Jane Goodall: Der Klimawandel könnte ein Weckruf sein

Interview5. Oktober 2014, 10:00
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Die berühmte Primatologin und Naturschützerin verrät, was wir von Schimpansen lernen können und was ihr Hoffnung gibt, dass unser Planet doch eine Zukunft hat

STANDARD: Sie sind die meiste Zeit des Jahres unterwegs, um Vorträge zu halten und sich für den Schutz der Natur einzusetzen. Wie lebt es sich als Idol?

Goodall: Ich sehe mich persönlich nicht als ein "Idol", auch wenn mich so viele Menschen so bezeichnen. Ich glaube aber, dass ich der Welt eine wichtige Botschaft mitzuteilen habe. Wenn es mir als "Idol" gelingt, mehr Menschen für den Naturschutz zu begeistern, dann hat das selbstverständlich auch eine gute Seite.

STANDARD: Wie erleben Sie das Älterwerden?

Goodall: Dabei hilft mir meine vegetarische Ernährung - und viel Bewegung, aber die findet meist auf den Flughäfen statt. Das Älterwerden ist ein großes Ärgernis. Viele Dinge fallen mir schwerer als früher. Weil ich weiß, dass mir immer weniger Zeit bleibt, meine Botschaft weiterzugeben, muss ich umso härter arbeiten.

STANDARD: 1986 ließen Sie Ihr Leben als Primatenforscherin zurück und wandten sich dem Umweltschutz zu. Vermissen Sie ihre Arbeit mit den Schimpansen in Gombe?

Goodall: Ja, die fehlt mir tatsächlich sehr. Am meisten vermisse ich es, allein im Wald zu sein, Daten zu sammeln und wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben.

STANDARD: Ihre Arbeit hat die Verhaltensforschung revolutioniert. Davor glaubte man, dass Werkzeuggebrauch dem Menschen vorbehalten ist. Was, denken Sie, unterscheidet uns von anderen Arten?

Goodall: Ich glaube, dass es vor allem die Entwicklung der Sprache war. Sie ermöglichte uns, Dinge zu beschreiben, die nicht unmittelbar präsent sind, für die Zukunft zu planen und Ideen auszutauschen. Die Sprache war der Motor, der zur Ausbildung unserer Intelligenz geführt hat. Bei Schimpansen können wir Ähnliches beobachten: Sie kommunizieren mit komplexen Lauten, Gesten und Körperhaltungen. Und sie können die Taubstummensprache lernen. So zeigte sich, dass sie zu beeindruckenden intellektuellen Leistungen fähig sind, die früher nur uns zugestanden wurden.

STANDARD: Es bereitet schon Schwierigkeiten, Menschen aus anderen Kulturen zu verstehen. Ist es dann nicht noch problematischer zu erkennen, was im Kopf eines Schimpansen vorgeht?

Goodall: Und dennoch teilen Menschen aller Kulturen dieselben grundlegenden Emotionen - Angst, Freude, Trauer oder Aufregung. Mittlerweile ist es allgemein anerkannt, dass Schimpansen ganz ähnliche Gefühle haben. Freilich werden wir niemals völlig verstehen können, was in einem Schimpansen vorgeht. Bisweilen können wir aber erraten, warum sie tun, was sie tun - weil sie uns eben so ähnlich sind.

STANDARD: Sie haben bei Schimpansen individuelle Persönlichkeiten und Gefühle beobachtet. Glauben Sie, dass das auch bei weniger intelligenten Tierarten vorkommt?

Goodall: Ich bin absolut überzeugt davon, dass alle Säugetiere, Vögel und darüber hinaus noch viele andere Tiere - etwa auch der Oktopus, wie neueste Forschungsergebnisse zeigen - über eigene Persönlichkeiten verfügen. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass viele dieser Tiere Gefühle haben, die zumindest einigen der unseren ähnlich sind. Zum Beispiel Zufriedenheit oder Angst.

STANDARD: Glauben Sie, dass Schimpansen die Fähigkeit haben, sich in andere Artgenossen oder gar Menschen hineinzufühlen?

