Jonathan Hill: Ein britischer Baron in Erklärungsnöten

Kopf des Tages2. Oktober 2014, 18:00
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Auf der britischen Insel gilt Hill als vergleichsweise EU-freundlich, das EU-Parlament konnte er davon nicht überzeugen

Eurobonds? "Dazu habe ich keine sonderlich fundierte Meinung." Diese Antwort des designierten britischen EU-Kommissars Jonathan Hill rief am Mittwoch nicht nur Kopfschütteln erfahrener EU-Parlamentarier hervor. Sie mag auch dazu beigetragen haben, dass sich der Brite kommende Woche ein zweites Mal der Anhörung im Brüsseler Parlament stellen muss. Immerhin soll der 54-Jährige in den kommenden fünf Jahren für die Finanzregulierung zuständig sein.

Der Berufung ging intensives Lobbying durch Premier David Cameron voraus, die Kritik folgte auf dem Fuß: Als langjähriger Lobbyist, unter anderem für Finanzdienstleister, sei Hill für dieses Portfolio ungeeignet, glauben viele Kritiker. Als "europäisch unengagiert, intransparent und ohne Distanz zur Finanzindustrie" sieht der deutsche Grüne Sven Giegold den Engländer. "Charmant, aber leer", lautet das Diktum von Giegolds belgischem Kollegen Philippe Lamberts.

Da zeigt sich wieder der Graben zwischen überzeugten Integrationisten und dem britischen Europa-Diskurs. Auf der Insel gilt Hill als vergleichsweise sehr EU-freundlich. Seine Meinung fasste der Konservative so zusammen: "Die britische Mitgliedschaft in der EU ist in beiderseitigem Interesse." In diesem Sinn wird der Baron von Oareford (Grafschaft Somerset) in Brüssel argumentieren - ob er es ins Finanzressort schafft oder nicht.

Wie vor fünf Jahren seine Vorgängerin Cathy Ashton war Hill eine Notlösung. Cameron mochte keinen der besser qualifizierten Kandidaten aus dem Unterhaus ziehen lassen, weil dadurch eine schwierige Nachwahl fällig geworden wäre. Hill war im Oberhaus entbehrlich, wenn auch hochangesehen. Zuletzt diente er der konservativ-liberalen Koalition als Führer des Oberhauses mit Zuständigkeit für das Regierungsprogramm in der zweiten Parlamentskammer.

Der verheiratete Vater von drei Kindern hat eine für Großbritannien typische Politkarriere hinter sich. Nach Privatschule und Geschichtsstudium in Cambridge arbeitete er als junger Researcher für die Torys, diente dann Premierminister John Major (1990-97) als politischer Privatsekretär. Ehe der jetzige Regierungschef ihn 2010 ins Oberhaus holte, hatte Hill 15 Jahre lang politische PR betrieben. In Brüssel aber sei er nicht der Repräsentant des Londoner Finanzzentrums, versichert Camerons Abgesandter: "Mir geht es um effektive Regulierung, Stabilität und Wachstum für die gesamte EU." (Sebastian Borger, DER STANDARD, 3.10.2014)

  • Konnte noch nicht alle Kritiker im EU-Parlament überzeugen: Jonathan Hill.
    foto: reuters/herman

    Konnte noch nicht alle Kritiker im EU-Parlament überzeugen: Jonathan Hill.

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