"Kinderkultur ist nicht nur Schlechtwetteralternative"

Interview5. Oktober 2014, 10:00
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Trotz Handys ist Theater für Kids spannend - wenn die Qualität stimmt, sagt Manfred Forster, Leiter des Linzer Kuddelmuddel

derStandard.at: Sie leiten das Linzer Kinderkulturzentrum Kuddelmuddel mit einem Kinder- und einem Puppentheater. Haben Kasperl und Sepperl im Zeitalter der elektronischen Medien überhaupt noch was zu melden? Finden Kids die Holzpuppen nicht überholt?

Forster: Nein, es funktioniert, wenn man sich die Besucherzahlen anschaut, die haben sich sehr, sehr gut entwickelt. Das hat aber auch damit zu tun, dass wir die Bandbreite im Haus erweitert haben und nicht mehr nur Theater spielen, sondern auch Theater-, Tanz- und Gesangsworkshops für die Kinder anbieten. Grundsätzlich führen wir aber keinen Kampf gegen die neuen Medien. Den können wir ohnehin nicht gewinnen, da steckt so viel Geld dahinter. Außerdem sind sie heute fester Bestandteil im (Kinder)leben. Da stellt sich vielmehr die Frage, wie können wir damit umgehen, wie nutzen wir sie, bauen sie in den kreativen Prozess ein. So verwenden wir die Handys zum Abspielen der Musik oder für Video-Mitschnitte in unseren Breakdance-Workshops...

derStandard.at: Was auf der Hand liegt. Aber wie ist die Situation bei den Theateraufführungen, wenn die Kinder Zuschauer und nicht selber aktiv sind?

Forster: Da merken wir, wenn das Stück an sich gut ist, es entsprechende Spannungsteile hat, die Kinder mit einbeziehen, dann hören sie nach wie vor zu und sind voll dabei. Was aber schon auffällt: Es ist seltener geworden, dass Kinder konzentriert eine Stunde durchhalten.

derStandard.at: Liegt das aus Ihrer Sicht eher daran, dass die Erwartungshaltung der Kinder größer geworden ist, da mit der Nutzung vom Internet ihr Background ein anderer ist? Oder ist es doch eine Frage abnehmender Konzentrationsfähigkeit?

Forster: Natürlich spielt die Schnelllebigkeit unserer Zeit eine Rolle. Schon ein Kleinkind reagiert heute sofort, wenn ihm das Stück nicht passt. Es steht während der Aufführung auf, fängt an zu spielen oder selber zu erzählen. Das hat aber nichts mit der Erwartungshaltung zu tun. Da ist eher die Qualität des Stückes ausschlaggebend. Gelingt es, dass ein Kind in das Stück eintaucht, bleibt es dabei, wird von der spontanen Interaktivität des Lebendigen in Bann gezogen, das kann kein Videospiel bieten.

derStandard.at: Die Stadt Linz hat ihrer Kulturrichtlinie den Titel "Zugänge schaffen" gegeben. Demnach soll gezielt auch dem Nachwuchs der Zugang zur Kultur ermöglicht werden.

Forster: Die Grundidee stammt vom Kuddelmuddel. So gehen wir jetzt auch in die Stadtteile heraus zu den Kindern und stellen nicht nur hier im Haus den Kindern in den Workshops eine Bühne zur Verfügung. Gleichzeitig bietet das auch für uns die Chance, gegen das Image ‘Kindertheater ist eh nur Spielerei, eine von mehreren Freizeitbeschäftigungen` vorzugehen. Es stimmt leider, wir sind noch immer für viele Eltern eine Schlechtwetteralternative. Wenn es draußen regnet und stürmt, dann freue ich mich, weil ich weiß, dass unser Haus voll sein wird. Umso wichtiger ist es, dass der Stellenwert von Kinderkultur hervorgehoben wird. Und das geschieht, wenn ihr in einer Stadt auch Platz gemacht wird. Etwa in zwei Wochen mit der Linzer Kinderkulturwoche.

derStandard.at: Mittlerweile haben aber doch alle Kulturinstitutionen eine eigene Kindersparte.

Forster: Klar, weil jeder weiß, die Kids von heute die Gäste von morgen sind, was ich ökonomisch auch durchaus verstehe. Mein Zugang ist eher der, dass ich nicht nur das Publikum für morgen heranbilden will, wir sind nicht nur ein Bildungseinrichtung. Sondern ich sage auch, Kinder haben ein Recht auf gute kulturelle Angebote. Kinderkultur ist eben nicht nur eine Schlechtwetteralternative.

derStandard.at: Können Erwachsene überhaupt Kinderkultur machen?

Forster: Das ist eine spannende Frage. Ich bin überzeugt, dass das Erwachsene dann können, wenn sie in der Lage sind, sich in die Welt der Kinder hineinzuversetzten, sich darauf zu einlassen. Gleichzeitig müssen die Künstler aber natürlich auch ihr Handwerk beherrschen, fachlich gut sein.

derStandard.at: Darf der Vater von Pippi Langstrumpf bei Ihnen noch der Negerkönig sein?

Forster: Bisher waren wir von dieser Thematik noch verschont. Aber ich meine, dass der Negerkönig schon noch mitspielen darf, da der Ausdruck zur Zeit, in der das Buch entstand, nicht rassistisch war. Heute ist er abwertend und das sollte den Kindern auch in irgendeiner Form, aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, so erklärt werden. Einfach nur ein Wort eliminieren, ist nicht mein Lösungsansatz. (Kerstin Scheller, derStandard.at, 4.10.2014)

Manfred Forster (46) ist eigentlich ausgebildeter Diplompädagoge. 2010 übernahm der gebürtige Mühlviertler die Leitung des Linzer Kinderkulturzentrums Kuddelmuddel. Seitdem haben sich die Besucherzahlen auf 22.230 im vorigen Jahr verdoppelt. Das liegt auch an dem erweiterten Programmangebot. Link: www.kuddelmuddel.at

  • "Gelingt es, dass ein Kind in das Stück eintaucht, bleibt es dabei, wird von der spontanen Interaktivität des Lebendigen in Bann gezogen, das kann kein Videospiel bieten", sagt der Leiter des Linzer Kuddelmuddel Manfred Forster.
    foto: kuddelmuddel

    "Gelingt es, dass ein Kind in das Stück eintaucht, bleibt es dabei, wird von der spontanen Interaktivität des Lebendigen in Bann gezogen, das kann kein Videospiel bieten", sagt der Leiter des Linzer Kuddelmuddel Manfred Forster.

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