Zu wenig Rückzug im Großraumbüro

3. Oktober 2014, 14:00
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Großraumbüros gelten als ideales Raumkonzept für Teamarbeit. Laut einer Umfrage sitzen aber die motiviertesten Mitarbeiter überwiegend in Einzelbüros

Fürs Wohlbefinden im Büro braucht es auch Privatsphäre. Und mit steigendem Wohlfühlfaktor nehmen auch die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter zu. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Stu-die des Beratungsunternehmens Steelcase. Dafür wurden in 14 Ländern - darunter Frankreich, Deutschland und Großbritannien sowie die USA, Indien, China und Mexiko - 10.500 Personen befragt.

Aber auch wenn sich Mitarbeiter fürs Wohlbefinden an den Arbeitsplätzen ein gewisses Maß an Privatsphäre wünschen, sieht die Realität häufig anders aus. Laut der Umfrage sind nämlich 69 Prozent der Befragten genau damit nicht zufrieden. Nur rund die Hälfte der Befragten könne sich ohne Störung am Arbeitsplatz konzentrieren, so ein weiteres Ergebnis.

Und Mitarbeiter mit der größten Motivation sind auch diejenigen, die mit ihrer Arbeitsumgebung am zufriedensten sind. Laut Umfrage sind aber nur elf Prozent damit sehr zufrieden. Und der Großteil dieser Gruppe hat Einzelbüros und kann seinen Arbeitsplatz individuell gestalten. Diese Mitarbeiter - in der Studie werden sie als Performer bezeichnet - gaben an, gern zur Arbeit zu gehen, hochmotiviert zu sein und sich leicht konzentrieren zu können. Die Bindung ans Unternehmen ist stark, und sie finden, dass ihr Arbeitsplatz auch hinsichtlich der Gesundheit und der Sicherheit unterstützend wirke.

Möglichkeit zum Rückzug

Anders die Arbeitseinstellung, der in der Studie als Unmotivierte (41 Prozent) Bezeichneten. Sie gehen nicht gern zur Arbeit, haben kein Zugehörigkeitsgefühl und finden, dass die Firma keinen angemessenen Platz für die Arbeit bietet. Diese Gruppe arbeitet überwiegend in Großraumbüros, teilweise ohne eigenen Arbeitsplatz. Sie gaben an, dass sie mit der Beschaffenheit ihres Arbeitsplatzes unzufrieden sind, weil er wenig Möglichkeiten zur Kommunikation und zum Austausch mit Kollegen biete und auch die Bewegungsfreiheit eingeschränkt sei. Die Bindung ans Unternehmen ist schwach. Die Nutzung mobiler Geräte, aber auch die Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, kann die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen, wie aus einem weiteren Ergebnis hervorgeht.

In den letzten Jahren sei die Privatsphäre am Arbeitsplatz aber zunehmend vernachlässigt worden, da in Unternehmen vor allem auf Zusammenarbeit gesetzt worden sei, sagen die Studienautoren. Großraumbüros gelten als idealer Ort für effektive Teamarbeit. Nur: "In einigen Unternehmen ist diese Entwicklung zu weit gegangen", sagt Chris Congdon, Director Research Communication bei Steelcase. Erfolgreiche Zusammenarbeit benötige auch private Rückzugsräume.

Interne und externe Reize kontrollieren

Das Bedürfnis nach Privatsphäre schwanke im Laufe des Arbeitstages. "Privatsphäre heute bedeutet, die Möglichkeit zu haben, interne und externe Reize zu kontrollieren. Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern Kontrollmöglichkeiten darüber bieten, welche externen Störungen sie zulassen", sagt Donna Flynn, Director des Steelcase-WorkSpace-Futures-Teams. Das Büro werde zu einem Ökosystem mit unterschiedlichen offenen, abgeschirmten und geschlossenen Räumen. Denn: "Je intensiver Menschen zusammenarbeiten, desto wichtiger ist Zeit für sich allein, Momente ohne Ablenkung, mit ausreichend Zeit für Aufgaben, die Konzentration und Know-how erfordern", ergänzt Flynn. Die richtige Balance zwischen kollektiven Arbeitsplätzen und stillen Kämmerlein sei hier der Schlüssel.

Je intensiver Menschen zusammenarbeiten, desto mehr Zeit ohne externe Ablenkung brauchen sie. Das Büro müsse zu einem Ökosystem aus unterschiedlichen offenen, abgeschirmten und geschlossenen Räumen werden. (DER STANDARD, 4./5.10.2014)

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