Philippe Jordan: Symphoniker auf schwungvollem Mittelweg

3. Oktober 2014, 17:06
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Die Bilanz im Wiener Konzerthaus fiel durchwachsen aus

Wien - "Antrittskonzerte von Philippe Jordan als Chefdirigent der Wiener Symphoniker": Feierlich klang es im Programmheft; feierlich war die Stimmung im Großen Konzerthaussaal. Das Programm: dazu angetan, neue Wege in der Repertoireentwicklung zu skizzieren. Das Orchester: fabelhaft disponiert, gut vorbereitet, in prachtvoller Spiellaune. Der Dirigent: präzise, souverän, schwungvoll und mitunter zupackend.

Die Bilanz fiel dennoch durchwachsen aus. Denn bei Schuberts Erster Symphonie war zwar alles akkurat durchgestaltet, doch blieben Fragen offen. Zunächst jene nach dem Interpretationsstil: Jordan schien sich nicht zwischen einem "symphonisch" breiten Zugang und einem "historisch informierten" entscheiden zu wollen. Der Mittelweg zwischen breitem Klang und kleinteiliger Artikulation wirkte unausgegoren.

Derartige Fragen wären hinfällig geblieben, hätte sich aus allem Schwung auch ein überzeugender Zug entwickelt. Doch die ersten drei Sätze schienen auf der Stelle zu treten, bevor das Finale dann davoneilte. Und was vor allem fehlte, war sinnfälliges Atmen in der Phrasierung, war bei allem Esprit die spontane Inspiration. Ähnlich ambitioniert die Glagolitische Messe von Janácek, die Orchester und Dirigent brillant und wohlabgewogen umsetzten.

Doch wirkten die manischen Motivwiederholungen und die existenzielle Verzweiflung, die aus dem Werk spricht, allzu kultiviert. So blieb es beim effektvollen Konzertstück auf hohem Orchesterniveau. Organist Robert Kovács war eine Nummer für sich. Doch nicht nur die mächtig besetzte und im mittleren Bereich der Ton- und Gemütslagen sehr verlässliche Wiener Singakademie stieß zuweilen an ihre Grenzen, auch die Solisten (Ricarda Merbeth, Marina Prudenskaja, Torsten Kerl, Alexander Vinogradov) wirkten trotz all ihrer Qualitäten nicht sonderlich ausgewogen. Wie auch immer. Es ist ja erst der Beginn einer neuen Ära. Gelegenheiten, dass aus der Hoffnung Freude wird, gibt es noch genug. (daen, DER STANDARD, 4.10.2014)

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