Ken Loachs "Jimmy's Hall": Ein Heimkehrer bringt die Verhältnisse zum Tanzen

2. Oktober 2014, 17:30
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Der jüngste Film des Briten erzählt von Selbstermächtigung in Irland in den 1930er-Jahren

Wien - "Jimmy's Hall", der jüngste Film von Ken Loach, wird auch der Letzte sein, den der inzwischen 78-jährige britische Regisseur fürs Kino gedreht hat - dies behauptete er zumindest in Cannes. Loachs Sehvermögen ist beeinträchtigt, seine Motivation nach rund zwei Dutzend Spielfilmen in 46 Jahren aber ungebrochen: Ums Verstärken "dissidenter Stimmen" geht es ihm noch immer, um die Beschreibung und Analyse gesellschaftlicher (Miss-)Verhältnisse - und um deren Veränderbarkeit. In "Jimmy's Hall" führt Loach ausgehend von einer realen Persönlichkeit diesmal ins Irland des Jahres 1932: James "Jimmy" Gralton kommt in sein Dorf in der Grafschaft Leitrim zurück. Der große Schuppen, in dem einmal ein Arbeiterklub untergebracht war, ist verwaist, während der zehn Jahre, die der Kommunist im politischen Exil in den USA verbracht hat.

Bald wird Jimmy von alten Weggefährten und -gefährtinnen genauso wie von der örtlichen Jugend bedrängt, "Jimmy's Hall" doch wieder aufzusperren. Und bald finden - trotz vehementer Anfeindungen durch den Pfarrer und durch rechte Lokalpolitiker - hier wieder alle möglichen Kurse statt. Abends wird getanzt, neuerdings bewegen sich Jung und Alt auch zu Jazzmusik, Jimmy hat ein Grammofon und Schallplatten mitgebracht - und die Schrittfolge für den Shim Sham.

Kino mit Bildungsauftrag

Das sorgt für mitreißende Szenen musikalischer Bewegung, es verbündet Politik mit Pop, und zeigt Kultur als Lebensmittel. Außerdem erzählt Loach von einer Tradition, in die man auch sein eigenes Wirken stellen kann: Es geht um volksbildnerische (Eigen-)Initiative. Die greise Mutter von Jimmy Gralton, die einst den Kindern in ihrer Gegend mit einer fahrenden Bibliothek Bücher von Robert Louis Stevenson und anderen buchstäblich nahe brachte, ist in diesem Sinn eine Vorfahrin des Regisseurs, der zunächst bei der BBC und später im Kino ebenfalls unermüdlich einem Bildungsauftrag nachging.

Im Fall seines jüngsten Films mag das Anliegen mitunter die Form überlagern: Oberflächlich betrachtet ist "Jimmy's Hall" ein konventionell inszeniertes Period Piece, aus dem das satte Grün irischer Landschaft leuchtet. Das Ensemble um den energetisch-spitzbübischen Hauptdarsteller, den Dubliner Theaterschauspieler Barry Ward, ist weniger profiliert als in anderen Arbeiten von Loach. Aber niemand sonst erzählt mit der Konsequenz von Loach solche Geschichten, betreibt schon ein ganzes Werk lang alternative Geschichtsschreibung.

Und die ist nicht zuletzt relevant, weil immer wieder Bezüge zur Gegenwart durchschimmern: Jimmy kommt 1932 auch als Zeuge des großen Crashs von 1929 aus New York zurück. 1922, nach dem irischen Bürgerkrieg, hatte er sich noch verhältnismäßig leicht, mit Unterstützung amerikanischer Genossen in die USA absetzen können. Inzwischen, so beklagen die jungen Männer, ist die Einreise kontingentiert.

Einmal marschiert eine große Gruppe von Unterstützern auf ein gräfliches Anwesen, wo eine vielköpfige Pächterfamilie aus ihrem Häuschen geworfen wurde: "Keine Delogierungen mehr auf diesem Anwesen!" lautet die Parole, und der Merksatz für alle Werktätigen: Freie Menschen kann man nicht knechten. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 3.10.2014)

Ab Freitag im Kino.

  • Alte Weggefährten erfreuen sich an kollektiver Bewegung: Oonagh (Simone Kirby) und Jimmy (Barry Ward) in "Jimmy's Hall".
    foto: polyfilm

    Alte Weggefährten erfreuen sich an kollektiver Bewegung: Oonagh (Simone Kirby) und Jimmy (Barry Ward) in "Jimmy's Hall".

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