Teenage-Kicks reloaded

3. Oktober 2014, 17:43
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Party zu Zeiten des Internets

Teeniepartys haben etwas an sich, das allen Wohnungsinhabern dezente oder auch weniger dezente Grausbirnen auf die Stirne treibt. Menschen knapp unter der Grenze der Volljährigkeit verhalten sich oft dem Aggregatzustand der zu befeiernden Immobilie entsprechend entweder als freie Radikale, Vertreter der Chaostheorie oder einfach als Anhänger von Osmose zwischen Zerstörung und Überflutung.

Faszinierend ist, wie sehr sich die Erinnerungen an die eigene Jugend mit der Entrüstung über die aktuelle korrumpieren lassen. Allen Ernstes klagen Elternkollegen, noch nie illuminiert den Mageninhalt auf anderer Leute Bäderfliesen verteilt zu haben. Keine Liebesorgien in fremden Ehegemächern. Keine dabei zerstörten Luxusgegenstände.

Diverse Verirrungen im Zwischenmenschlichen seien ihnen auch nie passiert. Nie. Maximal kleine Nachtmusikserenaden vor den Fenstern der Angebeteten oder ein romantisch gehauchter Kuss vom Balkon. Wenn man selig ist und ihnen Glauben schenkt. Die eigenen Eltern und nunmehrigen Großeltern wären auch gewiss noch nie über den nächtlichen Verbleib im Unklaren gelassen worden.

Das eigene nun so unerklärlich auszuckende Kind sei schlimmer als jeder Brutus. Man ist versucht, gemeinsame Erinnerungen an jene Zeit so liebevoll wie vorsichtig wieder aufzuwärmen. Es werden Bilder geweckt, die man, wie schlafende Hunde auch, besser nie angerührt hätte. Zum Beispiel ebenjene Wuteltern, die sich - damals noch singulär - rücklings in geflochtenen Rattanriesenmistkübeln diverser Unterkünfte gewälzt haben, um sich anschließend ungefragt zum angepeilten Lustobjekt ins Matratzenlager zu wuchten, Kartoffelschalen im Haar und Bierfahne volle Kraft voraus.

Das Koten auf Autodächer. Im Stiegenhaus herumirrende wankende Gestalten, dramatischer als jeder Goethefaust. Jugendliche Gastgeber am Rande des Nervenzusammenbruchs. Rettungseinsätze, bei denen nahe Freunde der Familie das gesamte Schadensausmaß detailgetreu an die abwesenden Eltern weitergeben - ungeachtet aller versprochenen Putzorgien vor deren Rückkehr. Ja, alles ist schon einmal da gewesen. Bis auf die Mengenlehre einer Facebookveranstaltung. Die Party zu Zeiten des Internets bietet eine Steigerung der unbegrenzten Möglichkeiten, eine kleine zünftige Zusammenkunft aus dem Ruder laufen zu lassen. Die Großelterngeneration sieht - im Glauben an die ausgleichende Gerechtigkeit des Universums bestärkt - hämisch grinsend zu und den wohlverdienten Pay-Day angebrochen. Deine sind auch nicht besser. Aber besser vernetzt. Ätsch. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 4.10.2014)

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