Land der Spiele: Games aus Österreich

Auch wenn die großen Player fehlen: Österreichs Entwicklerszene macht ihre Kleinheit durch Vielfalt und Innovation wieder wett

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5. Oktober 2014, 12:00

Am Anfang steht eigentlich ein Ende: Als im Jahr 2006 mit Rockstar Vienna die österreichische Zweigstelle des internationalen Entwicklerriesen Rockstar ihre Pforten schloss, waren auf einen Schlag an die 100 österreichische Spielentwickler ihren Job los. Eine Katastrophe, die zur Initialzündung für eine heute blühende, aber kleinteilige Szene von Spielentwicklern werden sollte, wie Jogi Neufeld rückblickend feststellt. "Viele Entwickler mit dem nötigen professionellen Know-how haben damals ihre eigenen Studios gegründet."

"Wir messen uns mit internationalen Unternehmen, und unsere Aufträge kommen aus dem Ausland. Trotzdem fühlen wir uns als österreichischer Entwickler."

Neufeld kennt die hiesige Szene genau, denn er sitzt im Wiener Museumsquartier an einem ihrer Vernetzungspunkte. Seit 2004 betreibt er im Herzen des Kulturbezirks das Subotron, bestehend aus einem Shop für digitale Spielkultur sowie einem gleichnamigen Verein, der sich in Vortrags- und Veranstaltungsreihen der Theorie und Praxis digitaler Spiele verschrieben hat. "Ich habe vor genau zehn Jahren meinen Sammlerwahnsinn in Sachen Spiele sozusagen ins Museumsquartier ausgelagert und zum Beruf gemacht", schmunzelt Neufeld. "Das Subotron hat vielleicht ein wenig mitgeholfen, das Kulturgut digitale Spiele in die Mitte der Gesellschaft zu hieven - aber wir arbeiten weiter an den Rändern."

foto: sproing interactive
Sproing Interactive ist der größte Videospiel-Hersteller in Österreich. Rund 90 Köpfe zählt das Team in der Wiener Zentrale.

Wie so oft in Österreich zentriert sich ein Großteil der hiesigen Gamesbranche auf die Bundeshauptstadt - die meisten Entwicklerstudios haben ihren Sitz in Wien, die wichtigsten Ausbildungsstätten und auch der Großteil der Branchenveranstaltungen sind hier zu finden. Abseits der freundschaftlichen Vernetzung untereinander sehen sich aber die wenigsten Entwickler als Lokalpatrioten.

"Unsere Projekte waren und sind immer das Ergebnis internationaler Zusammenarbeit", meint etwa Johanna Schober, COO bei Sproing Interactive. "Wir messen uns mit internationalen Unternehmen, und unsere Aufträge kommen ausschließlich aus dem Ausland. Natürlich fühlen wir uns trotzdem als österreichischer Entwickler, weil wir hier leben und weil ein Großteil des Teams österreichische Staatsbürger sind. In den Spielen spiegelt sich das aber nicht wider."

Sproing Interactive, bereits 2001 gegründet, ist mit knapp 90 Mitarbeitern das größte Unternehmen der hiesigen Branche und hat bereits über 50 Konsolenspiele sowie zahlreiche Free-to-Play-Titel entwickelt. Der Rest ist kleinteiliger aufgestellt, doch nicht weniger international orientiert: "So etwas wie 'österreichisches Gamedesign' gibt es nicht, dazu sind Genres, Arbeitsweisen und Spielmechaniken zu allgemeingültig", meint auch Jochen Kranzer vom Wiener Serious-Game-Spezialisten Ovos. Das 20-köpfige Team hat mit seinem Physik-Abenteuer "Ludwig" nicht nur den österreichischen Multimedia-Staatspreis, sondern 2013 auch den Summit Award der Vereinten Nationen erhalten.

foto: socialspiel
Das Studio SocialSpiel produziert Mobile Games und vertreibt seine Werke exklusiv über den größten koreanischen Herausgeber Nexon.

