Was im Schlafzimmer passiert? Lesben und Schwule im Job

Gastkommentar13. Jänner 2015, 06:27
52 Postings

"Die Haut der Inklusion ist noch dünn, aber sie trägt bereits eine neue Bewegung." Wir haben Diversity & Inclusion-Berater Norbert Pauser gefragt, woran er Umbrüche merkt. Er antwortet hier in einem Kurz-Essay.

"In welche Richtung die Veränderungen gehen, lässt uns regelmäßig erschauern. Religiöse Zuspitzungen, entfesselter Kapitalismus und ein Kommunismus außer Rand und Band.

Entweder-und-oder also? Von grausamster Barbarei bis klar erkennbare Inklusion finden wir gegenwärtig jede nur erdenkliche Form der gesellschaftlichen In- bzw. Exklusion. Der Umgang mit LGBT (lesbian, gay, bisexual, transgender) ist ein nicht ungeeigneter Indikator für einen globalen Befund. Unausgewogener könnte der nicht ausfallen. In über 80 Ländern der Welt ist Homosexualität illegal, in nicht wenigen droht die Todesstrafe. Demgegenüber stehen 17 Länder, die die Ehe geöffnet haben. Die Aufregung über dieses Missverhältnis hält sich in Grenzen.

Die Haut der Inklusion ist noch dünn, aber sie trägt bereits eine neue Bewegung. Von Auckland bis Hildesheim. Zweifelsohne folgen wir hierzulande noch einem vorauseilenden Gehorsam. In Deutschland entsteht ein neuer Trend. Das Outing erfolgt neuerdings am Ende der Karriere.

In Österreich tun wir aber tatsächlich noch immer so, als gäbe es in Entscheidungspositionen keine Lesben und Schwulen. Getreu dem Motto: Was sie in ihrem Schlafzimmer machen, geht niemanden etwas an. Als wäre die sexuelle Orientierung ein diskretes Hobby. Würden heterosexuelle Mitmenschen erkennen, wie oft am Tag sie sich als solche "outen". Sie würden sich wundern.

Ununterbrochen bringen sie ihre sexuelle Orientierung ins Spiel. Beschwert hat sich darüber noch kaum jemand.

Was also tun? Die Norm und die Abweichung. Das alte Lied. Die Enthierarchisierung von Differenzen ist der Schlüssel. Das wird am Phänomen Homosexualität besonders deutlich. Würden wir begreifen, dass es Lesben und Schwule (und alle anderen) seit jeher gibt und sich das wahrscheinlich nicht so schnell ändern wird, könnten wir uns langsam entspannen. Und akzeptieren, dass es sich lediglich um einen Unterschied handelt.

Solange dieser aber bewertet wird und alle irgendwie eine Meinung dazu haben, werden wir in Kauf nehmen müssen, dass Machtstrukturen diese (vermeintliche) Abweichung für ihre Zwecke missbrauchen. Und auch wenn Homosexuelle global gesehen immer noch (bzw. wieder) gedemütigt, massakriert und gefoltert werden, macht das Homosexualität an sich nicht falscher. Wir wären gegenwärtig gut beraten, den neu aufkommenden steinzeitlichen Entwicklungen etwas Vernünftiges entgegenzuhalten. Vollständige Gleichstellung wäre eine echt brauchbare Alternative. Sie diente übrigens dem Wohle aller.

Mein persönlicher Umbruch war unaufhaltsam. Ich weise die nach wie vor bestehende Hierarchisierung zurück. Die Thematisierung meiner sexuellen Orientierung erfolgt seit geraumer Zeit (an passender Stelle) so selbstverständlich wie die meiner heterosexuellen Artgenossinnen und Artgenossen. Mir ist klar, dass das nicht wenige vor den Kopf stößt. Und möglicherweise meiner Karriere schadet. Das nehme ich in Kauf. Und: Was im Schlafzimmer passiert, geht tatsächlich niemanden etwas an." (Aus unserem Jahresmagazin KARRIERENSTANDARDS 2014)

Norbert Pauser ist Bildungswissenschafter und Organisationsberater mit Schwerpunkt Diversity & Inclusion. Er ist über die Grenzen Österreichs hinaus tätig und lebt in Wien.

Share if you care.