Jagd nach Schleppern unter dem Codewort Fox

3. Oktober 2014, 15:34
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Im Burgenland starteten die ersten Kontrollen nahe der Grenze. Polizisten berichten von Menschen, die luftdicht eingeschweißt werden

Wien/Nickelsdorf - Auf einer einsamen Feldstraße zwischen Halbturn und Andau, entlang der grünen Grenze zu Ungarn, sitzt ein Polizist in einem schwarzen Kleintransporter. Er ist von abgeernteten Maisfeldern umgeben, aus denen hunderte Windräder ragen. Deren rot blinkende Warnleuchten tanzen bis zum Horizont durch die Finsternis.

Der Beamte blickt jedoch starr auf zwei Bildschirme, die schwarz-weiße Bilder der Wärmekamera übertragen, die am Autodach montiert ist. Blickrichtung ist das ungarische Dorf Varbalog in rund zwei Kilometer Entfernung. Er sucht nach Flüchtlingen, die zu Fuß die grüne Grenze überqueren wollen. Außer Wildtieren und Gelsen ist an diesem Tag aber niemand mehr unterwegs. Das einzige Geräusch ist der Motor des Dreieinhalbtonners: Er muss laufen, da die Kamera zu viel Strom verbraucht.

Der Einsatz ist Teil der Schwerpunktaktion "Fox". Im Burgenland fanden am Donnerstag ab 17 Uhr in den Bezirken Eisenstadt-Umgebung und Neusiedl am See die ersten von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner im September angekündigten Kontrollen im Grenzgebiet statt. Weitere unangemeldete Einsätze in anderen Bundesländern sollen folgen. Im Fokus steht die Suche nach Schleppern, aber auch Einbrechern. Insgesamt waren am Donnerstag 50 Uniformierte, Zivilstreifen und Teams der Zentralstelle Menschenhandel im Bundeskriminalamt im Einsatz.

"Generelle Grenzkontrollen sind nicht das Ziel", betonte Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck im Rahmen der Schwerpunktaktion vor den eingeladenen Journalisten. Ziel sei es, Schlepper abzuschrecken, die die Not anderer Menschen ausnutzen.

Von dem Elend der Geschleppten kann ein Inspektor berichten, der an dem Abend nahe dem ungarischen Grenzübergang Klingenbach arbeitet. Einmal habe er Menschen entdeckt, die luftdicht in Zellophan eingeschweißt worden waren: "Ich habe sie nicht gesehen, sondern nur ertasten können." Der Grund ist, dass sich Schlepper den Methoden der Polizei anpassen. Denn teilweise werden CO2-Sonden unter Lkw-Planen geschoben. Schlägt das Gerät positiv an, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass im Inneren ausgeatmet, also CO2 produziert wurde. Daher wird das Risiko in Kauf genommen, Menschen für ein oder zwei Stunden luftdicht einzupacken.

Schlepper ändern Strategien

Der Polizist ist seit 1991 in diesem Bereich tätig; intern werden die Beamten von ihren Kollegen "Jäger" genannt. Die Menschen winkt er einerseits nach gewissen Erfahrungswerten heraus, oft entscheidet er jedoch nach Bauchgefühl. Kastenwägen, Kleintransporter sind verdächtig und gewisse Speditionen einschlägig bekannt. So werden zum Beispiel Fahrern von deutschen Speditionen von Schleppern für Pausen 1000 Euro gezahlt. "In dieser Zeit werden Flüchtlinge in die Lkws gebracht, fliegt der Fall auf, weiß der Lenker davon nichts", sagt Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle. Doch die Muster verändern sich ständig: Auch mit Taxis wird immer öfter geschleppt, und stark frequentierte Schlepperrouten werden regelmäßig geändert.

Gewalt und Erpressung

Tatzgern berichtet von einem Fall, der ihm besonders in Erinnerung blieb: Im Jahr 2009 wurden 64 Menschen auf der Südautobahn (A2) bei der Raststation Zöbern gefunden, die bereits seit 30 Stunden in einem acht Grad kalten Lieferwagen verharrt hatten. Die Menschen würden zwar freiwillig einsteigen, räumt Tatzgern ein, doch oft wüssten sie nicht, was sie erwartet. Wenn die Freiwilligkeit endet, wird Gewalt eingesetzt. Der Druck wird verstärkt, indem Familien teilweise getrennt werden, damit der Schlepperlohn bezahlt wird. Der Zustrom sei aktuell besonders aus Eritrea, Somalia, Syrien und Palästina groß. Schlepper können 5000 bis 15.000 Euro verlangen, die Fahrer bekommen rund 200 bis 300 Euro davon.

In der Prüfhalle des Zolls in Nickelsdorf wird ebenfalls nach Schleppern gefahndet. Dazu werden Lkw-Anhänger geöffnet. Ein bulgarischer Fahrer wartet geduldig, bis die Überprüfung vorbei ist. Dolmetscher ist keiner anwesend, der Mann bietet Türkisch, Serbisch, Kroatisch und Bulgarisch an, doch eine Verständigung kommt nicht zustande. "Dolmetscher werden im Anlassfall telefonisch dazugeschaltet", sagt Tatzgern. Bei dem Fahrer mit griechischem Kennzeichen sind nur Granatäpfel geladen. Zollbeamte verschließen den Laderaum wieder mit Zollschnur und -plombe. Er darf weiterfahren.

Auf einem Autobahnparkplatz auf der A4 in Zurndorf im Bezirk Neusiedl wurde die Polizei am Donnerstag hingegen fündig. Zwei Schlepper versteckten in ihrem Kombi drei Kinder im Alter von zwei, drei und sechs Jahren und drei Erwachsene. (jus, derStandard.at, 3.10.2014)

  • Schwerpunktkontrolle in Segendorf, nahe dem Grenzübergang Klingendorf. Am Donnerstag wurden im Burgenland insgesamt 600 Kontrollen durchgeführt.
    foto: robert newald

    Schwerpunktkontrolle in Segendorf, nahe dem Grenzübergang Klingendorf. Am Donnerstag wurden im Burgenland insgesamt 600 Kontrollen durchgeführt.

  • Entlang der grünen Grenze zwischen Andau und Halbturn war eine Wärmebildkamera im Einsatz, beleuchtet von Mond und Windrädern.
    foto: robert newald

    Entlang der grünen Grenze zwischen Andau und Halbturn war eine Wärmebildkamera im Einsatz, beleuchtet von Mond und Windrädern.

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