Brasilien-Wahl: "Marina Silva hat ihre Meinung oft geändert"

Interview3. Oktober 2014, 11:36
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Wofür die Konkurrentin von Präsidentin Dilma Rousseff steht, sei schwer zu erkennen, sagt Politologe Pedro Arruda

Marina Silva gilt bei der brasilianischen Präsidentschaftswahl am Sonntag als schärfste Konkurrentin von Amtsinhaberin Dilma Rousseff, in der als wahrscheinlich geltenden Stichwahl (am 26. Oktober) hat sie laut Umfragen Siegeschancen. Wegen ihrer Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen können sich viele Brasilianer mit ihr identifizieren. Allerdings habe sie in ihrer langen Karriere oft ihre politischen Positionen gewechselt, sagt der Politikwissenschafter Pedro Arruda – zuletzt erst vor wenigen Wochen im laufenden Wahlkampf.

STANDARD: Die Präsidentschaftskandidatin und Umweltschützerin Marina Silva ist sehr populär. Warum kann sie Wähler unterschiedlicher Lager für sich begeistern?

Arruda: Marina Silva ist schon lange in der Politik, seit ihrer Studentenzeit. Sie war immer Aktivistin und noch nie in einen politischen Skandal verwickelt. Das unterscheidet sie. Vielen Wählern gilt sie als vertrauenswürdig. Viele traditionell konservative Wähler kritisieren außerdem die Oppositionsarbeit der PSDB als schwach und lehnen ihren Kandidaten Aécio Neves ab. Sie sind zu Marina Silva gewechselt. Auch ihre Herkunft (sie ist die Tochter eines armen Kautschukbauern, Anm.) spielt eine Rolle, die für viele Menschen ein hohes Identifikationspotenzial mit sich bringt.

STANDARD: Welchen Einfluss haben die evangelikalen Wähler?

Arruda: Brasilien ist immer noch mit mehr als 60 Prozent ein katholisches Land. Die Pfingstkirchen sind also eine Minderheit, die aber ständig an Zuwachs gewinnt. Sie sind gut organisiert und vertreten ihre Meinung laustark und geschlossen. Viele Pastoren nutzen Twitter und sind in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Außerdem haben sie großen Einfluss auf die Gemeinde und sprechen sich auch für einen Kandidaten aus.

STANDARD: Den Umfragen zufolge lagen Präsidentin Dilma Rousseff und Marina Silva teils dicht beieinander. Sind die evangelikalen Wähler entscheidend für den Wahlausgang?

Arruda: Zumindest haben sie eine große Macht. Wir sprechen von 27 Millionen Wählern, die laut Umfragen zu 80 Prozent zu Silva tendieren. Der Solidaritätsgedanke, für jemanden aus der eigenen religiösen Familie zu stimmen, ist stark ausgeprägt. Viele Pastoren sind außerdem Abgeordnete. Im Kongress ist die evangelikale Fraktion eine der stärksten.

STANDARD: Präsidentin Rousseff wirft ihrer Kontrahentin vor, ihre Meinung so oft wie ihr Hemd zu wechseln ...

Arruda: Ich stimme dem zu. Marina Silva hat ihre Meinung zu mehreren Themen innerhalb kürzester Zeit geändert. 24 Stunden nach Veröffentlichung des Programms war sie plötzlich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Im Original hat sie sich noch für eine eingetragene Lebenspartnerschaft ausgesprochen. Um auch von der Finanzelite akzeptiert zu werden, hat sie sich für weniger Einfluss der staatlichen Banken am Markt ausgesprochen. Entgegen vorheriger Aussagen will sie jetzt das Amnestiegesetz für Verbrechen aus der Diktaturzeit doch nicht ändern. Es ist schwer zu erkennen, wofür die Kandidatin tatsächlich steht. (Susann Kreutzmann, DER STANDARD, 3.10.2014)

foto: facebook
Pedro Fassoni Arruda (39) ist Politikwissenschafter an der katholischen Universität PUC in São Paulo. Er ist auf politische Parteien und soziale Bewegungen in Brasilien spezialisiert und sieht die Präsidentschaftskandidatin Marina Silva durchaus kritisch.

  • Marina Silva im Jahr 2006 mit Expräsident Luiz Inácio Lula da Silva. Von 2003 bis 2008 arbeitete sie in dessen Kabinett als Umweltministerin. Später wandte sie sich gegen ihn. Nicht ihre einzige Meinungsänderung, sagt Politikwissenschafter Pedro Arruda.
    foto: reuters/jamil bittar

    Marina Silva im Jahr 2006 mit Expräsident Luiz Inácio Lula da Silva. Von 2003 bis 2008 arbeitete sie in dessen Kabinett als Umweltministerin. Später wandte sie sich gegen ihn. Nicht ihre einzige Meinungsänderung, sagt Politikwissenschafter Pedro Arruda.

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