Karriere vs. Lebensentwurf: Na dann halt nicht

Interview5. Jänner 2015, 05:30
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Frust über träge, lähmende Konzernstrukturen treibt Hochqualifizierte und Führungskräfte im Alter von 30+ in alternative Lebens- und Erwerbsentwürfe, sagt die deutsche Forscherin Christiane Funken

STANDARD: Die Generation Y, also die nach 1980 Geborenen, haben schon ihre populärwissenschaftlichen Etiketten erhalten: Die wollen nicht wirklich leisten, sind eine hedonistische Generation Ego, die ihren Lebenssinn sicher nicht in der vertikalen Karriere sieht. In Ihren Studien bezüglich Managerinnen 50+ kamen Sie zu dem ernüchternden Befund: Diese Frauen sehen keinen Return on Investment und gehen (innerlich) oder äußerlich raus. Wie geht es den 30- bis 40-Jährigen, jenen, die schon wissen, wovon sie im Berufsleben reden, und eigentlich noch viel vor sich haben?

Funken: Die Potenziale in dieser Generation, die ja bald die Spitzenplätze einnehmen soll, sind toll. Aber diese Führungskräfte fühlen sich im Dilemma. Das rührt von den sehr traditionellen, standardisierten Konzernpraktiken her, von Strukturen, die als träge und hemmend erlebt werden, einerseits und den Anforderungen an sie als Führungskraft andererseits. Verlangt wird ja perfekte Selbstökonomisierung, das optimale unternehmerische Selbst mit ständiger Erreichbarkeit bei gleichzeitiger Anwesenheitskontrolle. Insgesamt vollzieht sich ja schon seit den vergangenen zwei Dekaden in Wirtschaft und Wissenschaft ein struktureller Transformationsprozess, bei dem die handelnden, gutqualifizierten Individuen ja vor allem die Sinnfrage in den Mittelpunkt stellen. Man will sich wieder finden, nicht die Identität beim Eingang abgeben. Arbeitszeit ist heute Lebenszeit. Daran schließt sich der Wunsch, als Individuen anerkannt und beachtet zu werden. Das braucht und instrumentalisiert die Wissensgesellschaft auch.

STANDARD: Die ganze selbstorganisierte Person ist gefragt plus Empathie plus Entgrenzung für dauernde Spitzenleistung - und wer das alles bietet und die ganze Person in den Dienst der Aufgabe stellt, stößt dann frustriert an Strukturen der alten Welt?

Funken: Da haben wir ein ganz großes Problem vor allem in großen Konzernstrukturen. Wir haben in unserer Studie drei Gruppen eingeteilt. Die Kritischen: Die sind sehr karriereambitioniert, wollen etwas ändern, weil ihnen die Strukturen zu langsam und zu unflexibel sind. In dieser Gruppe sind viele Frauen. Die wollen dafür sorgen, dass sich das Unternehmen wandelt. Diese ehrgeizigen Leute haben auch begriffen, dass ihnen in diesen Strukturen keine große Karriere möglich ist. Wollen Aufstieg - wollen ihn aber durch Ausstieg erreichen. Da entsteht eine große Bewegung raus aus den großen Strukturen, die bremsend erlebt werden, hin zu kleineren und ganz kleinen Unternehmen. Dann die Flüchtigen: Sie wollen auch weiterkommen, sind auch karriereorientiert. Sie halten sich für flexibel, machen keine harte Karriereplanung. Sie schauen, ob und wann sich eine gute Karrierechance ergibt, machen für sich eine Chance draus. Das sind Leute, die oft völlig neue Themenbereiche besetzen, die Neues aufbauen. Da ist die Rolle der Vorgesetzten besonders wichtig. Wenn die Karriereorientierten sie können verhandeln, ernst genommen werden, dann sind die auch zufrieden und geben alles. Bei den Kritischen fehlen die Chefs, die hingehen und Chancen zur Veränderung und Weiterentwicklung geben. Die Flüchtigen streben nicht unbedingt nach vertikaler Karriere, für sie ist Bewegung, das Experiment, wichtig. Die Selbstfindung spielt eine sehr große Rolle. Da kommt zur Selbstökonomisierung eine Art Selbstsozialisierung im Sinne von: mal sehen. Da kommt aber die Geschlechterfrage dazu: Die Männer sind in dieser Gruppe in der Überzahl. So ein Laissez-faire können sich Frauen heute noch immer nicht leisten. Frauen werden sehr schnell Karriereambitionen abgesprochen, wenn Kinder kommen oder wenn nicht klar dokumentiert wird: Ich will ganz unbedingt. Frauen wird Zeitsouveränität nur zugestanden, wenn sie noch nicht das Label Mutter haben. Dritte Gruppe sind die Entschleuniger: Die sagen Stopp und lassen sich nicht mehr total vereinnahmen. Sie wollen klassische Work-Life-Balance, stellen die Sinnfrage in ihrer schönsten Form. Sie haben keine weiteren Karriereambitionen. Dass sie nicht leistungswillig sind, stimmt ganz und gar nicht. Unternehmen sagen nur: Wenn die nicht karriereorientiert sind, na dann wollen die auch nicht richtig arbeiten. Die kippen dann sehr schnell aus der Förderwürdigkeit, obwohl sie besonders kompetente, besonders outputorientierte Leute sind.

STANDARD: Also Managerinnen 50+ sagen Nein danke und nehmen ihr Erfahrungswissen mit, und die folgende Generation spielt zumindest dauernd mit dem Gedanken alternativer Lebens- und Erwerbsentwürfe. Das schließt den Kreis zum immer häufiger auftauchenden Gespenst des Brain Drain?

Funken: Es sieht nun zumindest so aus, dass die kritische Reflexion des Berufslebens der Generation 50+ Vorbote eines allgemeinen und geschlechterübergreifenden Trends ist, der durch die kräftezehrenden Arbeitsbedingungen noch verstärkt wird.

STANDARD: Empfinden die Frauen der Generation 30 bis 40+ ihr Geschlecht als relevant bezüglich der Karrierechancen?

Funken: Sie sprechen in unseren Interviews von latenter Skepsis oder sogar Ablehnung, die ihnen vonseiten ihres Arbeitsumfelds entgegengebracht wird. Die Frauen thematisieren eine große Bedeutung des Faktors Geschlecht für Beförderung und Personalentscheidungen. Zu denken gibt auch, dass der Großteil der beruflichen Wiedereinsteigerinnen nach der Kinderkarenz darüber klagt, dass nach ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz die Anerkennung im Kollegenkreis fehlt, Vorurteile und diskriminierende Behandlung durch Vorgesetzte stattfindet. Ein Drittel dieser Frauengruppe - das ist alarmierend, denkt bereits wieder über den Ausstieg nach dem Wiedereinstieg nach.

STANDARD: Gleichstellungspolitische Maßnahmen, Selbstverpflichtungen der Unternehmen, greifen ja auch nicht wirklich.

Funken: Ja, es drängt sich in der Tat die Frage auf, ob es nicht gewaltige Unterschiede zwischen der offiziellen, inszenierten Kultur als Vorderbühne gibt und dem, was sich auf der Hinterbühne abspielt. (Aus unserem Jahresmagazin KARRIERENSTANDARDS 2014)

Christiane Funken ist Professorin für Medien- und Geschlechtersoziologie an der Technischen Universität zu Berlin. Ihre neue Studie "Generation 35+" stellte sie im Rahmen des Frauennetzwerktreffens der ÖBB vor.

  • Christiane Funken
    foto: christian fischer

    Christiane Funken

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