Bayerisches Staatsballett im Tanzquartier: Die rissige Coolness

2. Oktober 2014, 17:34
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Das Staatsballett zeigte einen Doppelabend mit je einem Werk von Richard Siegal und US-Großmeister Merce Cunningham

Wien - Auffällig ist es schon, dass ein der zeitgenössischen Choreografie verpflichtetes Haus ausgerechnet eine Ballett-Compagnie als Einladung an ein größeres Publikum verpflichtet. Aber so hat es das Tanzquartier Wien (TQW) gemacht - und der Sinn dahinter ist durchaus erkennbar. Das Bayerische Staatsballett zeigte in der TQW-Halle E einen Doppelabend mit je einem Werk des Amerikaners Richard Siegal und des vor fünf Jahren verstorbenen Großmeisters der US-Tanzmoderne, Merce Cunningham.

Bei Siegals Unitxt konnte man sehen, wie gut sich die Bewegungssprachen und Tanzkörper von Ballett und Modern Dance in coole Visuals zu extracooler Musik (Carsten Nicolai) integrieren. Und bei Cunninghams Spätwerk Biped - das bereits 2000 in Wien zu sehen war - gab es zu Gavin Bryars' gleichnamiger Komposition eine von Expressivität befreite Tanzmoderne zu sehen, die von den Tänzern anstandslos auf die Bühne gebracht wurde. Richard Siegal, der unter anderem bei Zvi Gotheiner in New York und später bei William Forsythe gearbeitet hat, bedient sich heute einer eklektischen Form mit Ballettphrasen und Forsythe-Anklängen bis hin zu performativ-tänzerischen Elementen, wie sie etwa auch ein Hofesh Shechter nutzt. Und seine in manchen Momenten überraschend rissige Coolness ist weniger manieriert als beispielsweise die eisige Hermetik eines Édouard Lock (von La La La Human Steps).

Disziplin und Exzess

So bewegt sich das Ballett aus seiner höfisch-aristokratischen Tradition durch eine modernistische (Balanchine) und postmoderne (Forsythe) Phase in eine an Science-Fiction erinnernde Ästhetik. Und die ist, wie bei Unitxt zu sehen, reizvoll und herausfordernd, da sie virtuos zwischen Disziplin und Exzess pendelt.

Dagegen wirken Cunninghams elaborierte Bewegungsmuster auf den ersten Blick steif und rational. Wer sich jedoch entspannt darauf einlässt, entdeckt in den präzisen - ebenfalls hochdisziplinierten - Tanzabfolgen erstens feinen Humor und zweitens verspielt pathetische Gesten. Bei beiden Stücken spielen Lichtkonzepte eine wichtige Rolle. In Unitxt, um die Atmosphäre eines Club-Bunkers zu schaffen, und in Biped, um zusammen mit computeranimierten Projektionen auf der Bühnen einen virtuellen Raum zu erzeugen. Ein spannender Abend war's, und wer sich am 25. Oktober zufällig in Rouen aufhält, kann ihn dort wieder anschauen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3.10.2014)

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