Essen, um nicht schreien, um nicht weinen zu müssen

2. Oktober 2014, 17:00
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Essen als Protest und Abbild gesellschaftlicher Problemzonen - der französische Starchoreograf Boris Charmatz holt in "manger", das erstmals in Österreich zu sehen ist, alles heraus, was in einer simplen Bewegung der Kiefer stecken kann

Graz - Kein Gerede will Boris Charmatz in seinem neuen Stück. Die 14 Tänzerinnen und Tänzer darin sollen nichts sagen, nichts ausdrücken. Es ist also eigentlich folgerichtig, dass er das Stück manger nennt - und das Ensemble auf der Bühne essen lässt. Denn wer viel sagen will, ohne etwas zu sagen, der isst am besten etwas.

Essend verweist er dann so wortlos wie deutlich auf einige der wichtigsten Themen der Gegenwart: Überfluss und Umweltzerstörung. Gnadenlose Disziplinierung und Zurichtung der Körper. (Hunger-)Streiks. Gewalt. Armut. Und immer wieder: Hunger. Hunger nach Erfolg, Liebe oder (im schlimmsten Fall) nach Essen.

Charmatz ist bekannt dafür, dass ihm die reine Tanzkunst noch lange nicht genügt. Er stellt mit der Choreografie auch gleich philosophische und oft existenzielle Fragen rund um das Menschsein in den Raum. Im viel diskutierten enfant ließ er Kinder auf der Bühne von Erwachsenen bewegen, herumziehen und -zerren, bis die Kinder am Ende erwachen, erwachsen werden und das Regiment übernehmen. Auch hier eröffnete das Stück sprachlos einen riesigen Raum voller Assoziationen und Verweise. Dort, wie nun in manger, wird nichts ausgedeutet oder vorgeschrieben. Jeder Zuschauer, jede Zuschauerin kann und soll sich einen eigenen Reim auf das Gesehene machen.

Die Wirklichkeit verdauen

Was sie sehen, sind Tänzerinnen und Tänzer, die Papier essen. Die dieses Papier in allen Positionen und Haltungen essen, auf dem und selbst vom Boden. Während sie essen, versuchen sie zu tanzen, zu singen. Was Charmatz hier beschäftigt hat, war zum einen der Vorgang des Hinunterschluckens. Für ihn ist es ein Verdauen der oft schwer verkraftbaren Wirklichkeit, ein Verschlingen auch dessen, was normalerweise auf dem Papier festgehalten ist, Verträge etwa oder Nachrichten.

Wir sitzen vor dem Fernseher, schauen Nachrichten und schieben irgendwelche Snacks in uns hinein, so sagte er in einem Interview. Und während wir denken, wir würden einfach nur essen, hat Boris Charmatz eine andere Vermutung: "Wir glauben, wir essen die Chips oder das Sandwich, aber vielleicht essen wir, um nicht weinen zu müssen. Wir essen, um die Informationen zu verdauen. Wir essen, um nicht zu schreien."

Daneben interessiert ihn der Umgang mit dem Körper, wie ihn die Tanzszene in einem besonders extremen Ausmaß pflegt. Hier ist der Körper ein Werkzeug; und dieses Werkzeug wird "gewartet", dass es oft nicht mehr schön oder gar gesund ist. "Tanzen ist die Mutter der Anorexie", dieses Motto stellt Charmatz seinem Stück voran und meint damit wohl nicht nur, dass Tänzerinnen oft so extrem dünn sein müssen (oder glauben, es sein zu müssen), dass aus der Schlankheit eine Essstörung wird. Er selbst erzählt auch, dass das Tanzen eine solche Alleinherrschaft im Leben der Tänzerinnen und Tänzer beanspruche, dass daneben gar nichts anderes mehr Platz haben könne. "Tanzen allein reicht", das sei die Maxime.

Weitertanzen als Protest

Tatsächlich ist es aber auch so, dass, wer tanzt, gar nicht wirklich gut essen kann - und umgekehrt, wer isst, schlecht noch nebenher tänzerisch viel zustande bringt. Die Tänzerinnen und Tänzer im Stück können, andauernd essend, keine großen Sprünge mehr machen. Auch das Singen geht nur sehr bedingt.

Essen, Singen, Tanzen - drei Dinge, die sich wechselseitig mehr oder weniger ausschließen. Dass das Ensemble es trotzdem immer weiter versucht, auch das ist einer der Punkte, um die es Boris Charmatz hier geht. "Man macht trotzdem weiter, man tanzt und singt immer weiter - auch das ist eine Form von Protest." (Andrea Heinz, DER STANDARD, 3.10.2014)

Helmut-List-Halle, 16., 17., 18. 10., 19.30


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Steirischen Herbst. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

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