Permanente Erreichbarkeit macht krank

5. Oktober 2014, 09:00
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Immer mehr Unternehmen gehen deshalb dazu über, sich digital zu entgiften. Keine E-Mails nach Dienstschluss oder gar im Urlaub

Daimler tut es, der VW-Konzern und die Deutsche Telekom ebenso: Die Unternehmen entgiften digital. Eine Variante, sich krank machenden Arbeitsumständen entgegenzustellen. Permanente Erreichbarkeit, E-Mails checken zu jeder Tages- und Nachtzeit, das gibt es bei obengenannten Unternehmen und bei immer mehr anderen nicht.

Lange genug hat man dort wohl dabei "zugesehen", wie eine sukzessive zunehmende Arbeitsverdichtung und Beschleunigung sämtlicher Prozesse zu einer immer weiter entgrenzten Nutzung von zum Beispiel Mobile Devices geführt hat - so lange, bis die Betroffenen im maximalen Ausbeutungsmodus waren: Mitarbeiter, die sich durch eine permanente Erreichbarkeit gehetzt fühlen oder einfach nur unter darunter leiden, werden mehr - Schlafprobleme und zu wenig Erholung durch eine permanent unterbrochene Freizeit oder gar Ruhephase inklusive.

"Auf Dauer machen solche Arbeitsumstände einfach krank", sagt Gerhard Klicka, Psychologe und Psychotherapeut sowie Geschäftsführer der Beratungsorganisation IBG Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement. "Eigentlich ist die Arbeit ein entscheidender Faktor im lebenslangen Wachstumsprozess des Menschen und stiftet damit Lebenssinn und -freude", so Klicka weiter, "was wir momentan aber erleben, ist die Reaktion der Arbeitnehmer auf dauerhafte Über-, Unter- oder Fehlanforderungen. Hier krankt es am System, das übersieht, dass Produktivität und Arbeitszufriedenheit Hand in Hand gehen."

Es sei ein weitverbreitetes Missverständnis, dass Unternehmenserfolge nur durch die maximale Belastung des einzelnen Mitarbeiters zu erreichen sei, so der Experte weiter. Klicka ergänzt, dass es nur sehr selten wirklich notwendig sei, permanent "on" zu sein - und wenn, dann sei das arbeitsrechtlich abzusichern und auch entsprechend zu bezahlen. Alles andere sei für ihn eine Frage des Stils und der Kultur - im negativen Fall also eine Unkultur, so Klicka weiter.

Positive und negative Folgen

In Österreich gebe es keine ihm bekannten größeren Unternehmungen, die digital entgiften, so Klicka. In Deutschland immer mehr. Und das mit Erfolg. Bei VW etwa gibt es eine Betriebsvereinbarung, die nach Feierabend - also von 18.15 Uhr bis 7.00 Uhr - keine E-Mails mehr vom Server an die Dienstgeräte weiterleitet. Bei der Deutschen Telekom haben sich die leitenden Angestellten dazu verpflichtet, ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende oder während des Urlaubs keine Mails zu schicken. Beispiele wie diese gibt es immer mehr.

Die Hypothese des Psychologen ist, dass das Bewusstsein im Sinne einer Fürsorgepflicht bei Unternehmen in Deutschland weiter verbreitet ist als in Österreich. Klicka: "Mein Eindruck ist, dass eine in der Policy festgeschriebene digitale Entgiftung eher als Einschränkung der Freiheit betrachtet wird und nicht als Schutz der Gesundheit." Ein recht ambivalentes Thema, weil es ja nicht nur Negatives an der Erreichbarkeit gebe, so Klicka weiter: So gibt es Menschen, die gern immer erreichar seien, weil sie es als praktisch empfinden und auch als beruhigend, wenn sie wissen, was während ihrer (möglichen) Abwesenheit im Büro passiert. Nicht wenige verbinden damit sogar einen Identitäts- und Statusgewinn; andere wiederum sehen so Berufs- und Familienleben besser vereinbar.

Dennoch rät der Psychologe zu einem bewussteren und selbstkritischen Umgang mit Handy und Co - auf individueller Ebene:

  • Zunächst das Naheliegendste: Kaufen Sie sich einen Wecker, damit der Arbeitstag nicht schon mit einem Smartphone startet, rät der Arbeitspsychologe.

  • Erreichbarkeit solle nicht von sich aus angeboten werden, sagt er, das sollte keinesfalls signalisiert werden.

  • Nicht versuchen, alles auf einmal zu tun, und vor allem eigenverantwortlich einen vernünftigen Umgang mit den gebotenen technischen Möglichkeiten pflegen. Die Fähigkeit, Monotasking zu leben, gehöre geübt.

  • Manches Mal helfe es, sich Orte und Zeiträume ohne Smartphone und Co einzuräumen. Schaffen Sie sich "Entschleunigungsoasen", rät Klicka.

  • Wenn die individuellen Lösungen nicht ausreichen, sollte möglichst eine kollektive Lösung auf Organisationsebene eingefordert werden.

Und selbst? Klicka und sein Team der IBG stellen die Erreichbarkeit nach Dienstschluss ihren Mitarbeitern frei. "Es ist bei uns kein Muss, E-Mails nach Dienstschluss zu checken, das passiert auf freiwilliger Basis." Er selbst sei dazu übergegangen, im Alltag - etwa während kurzer Pausen am U-Bahn-Bahnsteig oder auf der Rolltreppe - dem Reflex, aufs Smartphone schauen zu müssen, zu widerstehen. Im Urlaub sei er "off", aber in dringenden Fällen telefonisch erreichbar. (DER STANDARD, 4./5.10.2014)

  • Gerhard Klicka ist Psychologe und Psychotherapeut sowie Geschäftsführer von IBG.
    foto: ho

    Gerhard Klicka ist Psychologe und Psychotherapeut sowie Geschäftsführer von IBG.

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