El-Gawhary: IS nicht militärisch bekämpfbar

4. Oktober 2014, 08:32
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Politische Lösungen durch Türkei, Iran und Saudi Arabien - Syrienkrieg und Unterstützung radikaler Gruppen durch Golfstaaten förderten Entstehung von Terrormiliz

Wien - Um die kriegerischen Auseinandersetzungen im arabischen Raum beizulegen braucht es laut ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary eine Entschärfung des Syrienkrieges sowie Lösungen politischer, nicht militärischer Natur, im arabischen Raum.

Für die Schlichtung seien regionale Mächte wie etwa die Türkei, Saudi Arabien oder den Iran gefragt, nicht aber den Westen, sagte der Nahost-Kenner in einer Diskussion des Karl-Renner-Instituts am Freitagabend in Wien.

Die Terrormiliz IS ("Islamischer Staat") sei zum einen das Produkt des mittlerweile vier Jahre langen syrischen Bürgerkrieges. "Dieser Krieg hat viele Leute dazu gebracht zu glauben, dass der IS der Erlöser ist. Man muss sich überlegen, was diese Menschen erlebt haben, um solche Schlüsse zu ziehen", so der Journalist. Andererseits sei die prekäre Situation im Irak das Ergebnis einer "komplett verfehlten Besatzungspolitik" der USA. "Die irakische Armee wurde komplett gestrichen, gut ausgebildete Leute ohne Job auf die Straße gesetzt. Diese Offiziere kämpfen nun zum Teil mit dem IS." Dass die irakischen Sunniten jahrelang unterdrückt und außen vor gelassen wurden, sieht er zudem als Grund an, dass diese die Terrormiliz nun teilweise unterstützen.

Durch die ausweglose Situation im Syrienkrieg ist es laut El-Gawhary vermehrt zur Radikalisierung von Gruppen gekommen. "Die Golfstaaten haben schließlich jene Gruppierungen unterstützt, von denen sie dachten, dass sie ihnen nach dem Fall von Staatschef Bashar al-Assad hilfreich sein können", so der Experte. "Diese erzkonservativen Staaten sind einer der Hauptgründe dafür, warum der IS überhaupt erst entstanden ist und jetzt bombardieren sie deren Stellung. Das wird auf Dauer nicht gut gehen", meinte er. In Syrien müsse außerdem eine Alternative für Assad gefunden werden. "Das ist problematisch, denn viele, die ihn unterstützen, tun das nicht deshalb, weil sie ihn gut finden, sondern weil sie schlicht Angst vor dem haben, was sonst kommen mag", erklärte El-Gawhary.

Politische, nicht militärische Lösungen

Um die Jihadisten zu schwächen müsse man ihnen auch erst "den sunnitischen Teppich unter den Füßen weg ziehen". Dazu brauche es aber politische, nicht militärische Lösungen. "Es hat noch nie funktioniert, mit militärischer Macht die Kräfteverhältnisse im Inneren eines Landes in seinem Sinn zu verändern", sagte El-Gawhary. Je mehr bombardiert und beschossen werde, desto eher würden sich die Kämpfer in die Guerilla-Technik zurückziehen und Anschläge verüben.

Der Schlüssel zur Beilegung der Konflikte liegt für El-Gawhary nicht im Einschreiten des Westens. "Wir haben eine Situation, in der regionale Mächte wie die Türkei, Saudi Arabien und der Iran viel wichtiger sind. Ohne sie kann man keine Politik machen. Wir müssen uns langsam an den Gedanken gewöhnen, dass der Westen hier nicht der Tonmeister ist." Das Aufstellen einer Einheitsregierung in Bagdad sei ebenfalls ein guter Schritt, aber: "Es geht nicht darum, wie viele sunnitische Minister im Kabinett sitzen, sondern darum, ganze Regionen, die vollkommen ausgeschlossen wurden, wieder mit einzubeziehen." Dass die USA im Kampf gegen den IS "moderate syrische Rebellen" rekrutieren wollen, hält er für ein zweifelhaftes Unterfangen: "Nach vier Jahren Syrienkrieg ist wohl wenig Moderates übrig geblieben."

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