Und jetzt nur noch ein Bacherl vorm Haus

6. Oktober 2014, 05:30
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Zum Jubiläum tritt STANDARD-Fotografin Lisi Specht selbst vor die Kamera und zeigt uns, wie sie lebt

Seit fünf Jahren gibt es das STANDARD-Wohngespräch. Fast immer mit dabei: Lisi Specht. Zum Jubiläum tritt die Wiener Fotografin vor die Kamera und betätigt den Selbstauslöser. Wojciech Czaja schaute ihr dabei zu.

"Bis jetzt bin ich als Fotografin der Wohngespräche immer hinter der Kamera gestanden. Nun, zum deren fünftem Geburtstag, wurde die vor die Kamera gebeten. Ich muss gestehen, dass das ein recht mulmiges Gefühl ist. Ein bisschen fürchte ich mich schon vor den Postings, die bei den Wohngesprächen, wie wir wissen, ja nicht immer die nettesten sind. Aber das passt schon. Ich habe bisher rund 200 Wohngespräche fotografiert und dafür 200 fremde Wohnungen betreten. Da ist es nur fair, auch Einblick in meine Wohnung zu geben. Ein Selbstporträt mit Selbstauslöser!

foto: lisi specht
"Endlich! Ich bin angekommen." Die STANDARD-Fotografin Lisi Specht und ihr sechs Jahre alter Mischling Charlie auf der Wohngespräch-Party in ihrem Wohnzimmer. (Bildansicht durch Klick vergrößern)

Es ist jedes Mal interessant, eine fremde Wohnung zu betreten. Nicht unbedingt, weil ich voyeuristisch veranlagt wäre, sondern weil mich das Spektrum dessen, was Wohnen alles sein kann, zutiefst fasziniert. Und dann noch die ganz persönlichen, individuellen Geschichten, was Wohnen für jede Einzelne, jeden Einzelnen bedeutet. Ich gehe mit dieser Privatheit, wenn ich auf Besuch bin, sehr behutsam um. Ich habe großen Respekt davor, wenn Menschen die Öffentlichkeit in ihre eigenen vier Wänden reinlassen.

Es gibt viele Wohnungen, die mich beeindruckt haben. In manchen habe ich mich auf Anhieb wohlgefühlt und wollte eigentlich nicht wieder weg, weil alles so stimmig und wohnlich ist, weil Wohnung und Bewohner so gut miteinander harmonieren. Am meisten beeindruckt hat mich wohl die Wohnung der Wiener Künstlerin Parasolia, die auf ihren 80 Quadratmetern eine Art zweite Wohnung an die Decke gepickt und geschraubt hat - mitsamt Sofa, Fauteuils, Lampen und Fernseher. Ein Wahnsinn, unglaublich fantasievoll! Für mich persönlich ist Wohnen ein Safe Place. Da bin ich bei mir, da kann ich sein, wer ich bin, hier kann ich mich erden. Ich bin in meinem Leben schon oft umgezogen, sicher so an die fünfzehnmal. Daher bin ich froh, dass ich hier jetzt so richtig angekommen bin. Endlich!

Ich lebe hier jetzt seit sechs Jahren, gemeinsam mit meinem Mann Johannes, der als Musiker arbeitet. Die Wohnung hat 90 Quadratmeter und liegt im zweiten Bezirk, im Innenhof einer ehemaligen Ofenfabrik mitsamt Terrasse, genauer gesagt auf dem Dach eines Supermarktes. Die Lage ist praktisch. Wenn ich alt und klapprig bin, denke ich mir, werde ich später einmal durch die Oberlichtfenster den Korb in den Billa runterlassen, mit einem Einkaufszetterl und ein bissl Bargeld drin, und ihn eine Viertelstunde später wieder in den ersten Stock hochziehen.

Mein Arbeitsraum befindet sich direkt in der Wohnung. Hinter mir sieht man die Scheinwerfer, die ich für die Studiofotografie brauche. Ansonsten arbeite ich lieber mit Tageslicht. Ich brauche diese Vermischung zwischen Wohnen und Arbeiten. Erstens habe ich gern alles kompakt um mich herum und griffbereit, zweitens ist die Fotografie für mich ja nicht nur ein Job, sondern auch Leidenschaft. Außerdem darf man nicht vergessen, dass ich den Großteil meiner Arbeitszeit ja sowieso draußen bin - im Freien, in Büros, an diversen Locations oder eben in fremden Wohnungen. Da ist es wichtig, dass ich untertags einen Teil meiner Arbeit zu Hause machen kann. Ich mag unseren Einrichtungsmix. Das meiste ist gemütlich und unaufregend, ab und zu taucht irgendwo ein kleines Schmuckstück auf wie die Siebzigerjahre-Leuchte über der Couch mit dem wunderbaren Namen Sputnic. Ansonsten haben wir einige Kunstwerke von Freunden, wobei es mir die Fotografie natürlich besonders angetan hat. Alles in allem bin ich wunschlos glücklich hier. Na ja, fast! Jetzt hätte ich nur noch gern, dass draußen auf der Terrasse ein Bacherl vorbeifließt, dem ich beim Plätschern zuschauen kann." (DER STANDARD, 4.10.2014)

Lisi Specht, geboren 1969 in Kärnten, studierte Betriebswirtschaft in Graz, arbeitete zu Beginn in Werbeagenturen in Wien und Hamburg (u. a. Haslinger Keck und Büro X), entwickelte danach Webkonzepte für Unternehmen und begann mit der autodidaktischen Ausbildung zur Fotografin. Sie lebte ein Jahr in New York. Seit 1998 arbeitet sie als Berufsfotografin für Magazine sowie für Geschäfts- und Werbekunden, u. a. für den STANDARD, für die Arbeiterkammer, für das Wiener Museumsquartier, für Diners Club, Whiskas und die Österreich Werbung.

Link

www.lisi.at

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