Ein Episodentheater mit der Kunst der Selbstironie

3. Oktober 2014, 18:00
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Zweieinhalb Episoden der Serie "Life and Times" zeigt das Nature Theater of Oklahoma beim Steirischen Herbst, also dem Festival, das den New Yorkern 2007 zum Sprung nach Europa verhalf. Vier Stunden mit Animationsfilm, Lesezeit und witzigen Schauspielern

Graz - "Denken Sie sich das hier nicht als Kunstprojekt, denken Sie es sich als Lebensprojekt!" Der Mann, der aussieht wie ein schlecht kostümierter Pirat mit unechten Beikeles und schwarzer Brille, versucht enthusiasmiert das Publikum mitzureißen. Gerade hat er noch seine Kollegen auf der Bühne davon zu überzeugen versucht, ihr Leben zu ändern und gesünder zu leben.

Lebensgeschichte am Telefon

Was die Zuseher hier sehen, ist tatsächlich ein "Lebensprojekt". Denn Life and Times der aus der New Yorker Off-Szene stammenden Truppe mit dem kafkaesken Namen Nature Theater of Oklahoma rund um Kelly Copper und Pavol Liska ist eine Lebensgeschichte. Jene, die Ensemblemitglied Kristin Worrall in 16 Stunden Telefonaten Liska erzählt hat. Zehn Telefonate sollen in zehn Episoden erzählt werden.

Die Mittel der Truppe, die schon 2007 (No Dice) und 2008 (Poetics: A Ballet Brut) im "Herbst" zu Gast war, sind vielfältig: Waren sie anfangs auf Tanz und Performance konzentriert, gilt es seit einigen Jahren Neues zu lernen. Für die nun in Graz gezeigten Episoden viereinhalb, fünf und sechs griff das Kollektiv zu Darstellungsformen, die man im Theater nicht zwingend erwartet.

Es beginnt mit einem großen braunen Briefumschlag, den man beim Eingang in den György-Ligeti-Saal im Mumuth bekommt. Man darf ihn zuerst nicht öffnen. Dann wird Episode 4.5 gezeigt: ein Animationsfilm. In bunten, flirrenden Zeichnungen ziehen Erinnerungen von Worrall an den Biologieunterricht, Mitschüler und vor allem ihren Kater Bentley vorüber. Die Texte aus den Telefonaten sind direkt aus der Umgangssprache übernommen - mit jedem englischen "um" (äh), mit jedem Stottern und Versprecher. Dass der teils banale, aber durch seine offene, persönliche Natur auch wieder dramatische Text als Soundtrack gesungen wird, ergibt die ganz besondere Ästhetik.

Etwa wenn Liska zu Worrall sagt "You are breaking", als sie gerade erzählt, wie sie trotz des geliebten Haustieres eine Katzenallergie pflegt. Liska meinte die schlechte Telefonverbindung, doch verbunden mit anschwellender Musik klingt es wie die Ankündigung eines Traumas.

Der Film ist vorbei, und aus dem Kino wird ein Lesesaal. Im Briefumschlag ist ein schönes tintenblaues Buch mit goldenen Lettern darauf: Episode V darf jeder selbst lesen. Mit einer kleinen Leselampe um den Hals, begleitet von Orgelmusik. Der Organist vor der Bühne erinnert an die Pianisten in alten Lichtspieltheatern. In diesem vom "Herbst" mitproduzierten Buch versuchte sich das Ensemble an der Kunst der Kalligrafie. Die Erinnerungen Worralls an die erste Liebe ähneln formal einer mittelalterlichen Bibel - vielleicht von einem noch ungelenken jungen Mönch gemalt.

Die Bilder jedoch, die - in jedem Sinne - liebevoll neben die Texte gemalt wurden, hätte kein Mönch zu malen gewagt: Sie zeigen Copper und Liska beim Sex in jeder erdenklichen Stellung in ihrem Zuhause. Ein biblisches Kamasutra, bei dem es auf der Couch, auf dem Tisch, auf der Küchenanrichte oder in der Badewanne zur Sache geht. 45 Minuten hat man Zeit für das Buch.

Dann, nach einer Pause mit Erdnussbuttersandwiches und Dr.-Pepper-Limo für alle, gibt es "echtes" Theater: Episode 6. Im alten Setting der Produktion No Dice dramatisieren drei Männer und zwei stille Frauen die Gespräche, die sie über die eigene Arbeit geführt haben: Da ist der Pirat, ein dicker Mann in bauchfreier Sportbekleidung und ein Mix aus Cowboy und Trucker, die durch teils absurde Akzente oder Dialekte ihre Originalgespräche überhöhen und durch verschiedene Genres ziehen wie durch süßesten Kakao. Allein für ihre Selbstironie muss man sie lieben - auch vier Stunden lang. Im Publikum gab es beim begeisterten Applaus viele nasse Augen - man hatte Tränen gelacht. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 4.10.2014)

Nächste Vorstellung, 4. 10., 19.30

  • Irgendwann wird auch getanzt. Aber wenig und am Schluss: Bei Episode 6 blieb jedenfalls vor allem ob der Sprach- und Dialektakrobatik der New Yorker kaum ein Auge im Publikum trocken.
    foto: steirischer herbst / wolfgang silveri

    Irgendwann wird auch getanzt. Aber wenig und am Schluss: Bei Episode 6 blieb jedenfalls vor allem ob der Sprach- und Dialektakrobatik der New Yorker kaum ein Auge im Publikum trocken.

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