Häuserkampf in Kobanê befürchtet - Türkei billigt Militäreinsatz

Reportage2. Oktober 2014, 19:10
162 Postings

Während der Kampf zwischen Islamisten und Kurden um Kobanê weitergeht, lässt die Türkei die Muskeln spielen: Panzerfahrten vor der Grenzstadt und eine Vollmacht vom Parlament

Suruç - Der Onkel ist drüben und kämpft, vielleicht sogar dort im Westen der Stadt, wo jetzt die Artilleriegeschoße niederprasseln. Sein Neffe kauert am Boden, das Mobiltelefon ans Ohr gepresst, weil der Wind heute so stark ist und den Sand vor Kobanê meterhoch aufwirbelt. Er kommt vom Norden, von der türkischen Seite, und verschluckt das Geräusch der Detonationen. Der Onkel drüben in Syrien antwortet seit dem Morgen nicht, sein Verwandter ist besorgt. "Wir kämpfen oder sterben", sagt der Kurde, das eine oder das andere.

Es ist Tag 18 des Kriegs um Kobanê, die Stadt der syrischen Kurden an der Grenze zur Türkei. Der Mann mit dem Telefon sieht hinüber zum Kampfschauplatz. "Der Islamische Staat hat große Panzer", erklärt er, "aber wenn sie näher an unsere Stellungen kommen, nützen die Panzer nichts mehr. Dann müssen sie von Haus zu Haus kämpfen." An den Fall von Kobanê will hier immer noch niemand denken. Die Islamisten werden jeden umbringen, wenn sie es in die Stadt schaffen, hatte Salih Müslim, der Chef der syrischen Kurdenpartei PYD, diese Woche gewarnt.

Eine Sorge weniger

Zwei, drei Kilometer entfernt von Kobanê, hinter einem Hügel, liegt das Strandgut des Bürgerkriegs am Grenzzaun: eine Autohalde, Tausende von Pkws, kaputte und offensichtlich fahrtüchtige, Letztere erst vor ein paar Tagen von den syrischen Kurden hinterlassen auf der Flucht vor dem Angriff der Terrormiliz Islamischer Staat.

Die türkische Armee verbat den Syrern, ihre Autos mit über die Grenze zu nehmen. Nun haben die Behörden begonnen, einen riesigen Parkplatz anzulegen, mit Zaun und einem Graben um das Gelände, damit die Fahrzeuge nicht gestohlen werden. Wenigstens eine Sorge weniger für die Flüchtlinge.

Muskelspiele

Ein paar Hundert kommen am Donnerstag durch das provisorische Tor am Grenzzaun neben der Autohalde. Sie werden registriert und dann in Kleinbusse und auf Lastwagen gesetzt. Das erste Flüchtlingslager liegt gleich gegenüber von Kobanê, in Sicht- und Hörweite der Kämpfe und neben einem türkischen Militärstützpunkt. Ein Panzer rast dort heraus, donnert über die Steinwüste eine Anhöhe hinauf, eine riesige Staubwolke hinter sich ziehend, und dreht dann wieder um. Testlauf und Muskelspiel vor den Augen des Islamischen Staats.

Im Parlament in Ankara wird zur selben Stunde über Krieg und Frieden debattiert. Staatschef Tayyip Erdogan hatte am Vortag gewarnt: Die Türkei sei unter großer Bedrohung. Der Antrag über eine Vollmacht für die Armee zum Einsatz in Syrien und im Irak nennt gleich mehrere "Terrororganisationen" - nicht nur den Islamischen Staat, sondern auch die syrische Kurdenpartei PYD und die PKK im Nordirak, mit der der türkische Staat eigentlich über einen Frieden verhandelt.

Das Parlament hat den Militäreinsatz im Irak und in Syrien am Donnerstagabend abgesegnet: Regierungspartei und Rechtsnationalisten unterstützten den Antrag; Sozialdemokraten und Kurden waren dagegen. Das Mandat für die Armee sei unklar, moniert die Opposition. Es zeige nur den Unwillen der türkischen Regierung, die IS wirksam zu bekämpfen, erklärt die Kurdenfraktion.

"Neoosmanischer Traum"

Ibrahim Halil Baran, kurdischer Politiker und Schriftsteller, wird noch deutlicher. Den Plan der türkischen Regierung für eine "Sicherheitszone" auf syrischem Gebiet, wo ein Teil der nun bereits mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge zurückgebracht werden soll, hält er nur für ein Manöver. "Sie wollen Westkurdistan besetzen", sagt Baran, "das ist ihr neoosmanischer Traum."

Westkurdistan nennen die kurdischen Aktivisten das Selbstverwaltungsgebiet, das im Norden Syriens in den ersten Jahren des Bürgerkriegs entstanden ist und nun unter dem Ansturm der Islamisten zusammenbricht.

Baran sitzt in einem Vereinsbüro in Suruç, seinem Heimatstädtchen, sechs Kilometer vor Kobanê. Er organisiert Hilfe für die Flüchtlinge. Kleidung und Decken stapeln sich an den Bürowänden. "Warum gibt es diese Grenze überhaupt? Wo ist denn der Unterschied zwischen Suruç und Kobanê", fragt Baran, rein rhetorisch. Die Briten haben die Grenzlinie gezogen, und die Türken halten sie aufrecht.

An der Grenzlinie fahren jetzt die Milizen des Islamischen Staats entlang, man sieht die Fahrzeuge mit bloßem Auge. Noch haben die Islamisten nicht ihre schwarze Fahne auf dem Funkturm über Kobanê gehisst. (Markus Bernath, DER STANDARD, 3.10.2014)

  • Rauch über dem Süden der Stadt Kobanê am Donnerstag.
    foto: ap

    Rauch über dem Süden der Stadt Kobanê am Donnerstag.

  • Das Parlament in Ankara hat am Donnerstagabend ein Mandat für Militäreinsätze verabschiedet.
    foto: ap

    Das Parlament in Ankara hat am Donnerstagabend ein Mandat für Militäreinsätze verabschiedet.

Share if you care.