Besonders wichtig ist neben den inzwischen vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten die Unterstützung, die öffentliche Stellen der jungen Branche angedeihen lassen. Es gibt eine ausgeprägte Förderlandschaft, sowohl in kultureller wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht, die der österreichischen Branche unter die Arme greift. Unter anderem bieten die Wirtschaftsagentur Wien, die Förderbank der Republik AWS sowie die Wirtschaftskammer Hilfe für junge Unternehmer aus der Spielebranche, vor allem bei Fragen der Internationalisierung, unterstützen mit Know-how etwa bei internationalen Messeauftritten oder mit juristischer Beratung.

Barbara Fux vom knapp 20 Mann starken Entwicklerstudio Socialspiel sieht aber noch Verbesserungspotenzial: "Wir würden uns noch mehr öffentliche Fördermittel und Finanzierung wünschen, die über rein projektbasierte Unterstützung hinausgeht. In Skandinavien, etwa in Finnland, ist man hier schon weiter. Es braucht ein breites Spektrum von finanziellem Support für Spielestudios in sämtlichen Phasen, einschließlich Beteiligungen, Förderungen und vergünstigten Darlehen, die nicht nur auf Projektbasis, sondern auch für die Unternehmen selbst ausgeschüttet werden."

foto: kunabi brother
Denis (im Bild) und Davor Mikan schafften es als Kunabi Brother mit dem iPad-Spiel "Blek" zum Welthit.

Freilich ist das politische Bewusstsein für die Möglichkeiten der Gamesbranche im Norden besonders hoch - mit dem eben um 2,5 Milliarden Dollar von Microsoft aufgekauften "Minecraft"-Entwickler Mojang und dem "Angry Birds"-Millionären von Rovio sind zwei der finanziell erfolgreichsten Studios Europas Skandinavier.

Doch auch Österreichern gelingt es bisweilen, wie aus dem Nichts an die großen Namen der Branche anzuschließen. Das haben etwa die beiden Brüder Denis und Davor Mikan geschafft, die unter dem Namen Kunabi Brother mit dem Mobile-Game "Blek" nicht nur massenweise internationale Awards abräumen konnten, sondern auch ein globales Millionenpublikum erreichten - ein gar nicht so kleiner Spielehit made in Austria, der sich wochenlang an der Spitze des AppStores halten konnte. Der Weg dorthin führte auch über einen Marketingworkshop im Subotron, das sich so auch gern als erste niederschwellige Anlaufstelle für das Fußfassen in der Gamesbranche präsentiert.

Fast 150 österreichische Spielentwickler sind bereits im Verzeichnis von Gameaustria.com eingetragen.

Man sieht: Kleinheit muss kein Nachteil sein - im Zeitalter der Vernetzung ist schließlich jeder Standort gleich weit von den potenziellen Spielern entfernt. Und sogar als Einzelkämpfer kann man ein großes Publikum erreichen. "Österreich ist als Markt sowieso zu klein, deshalb ist man gezwungen, Marketing und Pressearbeit auf jeden Fall international anzulegen", sagt auch Philipp Seifried. Kleiner als der Wiener kann man nicht aufgestellt sein: "Wenn man die beiden Katzen mitzählt, sind wir zu dritt", meint der Entwickler, der soeben sein im Alleingang fertiggestelltes Weltraumspiel "Ace Ferrara and the Dino Menace" veröffentlicht hat.

Auch er blickt der Spielezukunft optimistisch entgegen: "Ich glaube, dass sich insbesondere bei kleinen Firmen in den nächsten Jahren noch sehr viel tun und sehr viel Neues entstehen wird. Die Einstiegshürden sind geringer denn je, es gibt motivierten und gut ausgebildeten Nachwuchs und eine Bereitschaft zur Kooperation. Um auch international als Standort wahrgenommen zu werden, braucht Österreich vielleicht noch ein, zwei große Studios oder ein paar international bekannte Indie-Hits. Ich bin zuversichtlich dass die noch kommen werden."

foto: hersteller
"Secrets of Raetikon", "Schein", "Blek", "Ace Ferrara and the Dino Menace" und "Son of Nor" gehören mit zu den besten Spielen, die Österreichs Games-Schmieden in jüngster Zeit hervorgebracht haben.

Fünf Tipps für Games aus Österreich

kunabi brother
"Blek" ist ein Paradebeispiel für gelungenes Mobile-Game-Design.

