Was kann ich beitragen?

26. Dezember 2014, 12:00
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"Wir müssen uns endlich aus den alten Autobahnen bewegen - da kann eh keiner mehr schnaufen." - Autor und Filmemacher Erwin Wagenhofer über Umbrüche

"Wir leben in einer speziellen Zeit der Umbrüche. Die Frage für mich ist: Was kann ich beitragen? Da ist meine Antwort: Geben ist schöner als Nehmen - aus diesem Grund mache ich Geschichten. Da kommt eben meistens ein Film raus. Das ist eine Mischung aus Musik, der Rhythmus, und aus Literatur, das Narrative. Das Wichtigste dabei ist das Timing.

Manche Filme kommen zu spät, andere zu früh, da versteht sie noch keiner. Mich interessiert die Welt, wie sie sein könnte - dafür ist die Zeit jetzt reif, die kritische Masse ist da. Ein paar Menschen lernen ja schon, deswegen mache ich jetzt diese Filme. Sicher ist da eine große spirituelle Komponente dabei, wenn wir über Wachstum reden, dann ist das Interessante ja das persönliche Wachstum.

Da geht es darum, in ein anderes Bewusstsein zu kommen. Um die Entwicklung in eine andere Stufe der Evolution zu schaffen. Ich sage nicht höher, denn genau das muss aufhören. Anders. Höher klingt wertend. Wir sollten diese Wertungen sein lassen. Wir haben für das Neue noch nicht die Worte, noch nicht die Sprache. Ob ein anderes Bewusstsein rechtzeitig möglich ist, bevor wir den Planeten und uns zerstört haben? Aber ja, ich weiß, dass es möglich ist.

Schaut doch einmal, wo die Menschen in Österreich am liebsten arbeiten: dort, wo man kein Geld verdient - bei der freiwilligen Feuerwehr. Meine Mutter macht seit 40 Jahren Essen auf Rädern, das füllt sie wirklich glücklich aus. Geldverdienen sollte ja ein Nebeneffekt sein. Überhaupt gehört die Arbeitswelt radikal hinterfragt: Die meisten Leute haben ja keine Arbeit, sondern einen Job.

In dieser industrialisierten Welt ist komplett der Bezug verlorengegangen. Das sind Abwege. Unser Hauptproblem ist, dass wir ein so unvorstellbar grausliches Bild von uns selber haben: Die Menschen sind faul, Kinder kommen leer auf die Welt, ohne Zwang und Druck geht gar nichts. Der Ansatzpunkt liegt für mich in diesem schrecklichen Menschenbild, das immer das Schlechteste annimmt.

Wir leben ja in einem unglaublichen Paradoxon: Einerseits haben wir sehr hochstehende Werte, auch in der christlichen Soziallehre. Der Papst ist ja fast schon der einzig Linke auf dem Planeten. Andererseits sollen wir aber konsumieren bis zum Umfallen, damit die Wirtschaft funktioniert, die anderen übers Ohr hauen, niederhauen, damit wir schneller und besser sind. Wir sollen liebevoll und empathisch sein - aber die Konkurrenten ausstechen.

Dieser Gap ist zu groß geworden in den vergangenen 30 Jahren. Wir sind eine so entsolidarisierte Gesellschaft geworden. Das will niemand, dass der andere tot vor einem liegt. Besser werden ist gut - aber in welchem Sinn und wofür? Doch nicht gegen jemanden: Wenn ich besser sein will als der Haneke und bessere Filme machen will, dann bin ich ein Vollidiot. Ich kann nicht, was er kann, und umgekehrt.

Lasst doch die Leute in ihren Talenten, in ihrem Vermögen. Darum geht es - und sicher nicht um ein neues Handy alle zwei Jahre. Wir müssen uns endlich aus den alten Autobahnen bewegen - da kann eh keiner mehr schnaufen. Wir brauchen eine andere Sicht auf ein und dasselbe Ding." (Aus unserem Jahresmagazin KARRIERENSTANDARDS 2014)

Erwin Wagenhofer, Autor und Filmemacher, erwarb u. a. mit "We Feed the World", "Let's Make Money", "Black Brown White" und zuletzt "Alphabet" international Anerkennung.

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