"Mary Poppins" in Wien: Familienbefriedung durch Zauber

2. Oktober 2014, 16:56
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Deutschsprachige Erstaufführung des Musicals im Ronacher: Der Welthit aus London präsentiert sich mit einem guten Ensemble als professionelle und bunte Märchenproduktion. Ziemlich großer Publikumserfolg

Wien - Die Vereinigten Bühnen Wien können die Zauberkünste der rätselhaften Dame gut gebrauchen: Der Wiener Musicalkomplex - bestehend aus Ronacher und Raimundtheater - steht ja mit jeder neuen Produktion unter höchstem Auslastungsstress, dem regelmäßig und gerne Fragen nach der Sinnhaftigkeit opulenter Wiener Musicalpflege folgen. Aktuell begutachtet auch noch die Stadt Wien ein neues Wiener Musicalkonzept. Eine frische Produktion steht damit wohl noch stärker im Fokus.

Ihre Hitqualitäten hat Fräulein Poppins allerdings längst untermauert: Von London aus hat sie jahrelang für Auslastungsmärchen gesorgt. Und auch im Ronacher ist ihr Virtuosität nicht abzusprechen. Mary Poppins lässt mythologische Statuen so lebendig werden wie Puppen; mit kleinen Bewegungen bringt sie selbst zertrümmerte Küchen in die ursprüngliche Idealform.

Und geht es darum, als Kindermädchen, das sie auf Erden ist, eine eher unsympathische Konkurrentin auszuschalten, scheut Poppins auch nicht vor drastischen Maßnahmen zurück: Die garstige Miss Andrew (witzig-intensiv Maaike Schuurmans) landet in einem großen Käfig und fährt aus dem Haus der Familie Banks hinab - wohl in höllische Regionen.

Das Kindermädchen steppt

Poppins kann aber auch für farbige Bühnenmomente sorgen: Als sie ihre kleinen Schutzbefohlenen Jane und Michael (hervorragend Fiona Bella Imnitzer und David Paul Mannhart) aus dem verregneten urbanen Alltag zu entführen sucht, verwandelt sie das Ambiente in eine schillernde Figurenwelt, die sogar Königin Victoria Einlass gewährt. Auch kann Mary Poppins steppen. Und wie sie ihre Aufgabe erfüllt hat und die Familie Banks wieder zur Ruhe kommt, entschwebt Poppins mit Schirm über die Zuschauerköpfe hinweg Richtung Ronacher-Balkon.

Natürlich wird ihr die Arbeit durch die dynamische Regie (Anthony Lyn) sowie das putzige, flexible und elegante Umbauten ermöglichende Ambiente erleichtert (Bühnenbild Bob Crowley). Und auch das (nur mitunter lautstärkemäßig etwas gar präsente) Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter Dirigent Koen Schoots ist ein verlässlicher Energielieferant - von altehrwürdiger Big-Band-Stilistik.

Tadellos auch das sie umgebende Völkchen: David Boyd ist ein flotter Bert, Reinwald Kranner zeigt Familienvater George Banks als arbeitsgeplagten Banker auf dem Weg zur Menschlichkeit. Und Milica Jovanovic wirkt sympathisch als dessen Gattin Winifred Banks, die als ehemalige Schauspielerin ihr Glück schließlich doch nur in häuslicher Tätigkeit findet. Sie alle singen respektabel und sind Teil einer professionellen Produktion, in deren Mitte Mary Poppins (ohne Fehl und Tadel Annemieke van Dam) ihre Zauberdienste verrichtet.

Freude für Vatikan

Mit ihrer gütigen Strenge ist die prüde Dame natürlich ein wenig aus der Zeit gefallen. Ihr pädagogischer Ansatz führt schließlich auch zu einem Familienidyll, das der bunten Gegenwart die kalte Schulter zeigt. Das käme im Vatikan sicher gut an. Und verwunderlich ist, dass Mary Poppins noch nicht zur Seligsprechung vorgeschlagen wurde. Ob der ehrwürdige Ansatz allerdings auch sein Zielpublikum findet, muss sich weisen. Die Qualität der Produktion jedenfalls passt. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 3.10.2014)

  • Statuen, Puppen werden lebendig - sogar Queen Victoria wird von Mary Poppins (Annemieke van Dam, li.) herbeigezaubert.
    foto: apa

    Statuen, Puppen werden lebendig - sogar Queen Victoria wird von Mary Poppins (Annemieke van Dam, li.) herbeigezaubert.

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