Blek (iOS, Android 2,19 Euro)

Der Mobile-Hit des Wiener Brüderpaars Kunabi Brother basiert auf einer simplen Idee: Der Spieler muss per Berührung einfache Gesten aufmalen, die sich dann als Animation selbstständig fortbewegen, um bunte Kreise aufzusammeln. Trifft die bewegte Linie auf einen schwarzen Kreis, heißt’s zurück zum Start. Dank minimalistischem Style mauserte sich das Spiel aus Wien zum global gefeierten Überraschungserfolg: Über eine Million Downloads und diverse Auszeichnungen, unter anderem einer der begehrten Apple Design Awards, machen "Blek" zum Paradebeispiel für gelungenes Mobile-Game-Design.

broken rules
Klare Kanten, leuchtende Farben und Dreiecke machen "Secrets of Raetikon" zum Augenschmaus.

Secrets of Raetikon (Windows, Mac, Linux, 9,99 Euro)

Die Wiener Broken Rules lassen mit "Secrets of Raetikon" die Herzen von Lokalpatrioten gleich doppelt höher schlagen, denn die Alpen spielen hier eine Hauptrolle: Als wendiger kleiner Vogel stellen sich Spieler den Herausforderungen einer lebenden Naturkulisse samt ihren Bewohnern, in der Gefahren und Geheimnisse auf Entdeckung warten. Herausforderndes, abwechslungsreiches Gameplay, der atmosphärische Soundtrack und ein mächtiger Editor machen "Secrets of Raetikon" mit seinem Stil aus klaren Kanten, leuchtenden Farben und Dreiecken als visuelle Elemente zum Augenschmaus.

scheingame
"Schein" ist dank trickreicher und origineller Lichtspiele ein kniffliges Rätselfest.

Schein (Windows, 6,99 Euro)

Als Studentenprojekt geboren, hat auch der Action-Puzzler "Schein" schon einige Lorbeeren bei verschiedenen Awards errungen, und das zu Recht: Was auf den ersten Blick wie ein klassisches Jump'n'Run in der Tradition von Klassikern wie "Super Mario" und Co aussieht, entpuppt sich dank trickreicher und vor allem origineller Lichtspiele als kniffliges Rätselfest. Die Selbstbeschreibung "wahrscheinlich schwierigstes Jump ’n’ Run des Jahres" sollte Spieler aber nicht vom Besuch des farbenfrohen Sumpfes und seiner Irrlichter abhalten – eine Demo gibt einen kostenlosen Vorgeschmack.

bulkypix
"Ace Ferrara" erfreut humorvolle Fans des intergalaktischen Weltraumkampfs.

Ace Ferrara and the Dino Menace (iOS 3,59 Euro; Android, PC, Mac in Vorbereitung)

Ein Mann, ein Spiel: Man sieht es dem Werk des Wiener Entwicklers Philipp Seifried nicht an, dass er als Einzelkämpfer von der Programmierung über das Artwork bis hin zum Sound in zwei Jahren Entwicklungszeit hier wirklich alles selbst gemacht hat. Der vor kurzem erschienene stylische Weltraum-Shooter, der in der Tradition von Spielen wie "Wing Commander", aber auch von Kult-TV-Serien wie "Captain Future" steht, wird Liebhaber des schrägen Humors mit einem Herz für 80er-Jahre-Science-Fiction ebenso erfreuen wie Fans des intergalaktischen Weltraumkampfs.

stillalive studios
"Son of Nor" lässt die Spielwelt manipulieren.

Son of Nor (Windows, Mac, Linux 19,99 Euro)

Auch österreichische Entwickler entziehen sich nicht dem Trend zum Early Access, bei dem Spiele schon vor der finalen Fertigstellung der Öffentlichkeit zugemacht werden, und auch der Erstling von Stillalive Studios mit Sitz in Innsbruck hat für Frühkäufer schon einiges zu bieten: Als mächtige Zauberer werfen Spieler im vielversprechenden Action-Puzzler aus der Third-Person-Perspektive nicht nur mit Kampfmagie um sich, sondern manipulieren gleich die gesamte Umgebung und verknüpfen Zauber zu besonders effektiven Kombinationen. Bis Jahresende soll der Titel fertig erscheinen. (Rainer Sigl, derStandard.at, 5.10.2014)