Thomas Hettche und Lutz Seiler: In den Vorhöfen des Verschwindens

3. Oktober 2014, 17:14
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Reif für die Inseln. Hettche mit "Pfaueninsel" und Seiler mit "Kruso" gelten als Favoriten für den Deutschen Buchpreis

Man sagt, sie sei die abgelegenste, die einsamste auch. Doch im eigentlichen Sinn des Wortes handelt es sich bei der im Südatlantik gelegenen Insel Tristan da Cunha um einen Nichtort, eine Utopie. 2800 Kilometer sind es von Edinburgh of the seven Seas, der einzigen Ortschaft des Eilands, nach Südafrika, mehr als 3000 nach Südamerika, 3700 zur Antarktis.

Als 1961 die 264 Einwohner der Insel nach einem Vulkanausbruch nach England evakuiert werden mussten, war die Schutzmacht sicher, sich den Rücktransport der Provinzler sparen zu können. Diese pfiffen, kaum war der Vulkan erloschen, allerdings auf die vermeintlichen Errungenschaften der Zivilisation und wollten heim. Bei der von den Behörden angeordneten Abstimmung votierten nur fünf Leute für einen Verbleib in England. 1962 fuhr man an den abgelegensten Ort der Welt zurück. All das macht Tristan da Cunha zu einem vielversprechenden literarischen Stoff. Jules Verne hat sich seiner angenommen, so wie Arno Schmidt oder zuletzt die Österreicher Erich Wolfgang Skwara (Tristan Island, 1992) und Raoul Schrott (Tirstan da Cunha, 2003).

Kein Aufbruch, kein Ende

Neu ist das Motiv der Insel als an einer utopischen Glücksschwelle angesiedelter Fluchtpunkt in der Literatur beileibe nicht. Dass es fruchtbar geblieben ist, lässt sich nun in zwei Büchern - Thomas Hettches Pfaueninsel und Lutz Seilers Kruso - nachlesen, die als Favoriten für die deutsche Romanmeisterschaft gelten, die kommenden Montag in Form des Deutschen Buchpreises entschieden wird.

Hiddensee und die Pfaueninsel, zwei geschichtsträchtige deutsche Inseln also, sind es, um die sich in diesen Büchern alles dreht. Letztere ein eng mit der preußischen Geschichte verbundener Flecken im Berliner Wannsee, die andere ein in der Ostsee gelegener, dem Kontinent vorgelagerter Außenposten. Zumal zu Zeiten der DDR, deren letzte Stunden Seiler in Kruso zählt.

Inselromane tragen entweder einen Aufbruch in sich oder ein Ende. Stets reden sie - auch - davon, dass jede Projektion ihre Kehrseite hat und die Landkarten der Sehnsucht zuweilen wenig verlässlich sind. Allzu oft erweist sich zudem die Flucht - oder die Vertreibung? - ins Paradies als veritables Himmelfahrtskommando. Das ist in diesen beiden Büchern nicht anders, aber auf jeweils ganz verschiedene Art.

Eine Königin, ein Zwerg

Fangen wir mit Hettche (Jg. 1964) an, dessen Buch zeitlich 100 Jahre vor dem Beginn von Seilers Roman endet. Alles fängt mit einer Königin an, einem Schloss, einer Insel - und einem "Zwerg", wie es damals hieß. Die Kleinwüchsige heißt Maria Dorothea Strakon, geboren ist sie mit dem "Jahrhundert". Mit dem vorletzten, wohlgemerkt. 1806 kam Marie, wie sie alle nennen - es handelt sich um eine historisch verbürgte Figur, von der wenig überliefert ist -, mit ihrem ebenfalls kleinwüchsigen Bruder als Mädchen auf die Insel, ihr Vater, ein Soldat ist auf dem Schlachtfeld geblieben, von einer Mutter weiß man nichts.

Mit dem Titel Schlossfräulein wird sie beim Hofgärtner Ferdinand Fintelmann und dessen Familie im Kastellanhaus untergebracht. Für König Wilhelm III., der nach den Napoleonischen Kriegen gerade aus dem Exil zurückgekehrte, ist die Insel als Metapher für eine idealisierte Vorkriegszeit von einigem emotionalem Wert. Anders als für seinen Vater Wilhelm II., der das Pfaueninsel-Schloss eher als Rückzugsort einer nicht standesgemäßen Liebschaft wegen nutzte.

Beweglicher Stilist

Wilhelm III. wird die Insel von den bekanntesten Gartenbauern gestalten lassen, fremdartige Pflanzen und Tiere, darunter Affen, Kängurus und ein Löwe, werden herangeschafft. Sie sterben schnell. Auch Marie gehört als 125 Zentimeter große menschliche Attraktion zum Inventar.

