Flüchtlingen (s)ein Zuhause geben

Reportage4. Oktober 2014, 12:00
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Herr und Frau Bergen teilen seit drei Wochen ihr Haus mit Asylwerbern. Die Aszmanns stellen einer Familie aus Syrien eine Wohnung zur Verfügung

Grafenwörth/Wien - Brusthohe Zäune rahmen kurzgeschorene Rasenflächen und gepflegte Eigenheime. In einem der Einfamilienhäuser am Rande von Grafenwörth im niederösterreichischen Bezirk Tulln wohnen Michaela und Gustav Bergen. Oft verbringen sie Zeit auf der Veranda. Vom Esstisch aus blicken sie auf die Sträucher des Nachbarn vis-à-vis, wo die Hähne selbst dann noch krähen, wenn Herr Bergen ein dampfendes Mittagsmahl vom Herd hebt.

Der pensionierte Bundesheerbedienstete hat Linsensuppe gekocht. Für sich, seine Frau Michaela - und die syrischen Gäste. Vor drei Wochen ist Familie A.* vom Lager in Traiskirchen ins Dachgeschoß der Bergens gezogen. Wie lange der 36-jährige Syrer, seine 21-jährige Frau und der 13 Monate alte Sohn bleiben werden, wagt niemand vorherzusagen. Man richtet sich auf eine längere Dauer ein: Der Familienvater lernt bei Frau Bergen Deutsch, deren 76-jähriger Mann wechselt sich mit der Jungmutter beim Kochen ab. Das Asylverfahren ist noch nicht entschieden.

Hilfe im Jugoslawienkrieg

Während die österreichische Politik über mögliche neue Unterkünfte für Flüchtlinge debattiert, haben Leute wie die Bergens bereits gehandelt: "Es sollten mehr Private Familien aufnehmen", findet Michaela Bergen, die die Initiative ergriff und bei der Diakonie anrief. "Bei den Bildern im Fernsehen hat es mir den Magen umgedreht", sagt die 54-jährige Krankenschwester. Ähnlich ging es ihr zur Zeit des Jugoslawienkriegs. Damals, sie war noch alleinerziehend, nahm sie eine geflohene Frau auf - doch es funktionierte nicht. "Sie hielt sich an keine Vorgaben", sagt Bergen.

Solche Probleme sind bei Flüchtlingsaufnahmen keine Seltenheit. "Dass einem jemand leidtut, heißt nicht, dass man sich auch gut versteht", weiß Christoph Riedl, Leiter des Diakonie-Flüchtlingsdienstes. "Oft scheitert es am gemeinsamen Kühlschrank." Mögliche starke Stimmungsschwankungen als Folge posttraumatischer Belastungsstörungen bergen auch ein Konfliktpotenzial. Besonders ideal seien vor allem Unterkünfte, die mehr als ein eigenes Zimmer bieten.

Finanzielle Hürden

Die private Unterbringung von Asylwerbern regelt jedes Bundesland anders. Riedl zufolge können Asylwerber derzeit nur in Niederösterreich direkt vom Erstaufnahmezentrum in eine Privatunterkunft ziehen, ohne aus der Grundversorgung zu fallen. Sie erhalten dann vom Land bis zu 240 Euro Mietzuschuss pro Familie und bis zu 200 Euro Verpflegungsgeld pro Erwachsenen im Monat.

Vor allem bei der Diakonie sucht man derzeit aktiv nach privaten Wohngelegenheiten - vor allem die Wohnberatung Niederösterreich. Aufseiten der Caritas Österreich verweist man Personen, die Quartiere zur Verfügung stellen wollen, hingegen an die jeweilige Landesregierung.

Im Haus der Bergens führt eine Treppe ins geborgte Reich der Familie A., das aus Vorraum, Bad, WC und einem Schlafzimmer besteht. Dort schlummert dicht unter der Dachschräge im Gitterbett das einjährige Kind. Das Dachgeschoß hatte Herr Bergen für eine seiner Töchter ausgebaut. Die heute 24-Jährige gründete längst ihren eigenen Haushalt.

Familie A. besaß in der Stadt Daraa "ein großes Haus, Grund, ein Auto, Bäume, ein zweites Haus auf dem Land", zählt M. auf. Er deutet auf Handyfotos wie auf Beweise. Es sind Bilder vergangener Zeiten. "Alles ist zerstört", sagt er. "Alles." Was die Medien hier zeigen, das sei ja "gar nichts. Syrien war ein Land, in dem es alles gab. Jetzt ist es ein Land in Trümmern."

"Sie helfen bei allem"

M. studierte Englisch - die Sprache, durch die er sich mit den Bergens verständigen kann. "Sie helfen bei allem", sagt er über das Paar. M. arbeitete in Syrien als Beamter, weigerte sich, in den Krieg zu ziehen - und floh um sein Leben. Wenn er davon spricht, räuspert er sich oft. Als läge ihm ein rauer Kloß in der Kehle.

