Management ohne Manager als Zukunftsmodell

30. Oktober 2014, 08:06
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Unzufrieden, aber gefangen im System: Mit dem Projekt "Kick out your Boss" lädt die Filmemacherin zu einem Diskurs über Arbeit ein

"Semco heute ist nicht das, was ich wollte", sagt Ricardo Semler, Haupteigentümer des brasilianischen Maschinenbauunternehmens Semco, es sei viel mehr das, was alle Mitarbeiter bereit waren einzubringen und umzusetzen. Vor rund zwanzig Jahren hat er im väterlichen Betrieb begonnen, demokratische Strukturen aufzubauen. Heute gibt es keine Sekretärinnen, keine Personalabteilung und auch keine eigenen Büros für Führungskräfte. Entscheidungen werden von allen Beteiligten gemeinsam gefällt, jeder Mitarbeiter kann Einblick in die Bilanz nehmen.

Die Anzahl der Mitarbeiter stieg von 90 in den 1980er-Jahren auf rund 3000 Mitarbeiter, der Umsatz ist kontinuierlich und um ein Vielfaches gestiegen. Dass die Mitarbeiter gerne zur Arbeit kommen und wie zufrieden sie mit den Führungskräften sind, werde regelmäßig erfragt. Bewerber stellen sich einem Hearing ihrer künftigen Kollegen, weil sie auch mit ihnen zusammenarbeiten und ins Team passen müssen. Mit Management ohne Manager hat Semler gezeigt, dass eine Neuorganisation von Arbeit in einem transparenten und demokratischen System funktionieren kann und alle davon profitieren.

Teilhaben lassen

Das Beispiel Semco war für Radio- und Filmemacherin Elisabeth Scharang Anlass, sich intensiver mit dem Begriff Arbeit auseinanderzusetzen, und so entstand das Projekt "Kick out your Boss". Zuerst als Internetplattform, wo Menschen sieben kurze Fragen zu Arbeit, Geld und Glück beantworten können. Nicht die Verwertung von Informationen, sondern einfach das Teilhabenlassen steht dabei im Zentrum - für die Filmemacherin eine befreiende Erfahrung.

Auf diese Fragen Antworten zu geben könne etwas verändern, weil man das ausspricht, was an der Arbeit gefällt, was Freude bereitet und was Glück bedeute. Und um ein bisschen mehr von dieser Freude zu erleben, brauche man nicht sein ganzes Leben verändern, ergänzt Scharang. "Bewegung heißt nicht immer Rennen." Vieles aber, was persönliche Veränderung verhindere, habe mit Angst zu tun. "Kick out your Boss" sei ein Versuch, dieser Angst ein Stück zu nehmen, ergänzt sie.

Neben dieser offenen Plattform, auf der Gespräche wiedergegeben werden oder man selbst sich zum Thema äußern kann, hat Scharang auch einen gleichnamigen Dokumentationsfilm mit Unternehmensbeispielen aus Serbien, Österreich und Brasilien gemacht. "Film ist ein temporäres Ereignis, ich wollte mich zeitlich aber nicht einschränken", sagt Scharang. Und genauso, wie die Internetplattform den Dialog fördern soll, ist auch der Film als Anregung zu verstehen, weiter zu denken, indem er eine andere Sichtweise auf das System Arbeit zeigt.

Spaß an der Arbeit

In Serbien hat Scharang dafür Arbeiter der Pharmafirma Jugoremedija getroffen, die sich zehn Jahre lang erfolgreich gegen die Privatisierung des Unternehmens gewehrt haben und selbst die Eigentümer wurden. Beim österreichischen Beispiel, der Designagentur En Garde, stellte sich die Frage, wie ein gewachsenes Kollektiv von 30 Kreativen aus unterschiedlichen Bereichen es schaffen kann, zu einer Gruppe zu werden, die nicht nur beruflich an einem Strang zieht und die sich dabei den Spaß an der Arbeit erhalten kann, ohne von finanziellen Zwängen geschluckt zu werden.