Schnell wird klar, dass es in diesem Buch um Norm versus Abweichung, Idealismus versus Materialismus, um Scham und vor allem um das Vergehen der Zeit geht. Was einst blühte, zerfällt, der König stirbt, so wie Maries Bruder, in dessen Tod Maries Geliebter Gustav, ein Neffe Fintelmanns, verstrickt ist. Er ist die größte Liebesenttäuschung Maries, Trost findet sie fürderhin in der Lektüre.

Hettche, zu Recht als eleganter, beweglicher Stilist und präziser Romankonstrukteur gerühmt, erzählt das Buch, das 1880 mit dem Tod Maries endet, aus einer allwissenden Perspektive, die ganz nah an Marie bleibt, in seltenen Einschüben aber das Heute mitreflektiert. Wie Marie, die die Insel zeitlebens nur einmal verlässt, spürt der Leser, wie die Walze der Industrialisierung und der politischen Veränderungen im Roman zu rollen beginnt.

Schon ein Wrack

Vieles, was politisch zu den großen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts führen wird, klingt in Hettches Roman schon an. Und auch Lutz Seiler (Jg. 1963) legt in Kruso den Fokus auf eine Zeitenwende, nämlich die letzten Monate der DDR. Im Sommer 1989 macht sich der Germanistikstudent Edgar Bendler, den alle Ed nennen, von Halle auf nach Hiddensee. Im Grunde weiß er, dass er aufgelaufen ist, "ein Wrack, erst vierundzwanzig Jahre alt und schon ein Wrack".

Zu tun hat das mit G., sie ist weg. Ganz. Auf Hiddensee, das als Capri des Nordens, beliebte Destination für "Republikflüchtlinge", aber auch als Insel von Träumern, Gescheiterten, Ausgestoßenen gilt, arbeitet Ed im Gasthaus Klausner als sogenannte Saisonkraft. Bei der Belegschaft des Klausners handelt es sich um eine verschworene Gemeinschaft von großteils akademisch gebildeten "Schiffbrüchigen" und Aussteigern. Heimliches Zentrum der kommunenartig organisierten Gruppe ist Kruso, Sohn eines sowjetischen Generals und einer früh verstorbenen Artistin.

Alles ist Märchen

Auch er ist, nachdem seine Schwester ins Meer ging, auf der Suche nach Lebensfestigkeit. Ed und Kruso befreunden sich. Auch, weil durch die Köpfe der beiden "Verse marschieren wie im Krieg". Poesie, u. a. die von Trakl, heißt es, "war Widerstand". Gekonnt spielt Seiler, der sich auch als Lyriker einen Namen gemacht hat, die Motive des oder der Abwesenden, der Erinnerung und des Verschwindens in Kruso durch. Am Schluss, die DDR gibt es nicht mehr, nimmt der Roman einmal noch eine überraschende Wende.

"Alles ist Märchen oder nichts", heißt es in Pfaueninsel. Keiner bleibt ewig vermisst in Kruso. Es sagt einiges über die Verfasstheit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus, dass gerade diese beiden Romane, die sich um Erinnerung und das langsame Verdämmern drehen, in den Feuilletons so hoch gehängt werden. Die Bücher sind zwar gut gemacht, und natürlich thematisieren sie gerade in ihrem Rückblick auch die Jetztzeit, doch irgend- wie wirken sie (im Gegensatz zu Thomas Melles Roman, siehe unten) seltsam aus Zeit und Welt gefallen.

Gustav, Maries Freund auf der Pfaueninsel, besucht Vorlesungen bei Hegel. Als dieser einmal in einer Vorlesung über die Papageien am Amazonas redete, meldete sich ein Student, der in jenem Erdteil gewesen war und meinte, die Papageien dort seien in Wirklichkeit ganz anders. Hegels Antwort: "Um so schlimmer für die Wirklichkeit." (Stefan Gmünder, Album, DER STANDARD, 4./5. 10. 2014)

Thomas Hettche, "Pfaueninsel". € 20,60 / 352 Seiten. Kiwi, Köln 2014

Lutz Seiler, "Kruso". € 23,60 / 484 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014

  • Lutz Seiler, "Kruso". € 23,60 / 484 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014
    foto: suhrkamp

    Lutz Seiler, "Kruso". € 23,60 / 484 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014

  • Thomas Hettche, "Pfaueninsel". € 20,60 / 352 Seiten. Kiwi, Köln 2014
    foto: kiepenheuer&witsch

    Thomas Hettche, "Pfaueninsel". € 20,60 / 352 Seiten. Kiwi, Köln 2014

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