Lebensende: Krank sein, wild bleiben

3. Oktober 2014, 17:01
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Die österreichische Autorin Daniela Emminger schreibt ein Buch über das Endstadium im Leben - deprimierend ist es nicht

Medizinische Sachbücher sind mehrheitliche eine durch und durch rationale Angelegenheit. Sie erklären Krankheiten und geben Handlungsanweisungen - das alles, um irgendwie die Illusion von Kontrolle zu vermitteln.

Wer zur Abwechslung einmal die irrationale Dimension des Krankseins kennenlernen will, sollte sich an Daniela Emminger halten. Die österreichische Autorin, Jahrgang 1975, hat zwar kein Sachbuch, sondern einen Roman geschrieben, gerade deshalb leuchtet er aber eine Dimension aus, die in der Sachliteratur immer zu kurz kommt. Konkret sind es die Fantasien, die in der letzten Lebensphase ganz besonders intensiv werden können.

Aus dem Spital ausbrechen

Die Geschichte ist schnell erzählt: Karla ist Diabetikerin an der Dialyse. Sie ist in einem schlechten Zustand, ihr Leben geht zu Ende. Ihre Tochter Annie entführt sie eines Tages aus dem Krankenhaus und erfüllt ihrer Mutter all ihre letzten Wünsche.

Es sind aber total unrealistische Dinge, die dann passieren. Emminger meistert mit ihren zwei Protagonistinnen einen wilden Ritt durch die Fantasie, der deshalb ganz gut gelingt, weil sie ganz offensichtlich weiß, wie sich Menschen in der letzten Phase fühlen. Da tauchten Einstein und Loriot auf, die lange verstorbenen Eltern werden wieder lebendig und Willi Dungl bekommt auch eine Rolle.

Es geht aber auch um viel Menschliches: um Beziehungen, um Versäumnisse, um Träume - ums Leben eben. Darüber scheint die Autorin tatsächlich auch viel nachgedacht zu haben. Jedenfalls erkennen die Hauptpersonen dieses Buches immer Lebensweisheiten. Weil sie Fiktion sind, kann man sie glauben, sogar wenn es ein bisschen esoterisch wird.

Resumée und Ausblick: Das sind zentrale Themen auch für Menschen, die das Ende ihrer Tage weniger auf Road-Trips und Kreuzfahrten, sondern etwas weniger spektakulär erleben.

Aber egal: Wer Emminger die Verästelungen vor allem am Ende des Buches nachsieht, erweitert sein Verständnis zu vielen Dingen. "Sterben kann man nicht üben", lässt sie eine der beiden irgendwann sagen. Vielleicht ist man davon eines Tages aber nur ein bisschen weniger überrascht. Lesen ist schließlich eine Art "Abenteuer im Kopf". (Karin Pollack, derStandard.at, 3.10.2014)

Daniela Emminger
Schwund

182 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 978-3-902665-78-2

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    foto: klevers verlag
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