Goodall: Die Antwort ist definitiv Ja. Die Fähigkeit, die Bedürfnisse von Artgenossen zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren, ist sehr wichtig.

STANDARD: Gibt es etwas, das wir Menschen von den Schimpansen lernen können?

Goodall: Da gibt es tatsächlich etwas: Unter Schimpansen sind - ganz so wie bei uns Menschen - gute und schlechte Mütter zu finden. Die Nachkommen von fürsorglichen, liebevollen und vor allem unterstützenden Müttern neigen dazu, in der Gruppe später eine höhere Rangordnung einzunehmen und als ausgewachsene Schimpansen bei der Fortpflanzung erfolgreicher zu sein. Und sie unterhalten entspanntere Beziehungen zu den Artgenossen. Das alles deutet darauf hin, dass die Erfahrungen in den ersten Lebensjahren äußerst wichtig sind.

STANDARD: Glauben Sie, dass Ihre Arbeit die Wahrnehmung von Frauen in der Wissenschaft verändert hat?

Goodall: Buchstäblich hunderte Frauen rund um den Globus erzählten mir, dass ihnen durch meinen Forschungen plötzlich bewusst wurde: Das könnte ich auch machen! Allmählich zeigte sich, dass Frauen in der Verhaltensforschung tatsächlich außerordentlich gute Arbeit leisten. Ich bin sicher, dass sich das auch auf andere Bereiche der Wissenschaft ausgewirkt hat.

STANDARD: Sie setzen sich für den Tierschutz ein. Wie ist Ihre Haltung gegenüber Tierversuchen?

Goodall: Tierversuche sind ein Beispiel menschlicher Arroganz. Wir denken, es sei in Ordnung, wenn wir Tiere quälen und ihnen das Leben nehmen. Heute ist es erwiesen, dass Tiere physisch und psychisch leiden können. Viele Wissenschafter arbeiten bereits an Methoden, mit denen sich auch ohne Tierversuche Krankheiten erforschen lassen. Einige dieser Alternativen existieren bereits. Aber wir haben in dieser Frage noch einen langen Weg zu gehen. Immerhin haben wir Menschen einen Intellekt entwickelt. Wir sollten ihn nutzen, um andere Methoden zu entwickeln.

STANDARD: Viele Menschen sehen Sie als lebende Legende. Was sehen Sie als Ihr Vermächtnis?

Goodall: Ich hoffe, dass sich die Menschen an mich aus zwei Gründen erinnern: erstens, weil ich dabei geholfen habe, zu erkennen, dass es keine scharfe Linie gibt, die uns Menschen von Tieren trennt. Zweitens möchte ich für die Gründung unserer Initiative "Roots & Shoots" in Erinnerung bleiben. Dieses globale, ökologische und humanitäre Programm soll jungen Menschen von der Vorschule bis zur Universität dazu ermutigen, die Welt zu verbessern, in der sie leben. "R&S" existiert bereits in 137 Ländern, mit 150.000 aktiven Gruppen. Ich würde mir wünschen, dass es noch viel mehr werden.

STANDARD: Der aktuelle "Living Planet Report" des WWF zeichnet ein düsteres Bild vom Zustand der Natur. Was gibt Ihnen Hoffnung für die Zukunft?

Goodall: Drei Dinge geben mir Zuversicht: die Energie und die Entschlossenheit von jungen Menschen, wenn sie die derzeitigen Probleme erkennen und daran arbeiten, sie zu lösen. Außerdem glaube ich an die Robustheit der Natur und ihre Fähigkeit, sich zu erholen. Und dann ist da noch der menschliche Intellekt: Schon heute beginnen wir damit, die Dinge anders zu machen, den menschlichen Fußabdruck zu verringern. Ich glaube, die sehr reale Bedrohung durch den Klimawandel könnte als Weckruf dienen. Wenn der Druck auf Unternehmen und Regierungen nicht nachlässt, können wir tatsächlich etwas ändern. Selbstverständlich müssen wir dabei bei uns selbst beginnen. (Thomas Bergmayr, DER STANDARD, 05.10.2014)

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