Nestroys "Der Zerrissene": Güldene Treppe in den Scheintod

3. Oktober 2014, 18:08
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Michael Gampe inszeniert das Stück im Theater in der Josefstadt

Wien - Was Geld mit den Menschen macht, ist eine der zeitlosesten und immer wieder spannenden Versuchsanordnungen am Theater. Mit einer Wahl wie dem Zerrissenen von Johann Nestroy kann man da nichts falsch machen: Ein reicher, an der Seele kranker Mann, ein berechnendes leichtes, ein herzensgutes braves Mädchen, dazu ein paar einfältige Charakterköpfe und eine irrsinnige, dem Ennui entsprungene Idee (die Erstbeste ehelichen, die des Weges kommt) - da ist viel Platz für menschliche Schwächen.

Was Michael Gampe in der Josefstadt aus dieser Vorlage gemacht hat, lässt sich sehen. Er stellt dem sinnsuchenden Kapitalisten eine goldene, sich nach unten verjüngende Treppe auf die Bühne (Erich Uiberlacker), flankiert von Wänden, durch deren Gänge die beflissene Entourage in stutzerhaften Anzügen wuselt.

Michael Dangl gibt den "Zerrissenen" Herrn von Lips mit nonchalanter Verzweiflung, uneitel und komödiantisch, ohne brachial zu sein. Man schaut ihm gerne zu. Heiraten will er - per Zufallsentscheid - Madame Schleyer, die wiederum den Schlosser Gluthammer einst in heiratsschwindlerischer Absicht in dem Glauben ließ, sie wäre vor der Hochzeit entführt worden. Weil er glaubt, sie befreien zu müssen, kommt es zu einer Bubenrauferei zwischen von Lips und Gluthammer, die in einem unglücklichen Wassersturz und dem wechselseitigen Irrglauben, den anderen gemordet zu haben, endet. Martin Zauner sieht man seinen Spaß förmlich an beim Spielen des Ur-Wieners Gluthammer, der sich selber so brutal ernst nimmt, dass es nur noch komisch ist. Seine immer noch angebetete Madame Schleyer gibt, als routiniert mit ihren Männern wirtschaftende Frau mit Drang zum Höheren, Marianne Nentwich, die später am Premierenabend noch zur Doyenne der Josefstadt ernannt wird.

Trifft sich gut, dass ihr einer der schönsten Momente des Abends gehört: Nach dem etwas unbeholfenen Sturz der Raufbolde übers Geländer am Rand der Treppe steht sie dort, umgeben vom Lips'schen Gefolge, wie einst Marilyn Monroe, als sie von den Diamanten sang, die einem die Miete zahlen. Probleme, die auch eine Madame kennt, der gerade der reiche Verlobte abhandenkam.

Dieser wiederum findet in räumlicher wie emotionaler Hinsicht Zuflucht beim Bauernmädel Kathi: bei Martina Ebm eine so kerngesunde, ehrliche Haut, dass man meint, an ihr die Seife riechen zu können.

Gampe inszeniert mit Gespür für das richtige Tempo, die Dialoge sitzen genau wie die Pointen, ohne sich anzubiedern. Er überfrachtet das - in seiner Botschaft ohnehin klare - Stück auch nicht unnötig mit Aktualisierungen. Nur in den Couplets (Nicolaus Hagg) geht man auf die Verlogenheiten der Neuzeit ein: wie schönheitsoperierte Frauen behaupten, ihre starre Mimik sei Natur etwa, oder knickerige Passanten, dass sie ja zu Hause schon drei Augustin hätten. Eine süffige, gleichwohl nicht unreflektierte Versuchsanordnung, die beweist, was zu beweisen war: Das Geld macht mit dem Menschen, was es will. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 4.10.2014)

Nächste Vorstellung: 16. 10., 19.30

  • Die neue Doyenne der Josefstadt, Marianne Nentwich, in Marilyn-Monroe-Gedächtnispose in Nestroys "Der Zerrissene".
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die neue Doyenne der Josefstadt, Marianne Nentwich, in Marilyn-Monroe-Gedächtnispose in Nestroys "Der Zerrissene".

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