Mit Zenmate gegen Netzsperren: Tarnkappe für PC und Smartphone

4. Oktober 2014, 09:46
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Zur Umgehung von Ländersperren können Nutzer einen virtuellen Standort aussuchen

Das Berliner Start-up Zenmate verspricht mehr Privatsphäre im Web für PC und Smartphones. Eine Erweiterung für die Webbrowser Chrome und Firefox sowie eine App für iPhones und Android-Smartphones sorgt dafür, dass Webseiten nicht mehr wissen, woher der Nutzer kommt. Ist Zenmate installiert, verbindet sich der Browser nicht mehr direkt mit einer Webseite, sondern nimmt den Umweg über ein sogenanntes virtuelles privates Netzwerk – kurz VPN –, das die Identität des Nutzers verbirgt.

Die virtuelle Tarnkappe konnte schnell viele Nutzer überzeugen – nicht nur weil sie sicheres Surfen in unsicheren Netzen wie öffentlichen WLANs und mehr Privatsphäre verspricht, sondern vor allem auch, weil sich damit nervende Ländersperren im Internet umgehen lassen. Egal ob die berüchtigten Gema-Sperrtafeln bei Youtube oder das Ausschließen deutscher Nutzer beim deutlich größeren US-Angebot der Online-Videothek Netflix – Zenmate-Nutzer haben derzeit noch freien Zugriff.

Schon 5 Millionen Nutzer

In sechs Monaten konnte die App laut eigenen Angaben die Anzahl der Nutzer von einer Million auf heute 5 Millionen in 180 Ländern steigern. Das rasante Wachstum hat auch das Interesse von Wagniskapitalgebern geweckt: Bekannte Größen unter den deutschen Wagniskapitalgebern wie T-Ventures und Holtzbrinck Ventures haben zuletzt 3,2 Millionen Euro in das Unternehmen investiert. Inzwischen hat das Unternehmen 32 Mitarbeiter – inklusive der freien Mitarbeiter, Praktikanten und Werksstudenten.

Eingesetzt wird Zenmate aus zwei völlig unterschiedlichen Motiven: Vor allem in Ländern mit staatlicher Zensur und starker Überwachung des Internets wird es zur Verschleierung der Identität und Umgehung technischer Zensurmaßnahmen genutzt. In der westlichen Welt dagegen geht es den Nutzern in der Regel um etwas völlig anderes: Sie wollen beispielsweise das weitreichende Streaming-Angebot von Netflix aus den USA erreichen und suchen daher technische Maßnahmen, um gegenüber den Netflix-Servern so zu tun, als seien sie US-Amerikaner.

Technisch wird bei jedem VPN-Dienst – so auch Zenmate – eine verschlüsselte Verbindung zu einem Server aufgebaut. Anstatt dass der PC oder das Smartphone dann Daten direkt von einem Server anfragt, wird der Umweg über den Server des Anbieters gegangen, in diesem Falle Zenmate. Damit kann der Nutzer auch vortäuschen, sich in einem anderen Land aufzuhalten, als es eigentlich der Fall ist. Die Nutzung von VPNs zu beiden Zwecken ist kein neues Phänomen. Viele kostenlose VPN-Anbieter sind allerdings langsam und unzuverlässig, Zenmate verspricht schnell und einfach in der Handhabung zu sein. Zu den wichtigsten Wettbewerber gehören unter anderem die Programme Hotspot Shield, Tunnelbear und Steganos.

"Wir selbst verstehen uns in allererster Linie als Privatsphäre- und Sicherheits-Tool", sagt Simon Specka, Geschäftsführer und Mitgründer von Zenguard, dem Unternehmen hinter Zenmate. Dazu gehöre auch, dass das Unternehmen nach dem Prinzip der Datensparsamkeit so wenige Daten wie möglich über die eigenen Kunden speichere. Mögliche Einsetzwecke seien beispielsweise öffentliche WLAN-Hotspots in Cafés oder im Hotel, bei denen unverschlüsselter Datenverkehr ansonsten durch andere Teilnehmer des Netzwerks oder Administratoren mittels Programmen wie Wireshark mitgelesen werden könnte.

Bei IT-Sicherheitsexperte Linus Neumann, Sprecher des Chaos Computer Clubs, stößt das Konzept allerdings auf Kritik. Beim Einsatz eines klassischen VPN-Programms werde sämtlicher Datenverkehr zum Server verschlüsselt übertragen – nicht wie bei Zenmate nur der des Webbrowsers. Als reine Browserlösung gebe es zudem beispielsweise den kostenlosen Tor-Browser, "der das gleiche erreicht, ohne dass ich meinen Traffic durch eine zentrale Instanz routen muss", sagt Neumann.