Voraussetzung für das System Semco ist Offenheit und Vertrauen. Das habe sich auch während der Dreharbeiten gezeigt. "Wir hatten die Erlaubnis, mit jedem zu sprechen, was bei Firmenporträts normalerweise nicht möglich ist", erklärt Scharang. Dass Partizipation auf kurze Sicht nicht einfach umzusetzen sei, weiß Valdeci Bandeira, der 1984 als Arbeiter bei Semco begonnen hat, heute leitet er eine der Fabriken, "weil die Leute es nicht gewohnt sind, mit dieser Freiheit umzugehen".

Und für Clovis Bojikian, der gemeinsam mit Semler die Firma reformiert hat, steht fest, dass Partizipation, Eigenverantwortung und Motivationen zusammenhängen. "Du musst nicht wissen, wie man Menschen motiviert, du musst wissen, wie man sie teilhaben lässt", sagt er. Und Semler dazu: "Die jungen Menschen, die von der Schule oder der Universität zu uns kommen, müssen erst einmal alles löschen, was ihnen seit frühester Kindheit einprogrammiert wurde: still sitzen, 53 Minuten lang zuhören und das Gehörte in einem Test dann wiederkauen. Die Leute, die zu uns kommen, sind total unterwürfig und genormt."

Nicht einfach nachmachen

Viele - auch große Konzerne - haben sich das System Semco angeschaut und wollten Teile davon ins eigene Unternehmen integrieren. Aber das gehe nicht, denn es gibt kein Teilvertrauen, war jedes Mal die Antwort von Semler darauf. Das System könne auch nicht eins zu eins auf andere Unternehmen umgelegt werden, den richtigen Weg müsse jedes Unternehmen selbst finden.

Schon während der Dreharbeiten veränderte sich für Scharang der Blick auf ihre eigne Arbeit. "Man kann so ein Projekt nicht machen, ohne dass man seine Arbeit ebenfalls einer kritischen Analyse unterzieht. Denn wer hat die Strukturen für meine Arbeit beschlossen und was steckt hinter diesen Strukturen", ergänzt sie. Außerdem habe sie eine neue Wertigkeit von Erfolg. Der Film wurde bisher im Rahmen von Veranstaltungen vorgeführt und war Anlass, sich dem Thema Arbeit von einer anderen Seite zu widmen. Bei "Kick out your Boss" geht es für Scharang daher auch nicht um volle Kinosäle, viel schöner sei es für sie, nach der Filmvorführung ins Gespräch zu kommen und Arbeit durch weitere Blickwinkel betrachten zu können.

Semler hat sich mittlerweile fast zur Gänze aus dem Unternehmen zurückgezogen. "Ich habe in dem Unternehmen alles umgesetzt, was ich wollte", sagt er. Das Problem beginne für ihn aber schon im Schulsystem, daher nutze er die Chance, in dieses System einzugreifen.

"Was man nicht kennt, danach sehnt man sich nicht", sagt Scharang. Das Projekt "Kick out your Boss" solle auch Mut machen, "denn Veränderungen sind machbar, und manchmal kann man durch eine kleine Veränderung auch Lust auf mehr bekommen", ergänzt sie.

So richtig geplant war dieses Projekt nicht. "Aber zum Glück weiß man das Ausmaß eines Projekts im Vorfeld nicht. In diesem Fall war es aber ein Geschenk", fügt Scharang hinzu. (Gudrun Ostermann, KarrierenStandards, DER STANDARD, Oktober 2014)

Info

Am 21. November startet "Kick out your Boss" im Admiral Kino in Wien. In St. Pölten gibt es die erste Vorführung am 25. November im Cinema Paradiso. Ab 28. November läuft der Film in Bruck an der Mur, weitere Termine werde auf der Website kickoutyourboss bekanntgegeben. Auf der Seite können auch weiterhin Geschichten nachgelesen und publiziert werden.

  • Büro Semco, São Paulo. Die wichtigen Prinzipien für alle sichtbar.
    foto: elisabeth scharang

    Büro Semco, São Paulo. Die wichtigen Prinzipien für alle sichtbar.

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