Rausch und Ernüchterung

2. Oktober 2014, 16:59
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Barokthegreat und die zwei Seiten des Siegens

Graz - Es gibt ein Lied der Sportfreunde Stiller, in dem singen sie: "Es geht hier nicht um Leben oder Tod, es geht um mehr - wir müssen gewinnen." In diesem Fall geht es natürlich um Fußball, aber ob auf dem Rasen oder sonst wo auf der Welt: Gewinnen ist ein großes Thema.

Die italienische Tanz- und Performancegruppe Barokthegreat, gegründet von Musikerin Leila Gharib und Choreografin und Tänzerin Sonia Brunelli, hat sich in ihrem jüngsten Stück Victory Smoke genau diesem Thema gewidmet: der Jagd nach der Siegestrophäe - und jenem Moment, in dem man sie erringt. Seit ihrer Gründung 2008 beschäftigt sich die Gruppe, von Kritikern hoch gelobt, auf einer sehr physischen Ebene mit der tanzenden Bewegung, mit den rituellen Funktionen von Musik und den Wechselwirkungen mit der umgebenden Architektur. In Stücken wie Indigenous entsteht so aus dem Zusammenspiel von Raum, Lichteffekten, dem Rhythmus der Musik und der intensiven, sehr eigenwilligen Choreografie eine sogartige, fast rauschhafte Wirkung.

Rausch passt ja wiederum gut zur Thematik der neuen Arbeit, auch wenn hier keine Rennfahrer sich mit Schampus überschütten. Sehr wohl aber geht es Barokthegreat um die Magie und das Delirium, die die archetypische Vorstellung von "Sieg" ebenso prägen wie die Tatsache, dass zum Sieger immer auch ein Besiegter gehören muss. Zum Rausch gehört immer die Ernüchterung.

Waren es bei Indigenous Trommelrhythmen sind es hier eine E-Gitarre und ein Becken, die eine beschwörende Siegeshymne intonieren. Das maßlos idealisierte Bild einer strahlenden Siegesgöttin, deren Einzug von Trommeln begleitet wird, trägt seine Schattenseite schon in sich: Denn genauso gut könnten die Trommeln jene sein, die den Arbeitern auf der Strafgaleere den Rhythmus vorgeben, in dem sie zu rudern haben. Der Zwang zum Erfolg wird heute als immer härter empfunden. Und so himmlisch man sich als Sieger fühlen mag - gewinnen zu müssen ist die Hölle. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 3.10.2014)

MUMUTH, 10., 11.10.: 21.30; 12.10.: 19.30


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • V heißt Victory heißt Sieg - aber was heißt eigentlich Siegen?
    foto: dafne boggeri

    V heißt Victory heißt Sieg - aber was heißt eigentlich Siegen?

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