektion ließ sich die französische Designerin dabei von afrikanischen Stämmen inspirieren. Ein Thema, das sich schon seit jeher in ihren Designs wiederfindet, nur diesmal freier übersetzt. Breite Ledergürtel, Kordeln, Fransen und mit Muscheln besetzte Hosen ließen den Afrika-Spirit erahnen, in Kombination mit breitschultrigen Jacken, grafischen Schwarz-Weiß-Mustern und an den Waden seitlich geschnürten Jeans ergaben sie aber eine moderne und klischeefreie Version.

Chanel

Karl Lagerfeld, der Meister der Inszenierung, ließ für die Chanel-Show wieder einmal großspurig ganze Häuserzeilen unter der Glaskuppel des Grand Palais errichten. Die Haussmann-Fassaden des "Boulevard Chanel" waren aus Pappmaschee und mit Fototapete bedruckt, die Bordsteine aus Holz und in Betonfarbe bemalt. Entsprechend urban und universell war der Stil der Kollektion, ein Potpourri von Looks, die einem auf den Straßen von Paris begegnen könnten. Elegante Hosenanzüge im klassischen Tweed-Stoff, psychedelisch bedruckte Kleider oder Nadelstreifenanzüge mit großen aufgesetzten Rüschenkragen.

Und es wäre kein echter Pariser Boulevard, wenn darauf nicht auch demonstriert würde. Zum großen Finale kamen Cara Delevingne, Gisèle Bündchen und Co im Pulk und mit Megafonen in der Hand auf den Laufsteg, sangen Parolen und schwenkten Fahnen, auf denen "Be Different", "Make Fashion Not War" oder "Votez Pour Vous" stand.

Hermès

Den letzten und für viele schmerzlichen Abschied feierte Christophe Lemaire am letzten Tag der Modeschauen. 2010 hatte der zurückhaltende Franzose die Kreativdirektion von Jean Paul Gaultier für Hermès übernommen und seither mit seiner dezenten und schlichten Linie das Publikum begeistert. Nun übergibt er das Zepter an Nadège Vanhee-Cybulski, um sich in Zukunft mehr um sein eigenes Label kümmern zu können. Die Hermès-Bühne verließ er mit einer wunderschönen, von Afrika inspirierten Kollektion aus voluminösen Tuniken und drapierten Kleidern in eleganten Gips- und Rosttönen.

So eine Modeschau ist mitunter eine beschwerliche Sache: Wie gut, wenn man sich anschließend auf dem Laufsteg ausruhen kann wie hier bei Dries Van Noten.

(Estelle Marandon aus Paris, DER STANDARD, 4.10.2014)

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  • Christophe Lemaire ließ sich für Hermès von Afrika inspirieren.
    foto: ap/camus

    Christophe Lemaire ließ sich für Hermès von Afrika inspirieren.

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