Thom Yorke: Die Musik der kleinen Buben

2. Oktober 2014, 17:13
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Acht Jahre nach seinem ersten Soloalbum veröffentlicht der Radiohead-Sänger seinen zweiten Alleingang namens "Tomorrow's Modern Boxes"

Einmal muss die Geschichte noch erzählt werden, sie ist nämlich gut: Die jamaikanische Pop-Diva Grace Jones feierte vor ein paar Jahren ein spätes Live-Comeback abseits von Richard Lugner, Opernball und Bauerndisco beim FM4-Frequency-Festival auf der Schotterwiese zwischen Westautobahn und dieser Stadt, die sich St. Pölten nennt, allerdings verflucht scheint, obwohl das Zentrum eh nicht ganz so schlimm wie deren Peripherie ist. Grace Jones spielte damals auf der kleineren Bühne, weil zeitgleich Thom Yorke und Radiohead auf der großen ihrer Kernkompetenz, dem öffentlichen Leiden, nachgingen. Als dann Grace Jones einmal mit einem Song fertig war und eine Pause entstand, weil sie schnell einen untergeordneten Gitarristen oder so jemand Ähnlichen umbringen musste, weil dieser frech zurückgeschaut hatte, als sie ihm Tipps für sein weiteres glückliches Leben mit ihr als Arbeitgeberin gegeben hatte, drangen von der Radiohead-Bühne Radiohead-Töne.

Intensiv im falschen Leben

Man muss sich diese als meist in Moll gehaltene, verschleppte und irgendwie an Schwermut bei gleichzeitigem Völlegefühl und Weltschmerz gehaltene existenzialistische Absagen an die gutbürgerliche westliche Gesellschaft vorstellen - und zwar nicht etwa aus ökonomischen Gründen. Hallo! Wenn der Inhalt nicht stimmt, brauchen wir die Verpackung auch nicht. Nein, Thom Yorke und seine jederzeit sehr bestimmt und künstlerisch wertvoll wirkenden Kollegen von Radiohead greinen mit höchster Intensität vom falschen Leben, das nicht gut sein kann, bloß weil uns gerade ein Refrain oder eine Hookline besonders taugen.

Das machen Radiohead eh schon lange nicht mehr. Das hat sich spätestens mit dem Album "OK Computer" von, mein Gott, 1997 erledigt. Seither leidet die Band in den Nachwehen ihrer Grunge-Anfänge und ihrer mit einem Schuss Bono oder Bono mit Schuss aufgepeppten Pink-Floyd-Werdung an sogenannter Welthaltigkeit. Wer an der Welt trägt, der trägt schwer. Thom Yorke und Radiohead können deshalb nicht länger ihre alten Instrumente schleppen. Ein Laptop tut es auch. Wenn man bei einem Laptop auf "Niedergang des britischen Sozialsystems am Beispiel der Vorstädte Glasgows" drückt und das mit Kirchenorgel gebrochen durch stolpernde Beats kombiniert, die entstehen, wenn man auf eine alte Schreibmaschine hackt, klingt das sehr beeindruckend. Gute Musik! Beim Gesang tut man sich am leichtesten, wenn man dem Sänger auf einer altmodischen Ringelspiel-Anlage ein leichtes Schleudertrauma zufügt und ihn nach drei Stunden befreit, damit er eine neue Ballade einsingen kann. All das ist immer noch um Klassen besser als vergleichbare Größen wie, ja, wer? Allerdings könnte man sich auch einmal ein wenig locker machen. Es muss ja nicht gleich eine Coverversion des "Sunshine Reggae" eingespielt oder ein Gastauftritt bei der "Schlagernacht am Wörthersee" absolviert werden. Das ist doch alles nicht so schlimm!

"Das macht mich krank"

Grace Jones, genau. Fast vergessen. Sie sagte jedenfalls damals in St. Pölten hinüber zu Radiohead: "Oh, my god. Stop this little white boy music, it's making me sick." Thom Yorke hat jetzt kurz vor der Produktion eines neuen Radiohead-Albums ein zweites Soloalbum veröffentlicht. Nach "The Eraser" von 2006 und seiner Zweitband Atoms For Peace kommen die neuen Stücke des nun vorerst online veröffentlichten Albums "Tomorrow's Modern Boxes" alles andere als ungewöhnlich daher. Die Gitarre bleibt im Keller, das Geplinke, Geplonke und andere elektronische Geruckel und Gezuckel, das man vor 20 Jahren einmal als "Intelligent Techno" bezeichnete, weil auch Freunde des Rock mit der Kombination aus Greingesang, Strophe-Refrain und harmonischen Mindestanforderungen etwas anfangen konnten, ist unverändert. Nennen wir es zeitlos.

Abstraktes Songwriting mit dem Generalverdacht der Intellektualität hat einen Vorteil. Es wird aus Angst vor falschen Urteilen meist wohlwollend rezipiert. Yorke hat sein Album über ein neues Bezahlmodell auf der bei Piraten beliebten Plattform Bittorrent für eine Handvoll Euro mittlerweile gut eine halbe Million Mal verkauft. Keine Frage, der Mann hat für seine Kunst gelitten, jetzt sind wir dran. Das Ganze gibt es zudem nur als MP3-File. Eine Luxusedition auf Vinyl für 40 Euro soll folgen. Irgendetwas ist faul mit Menschen, die so snobistisch sein können, ihre Musik scheinbar zu verschleudern. Dank Bittorrent verdient Yorke aber ohne Produktionskosten ohnehin das Dreifache wie über iTunes. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 3.10.2014)

  • Radiohead-Sänger Thom Yorke leidet gern. Es ruckelt und es zuckelt. Plinken und plonken tut es auch.
    foto: eliot lee hazel

    Radiohead-Sänger Thom Yorke leidet gern. Es ruckelt und es zuckelt. Plinken und plonken tut es auch.

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