Ruhe, Rausch und speibende Raketenhühner

2. Oktober 2014, 17:38
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"Ambient" ist nicht nur die Musik der Stunde, sondern auch das Design der Mumok-Ausstellung von Cosima von Bonin: Die retrospektiv angelegte Schau präsentiert sich dank Plüschbewohnern wie aus einem Guss

Wien - Dass der Silicon-Valley-Hippie, also jener 68er, der den gesunden Egotrip und die gepriesene Selbstverwirklichung bis zum Internetmilliardär pervertiert hat, der Anfang allen Übels ist, gehört fast schon zum Common Sense der Neoliberalismuskritik. Vielleicht war der Argwohn, mit dem man die Woodstocker einst durch Hinweise wie "Hippies use side door!" nicht so herzlich willkommen hieß, also angebracht?

Cosima von Bonin hat mit Hippies use side door aber wohl eher den wahren Sex-Drugs-Rock-'n'-Roll-Strang der Geschichte im Sinn, denn solche Romantiker müssen heute noch - oder besser: heute wieder - die "Hintertür" benutzen. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab kommentiert daher der zweite Teil des Ausstellungstitels.

Die retrospektiv angelegte Schau im Mumok ist hierzulande die bisher umfassendste Ausstellung der 1962 geborenen, deutschen Künstlerin. Aber Jahreszahlen verliert man in dem mit Elektronik-Ambient-Mucke (Moritz von Oswald) beregnetem Reich des ewigen Clubbings ohnehin leicht aus dem Blick; sie verschwimmen zwischen weichen Sounds und ebensolchen Textilien, werden zur Nebensache.

Das illustre Volk ihrer Provinz hat allerdings nie zu feiern aufgehört: Das signalisiert bereits der hölzerne Pinocchio, der sich hoch oben an der Fassade fast die Seele aus dem Leib kotzt. Eine Geste des Überdrusses, die man vielseitig interpretieren kann - etwa als Angewidertsein von der Welt oder als Selbstekel angesichts der eigenen Verlogenheit.

Fatigue Empire hieß 2010 ihre Schau im Kunsthaus Bregenz, wenig später beschwor sie in Rotterdam das dolce Far niente. Der Rabbit at rest (2010) heißt bei Cosima von Bonin gerne Sloth (engl.: Faultier)und ist so schlapp wie seine langen Ohren. Erschlaffte Schlummerhäschen, auf den Boxen tanzende Krabben, vergnügungssüchtige Raketenhühner, abhängende Hummer, an Segelleinen schaukelnde Vögel: Die Entourage aus Kuscheltieren inmitten einer Kulisse aus Booten, Sonnenschirmen und Strandhütten verleitet dazu, in dem verschiedene alte Ausstellungen zitierenden Gesamtbild wieder ein sündiges Empire der Zerstreuung und des Ennui auszurufen. Berauscht an den Fliegenpilzen, die sich hier bevorzugt in jungfräuliches Koksweiß hüllen, schrumpft der Bürger auf Däumlingsgröße, taucht ein wie Alice ins Wunderland: In der Welt des Deliriums staunt man mit Kinderaugen. Es ist eine Parallelwelt in der Produktivitätsverweigerer keine mahnenden Zeigefinger fürchten müssen. Brav sind hier nur die Hunde - mit Knochen bezirzte "beinharte Diener".

Plüschtiere sind in dieser Welt keine Spielzeuge, sondern Identifikationsfiguren: Das mitleidige "Oooch" beim Anblick der weichen Seelchen, die im Treppenhaus auf ihrer Visage liegen, als hätte sie jemand gelangweilt fallen lassen, fährt daher tief ein.

Kreativ und produktiv sein? "Könnt ihr haben", scheinen von Bonins performende Freunde 2004 im Kölnischen Kunstverein höhnisch zu rufen: Sie vollführen mit einem in elefantengrauen Filz gehüllten Styropor-Katamaran, der in einen Kobel eingezwängt ist, eine Drehung. Eine sinnlose Aktion, in der später noch mit Gewalt passend gemacht wird, was nicht in die Form passen will.

Präsentiert wird die Dokumentation dieser Performance in einer Art Kajüte, aus der es auch tönt: "Und wenn du denkst, 'Alles ist zum Speien!' .... Kapitulation!" Es ist Dirk von Lotzow, Sänger von Tocotronic, der anlässlich der Ausstellung der engen Freundin, die ihm einige Bühnensettings erdacht hat, mit seiner Band am Samstag ein einziges Österreichkonzert gibt.

Die Künstlerin liebt die interdisziplinäre Komplizenschaft und kooperiert mit Freunden aus Musik, Mode, Kunst - neben Konzerten und Performances integrierte sie in Wien auch Arbeiten von Vorbildern und Weggefährten wie Martin Kippenberger. Kollaboration und Happening als Strategie, Erwartungen des Kunstbetriebs zu enttäuschen - auch das ein Charakteristikum in Cosima von Bonins Arbeit, die sich auch eindeutigen Interpretationen verweigert. Aber die selbstständige Reise entlang der eigenen Assoziationen ist ebenso spannend wie lustvoll. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 3.10.2014)

Bis 18. 1. 2015.

  • Sloth, der träge Hase, hängt mit seinen Kollegen faul und müde herum, während das kotzende Küken einen wilden Ritt auf einer zuckerlfarbenen Rakete erlebt: Willkommen in Cosima von Bonins Welt.
    foto: laurent ziegler

    Sloth, der träge Hase, hängt mit seinen Kollegen faul und müde herum, während das kotzende Küken einen wilden Ritt auf einer zuckerlfarbenen Rakete erlebt: Willkommen in Cosima von Bonins Welt.

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