Scharfschützen schossen von den Hügeln herunter auf seine Heimatstadt. Zwölf Verwandte starben im Bürgerkrieg. M. winkelt den Arm ab, deutet an, wie sein Cousin sein Baby trug, als man auf ihn schoss. Mit dem Zeigefinger zeigt er, wo die Kugel das drei Monate alte Kind durchbohrte, bevor sie den Cousin tötete.

M. räuspert sich wieder. Er gibt den Geschichten, die man über Syrien hört und liest, ein Gesicht. Graue Augen schauen daraus hervor. Sie müssen Unfassbares gesehen haben. Zu seinem Vater hat M. seit Jahren keinen Kontakt, seine Mutter ist in den Libanon geflohen. Ein Bruder trieb sieben Tage lang auf einem Flüchtlingsboot über das Mittelmeer.

Vor der Gewalt in Syrien und dem Irak sind nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks mehr als zehn Millionen Menschen auf der Flucht. Der Großteil innerhalb des Heimatlandes, viele weitere in den Nachbarstaaten.

Aufruf im Radio

Céline Aszmann hat zu Nachrichten wie diesen seit Mitte August einen sehr persönlichen Bezug. Als sie im Radio einen Aufruf hört, Personen mit einer Unterkunft für eine Flüchtlingsfamilie mögen sich bei der Diakonie melden, denkt sie sofort an die leerstehende Wohnung ihres Mannes auf dem Wiener Schafberg - nicht allzu weit von dem noblen Viertel entfernt, in dem die Aszmanns mit ihren drei Kindern jetzt wohnen.

"Es ist eine sehr romantische Wohnung, aber für eine Familie sehr unpraktisch", sagt die 39-Jährige. Die letzten Meter in das im obersten Stockwerk ohne Lift gelegene Zwei-Zimmer-Apartment nimmt man über eine enge Holztreppe. Sie führt zu einer schmalen Türe, hinter der seit sechs Wochen Familie H. mit ihren drei Kindern wohnt. Die ganz privaten 70 Quadratmeter erscheinen den Syrern nach zwei Wochen in Traiskirchen wie purer Luxus.

Der Mutter und den Kindern wurde rasch Asyl gewährt - womit der Anspruch auf Grundversorgung endet. Diesen hätten sie noch als Asylwerber bei direktem Umzug aus Traiskirchen in eine Privatwohnung in Wien nicht.

Eine Unterkunft ist auch Bedingung für den Erhalt der Mindestsicherung. Die Aszmanns verlangen keine Miete, aber einen kleinen Unkostenbeitrag. "Nicht wegen des Geldes, es geht mir um Wertschätzung", sagt Céline Aszmann. Sie hat der Familie eine Wiege organisiert und Babygewand. Ihr christlicher Glaube, sagt sie, habe sie wohl dazu gebracht, aktiv zu werden. Sinngemäß fällt ihr dazu ein Satz aus dem Matthäusevangelium ein: Man solle so handeln, wie man es auch von anderen erwartet.

Warten auf Geld

Alles, was die Flüchtlingsfamilie in die Dachwohnung mitbrachte, passte in zwei kleine Rucksäcke. Die elegante Glasvitrine aus Eichenholz steht noch leer. Einen Fernseher hat die Familie sich aber geleistet. Über den Bildschirm laufen Nachrichten aus Syrien. "Jeden Tag hoffen wir, dass wir endlich das Sozialgeld erhalten", sagt die schmale Mutter. Sie küsst ihre kleine Tochter auf die Stirn. Mit ihr war sie hochschwanger, als sie mit den Söhnen flüchtete. Erst nach zwei gescheiterten Versuchen, die nur viel Geld verschlangen, klappte es. Das Kind eines Freundes, vier Jahre jung, war in der Nähe ihres Hauses erschossen worden. Ihr Mann, der als Zahnarzt arbeitete, wurde erpresst. Es war nicht mehr sicher.

"Hier ist es das", sagt Herr H. Sicherer noch als in anderen Gegenden Wiens, die H. vor acht Jahren als Tourist bereist hat. Dass die Familie in absehbarer Zeit zurückkehren kann, glaubt der Arzt nicht. Obwohl er gerne würde: "Es ist mein Land, meine Liebe." (Gudrun Springer, DER STANDARD, 4.10.2014)

* Die Namen sind abgekürzt, da die Betreffenden um die Sicherheit ihrer Verwandten in Syrien fürchten.

  • Michaela und Gustav Bergen haben den Dachboden ihres Hauses in Grafenwörth im Bezirk Tulln für eine ihrer beiden Töchter ausgebaut, seit ein paar Jahren stand er leer. Vor drei Wochen zog Familie A. aus Syrien dort oben ein.
    foto: christian fischer

    Michaela und Gustav Bergen haben den Dachboden ihres Hauses in Grafenwörth im Bezirk Tulln für eine ihrer beiden Töchter ausgebaut, seit ein paar Jahren stand er leer. Vor drei Wochen zog Familie A. aus Syrien dort oben ein.

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