Territorialitätsprinzip als Stolperstein

Blog8. Oktober 2014, 11:44
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Nach zehn Jahren Forschungs- und Lehrtätigkeit in der Türkei ist die Archäologin Celine Wawruschka nach Österreich zurückgekehrt. Nicht ohne Schwierigkeiten

"Auch in der Türkei gibt es Kettenverträge, die dort genauso nicht in Ordnung sind wie in Österreich", sagt die Archäologin Celine Wawruschka. Zehn Jahre lang hat die 1972 in Wien geborene Wissenschafterin in der Türkei gegraben, geforscht und unterrichtet. Nach ihrer Promotion in den Fächern Ur- und Frühgeschichte in Wien ging sie aus Forschungsinteresse in die Türkei, "ein Paradies für Archäologen". Ursprünglich ohne fixe Stelle, dann finanziert durch ein APART-Postdoc-Stipendium (Austrian Program of Advanced Research and Technology) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das sie als "bisherigen Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Karriere" bezeichnet.

Von 2008 bis 2010 waren "urgeschichtliche Siedlungsmuster in der Kilikischen Ebene" ihr Forschungsgegenstand. Ihr Fokus, so betont sie, sei immer der Mensch im Kontext der Kulturlandschaft. Dafür hat sie eigens ein sozioökonomisches Modell entwickelt. "Mir ist bei all meinen Fragestellungen wichtig, dass sie relevant für die Gegenwart sind", sagt sie und ergänzt: "Wo ich mit dem APART-Stipendium geforscht habe, gleich an der türkischen Grenze zu Syrien, stehen heute Flüchtlingslager. Diese Gegend verändert sich seit der Jungsteinzeit ständig. Wo einst die ersten Städte entstanden, werden heute Zeltstädte errichtet."

Internationales Klima

Ab 2005 unterrichtete sie in Istanbul, erst an der öffentlichen Boğazici-, dann an der privaten Koç-Universität. Das Wissenschaftsklima dort bezeichnet sie als "sehr international, kein Vergleich zu Wien". Es gebe eine klare Hierarchie, aber auch "eine unglaubliche Bürokratie mit Feldforschungsprojekten". Sie habe jährlich ihr Visum erneuern müssen. Geholfen habe ihr dabei, dass sie sehr schnell Türkisch gelernt habe. Daneben spricht Wawruschka Englisch, Französisch, Polnisch und etwas Tschechisch, die Sprache ihrer Vorfahren. "Ich bin eine typische Wiener Mischung" sagt sie. Und: "Ich bin die Erste in meiner Familie, die studiert hat." Sie habe sich ihr Studium selbst finanziert und auch in Istanbul bis zum Erhalt des Stipendiums Nebenjobs zur Finanzierung ihrer Forschung gemacht.

Das Arbeitsklima an den türkischen Universitäten habe sie geschätzt, vor allem die "Kommunikationsfreudigkeit". Auffällig sei der sehr hohe Frauenanteil an staatlichen Universitäten mit 70 bis 80 Prozent. Ein bisschen niedriger sei dieser an den privaten Universitäten. "Ich habe dann erst, als ich auch an einer Privat-Uni war, verstanden, warum: Die zahlen besser." Spürbar gewesen seien in ihrem Jahrzehnt in der Türkei die "Nachwirkungen des Laizismus, die jetzt wieder zerbröckeln". In den Jahren 2010/11, kurz bevor sie nach Österreich zurückging, hätten sich die Proteste wie 2013 am Gezi-Park schon abgezeichnet.

Rückkehr nach Österreich

"Zuerst habe ich mich vor allem in Deutschland beworben", erzählt sie. In Berlin gebe es allein 17 Institutionen in ihrem Arbeitsfeld – und Gymnasien mit Türkisch als erster lebender Fremdsprache. Das habe sie sich für ihre inzwischen 13-jährige Tochter gewünscht, die in Istanbul an eine deutsche Schule ging, aber perfekt Türkisch spricht.

Die Rückkehr nach Österreich sei sehr schwierig gewesen, weil es de facto eine Antragssperrfrist von zwei Jahren beim Wissenschaftsfond FWF gebe. "Das Problem ist", erklärt Wawruschka, "das sogenannte Territorialitätsprinzip." Dieses besagt, dass Antragstellerinnen entweder mindestens drei von zehn Jahren vor Antragstellung ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben mussten oder zum Zeitpunkt der Antragstellung mindestens zwei Jahre durchgehend nachweislich wissenschaftlich in Österreich tätig gewesen sein müssen.

Das mache es für viele rückkehrwillige Forscherinnen sehr schwer. Die einzige "Lücke" sei das Lise-Meitner-Programm für ausländische Forscherinnen, das aber nur gemeinsam mit einer österreichischen Mitantragstellerin zu bekommen sei. Wawruschka ist trotz dieser Schwierigkeiten nach Wien zurückgekommen und hat seit Juni eine Senior-Postdoc-Stelle an der Akademie der Wissenschaften, vorerst als Karenzvertretung. Was sie für einen "Braingain" nach Österreich für wichtig hält: "Eine Möglichkeit der Förderung, und sei es nur für ein halbes Jahr, um wieder Fuß fassen zu können und damit Österreich von dem im Ausland erworbenen Wissen profitieren kann." (Tanja Paar, derStandard.at, 8.10.2014)

  • Das Arbeitsklima an den türkischen Universitäten hat  Archäologin Celine Wawruschka geschätzt, vor allem die "Kommunikationsfreudigkeit".
    foto: privat

    Das Arbeitsklima an den türkischen Universitäten hat Archäologin Celine Wawruschka geschätzt, vor allem die "Kommunikationsfreudigkeit".

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