Zenmate erlaubt es jedem, auch dem, der keinen VPN-Client kennt oder installieren kann, in den meisten Anwendungsfällen sicher unterwegs zu sein ohne sich dabei im Wirrwarr von Betriebssystemen, VPN-Protokollen und Konfigurationsmöglichkeiten zurechtfinden zu müssen", sagt dagegen Zenguard-Chef Specka.

Flash kann die Identität enttarnen

Die Einfachheit hat allerdings ihren Preis: So kann beispielsweise der auf fast sämtlichen PCs installierte Flash-Player zu einer Falle werden, weil der Datenverkehr des Multimedia-Plugins nicht über VPN geleitet wird. Im beliebten Webbrowser Chrome von Google ist die Flash-Erweiterung sogar schon fest eingebaut. Zenmate verweist auf der eigenen Webseite auf die Browserweiterung Flash Control, um die Gefahr abzuwehren. Mittels Flash Control zwingt der Nutzer auch den Flash-Player dazu, über den VPN-Server statt mit der Webseite direkt zu kommunizieren.

Während das nicht-kommerzielle Anonymisierungs-Netzwerk Tor sich aus Servern von Tausenden Freiwilligen weltweit zusammensetzt, ist der zentrale Ansatz von Zenmate zudem durch staatliche Zensurmaßnahmen leichter zu treffen. Die chinesische Regierung blockiere den Dienst beispielsweise, sagt Specka. Aus Ressourcegründen habe sich das Unternehmen entschlossen, darauf zu verzichten, den Dienst durch technische Maßnahmen auch in China wieder anzubieten.

Kein Ersatz ist Zenmate für Anti-Viren-Programme – Specka sieht es vielmehr als eine Ergänzung. Denn Zenmate sorgt zwar für eine verschlüsselte Kommunikation in einem Netzwerk, sodass Daten nicht ausgespäht werden können. Dass diese Daten aber die Sicherheit des PCs oder Smartphones nicht gefährden, garantiert Zenmate keinesfalls.

Warum die Nutzer Zenmate einsetzten, schwanke stark von Land zu Land, ergab eine Umfrage unter den eigenen Nutzern. In westlichen Ländern wollten die meisten Nutzer vor allem Ländersperren wie die von Netflix umgehen, in Ländern wie der Türkei werde Zenmate dagegen vor allem für den Gewinn von Sicherheit und Privatsphäre genutzt. Besonders viele Nutzer kommen aus Nordamerika, Zentraleuropa, Südkorea und der Türkei.

Laut Medienberichten üben die Inhaber von Film- und Serienrechten derzeit Druck auf Netflix aus, VPN-Nutzer vom Angebot auszusperren. Ob derartige Sperren derzeitig oder zukünftig angewendet werden, dazu will sich Netflix nicht äußern. "Da die Filme und TV-Shows auf Netflix lizenzrechtlichen Beschränkungen unterliegen, sind wir verpflichtet, Geo-Filterung zu verwenden, um eine grenzüberschreitende Nutzung von Netflix zu verhindern", sagte ein Sprecher lediglich.

Sollte Netflix die Zenmate-Nutzer ausschließen, könnte das noch zum Risiko für die Investoren werden, die zuletzt weitere 3,2 Millionen Dollar ins Unternehmen steckten. Derzeit bittet die Firma nur die Smartphone-Kunden zur Kasse: Wer mehr als 500 Megabyte im Monat verbraucht, muss 2,50 Dollar im Monat zahlen und bekommt zusätzliche Funktionen wie eine Datenkompression, die das verbrauchte Datenvolumen reduzieren soll. Wie viele der 5 Millionen Nutzer bezahlen, will Zenmate nicht verraten.

Die größte Gefahr für die Investoren ist aber wohl, dass klassische Anti-Viren-Anbieter die Funktion zur verschlüsselten Kommunikation einfach in ihre bestehenden Softwarelösungen einbauen.

Für diesen Fall habe Zenmate allerdings schon einen Plan B, sagt Specka. (Stephan Dörner, wsj.de/derStandard.at, 3.10.2014)

  • Mit Zenmate können Websites mit IP-Sperren trotzdem angesurft werden.
    foto: zenmate

    Mit Zenmate können Websites mit IP-Sperren trotzdem angesurft werden.

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