Karriere: Ich bin noch einmal ganz neu

7. Jänner 2015, 13:20
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Die Lebensmitte als beruflicher Zenit, von dem ab es zufrieden und sicher in die Pension rollert, ist längst vorbei. Karriere nach der Karriere nach der ... wird zur neuen Normalität

"Vom Banker zum Schnitzelwirt" - diese und ähnliche Headlines über radikale Brüche im Arbeitsleben reihen sich seit 2009 dicht aneinander. Krise und Scheitern, Wandel und Neuanfang haben seither viele mediale Gesichter erhalten.

Menschen aus Branchen, die früh schon im Umbruch waren. Menschen aus Berufen, die sie nicht mehr machen wollten. Menschen mitten in Karrieren, die aus dem System gekickt wurden. Im Hintergrund Tausende medial Namenlose, die freiwillig oder unfreiwillig auf der Suche nach der neuen Karriere (im Innen wie im Außen) sind.

Was kommt danach?

"In ein Spiel hineingeworfen, dessen Regeln wir nicht kennen" - dieses Gefühl, das Beraterin und Autorin Susanna Wieseneder vor fünf Jahren in ihrem Buch "Karriere nach der Karriere" zu Papier brachte für die Generation Babyboomer, für die der klassische dreiteilige Lebenslauf von Ausbildung, Karriere und Pension schon lange zu bröckeln begonnen hat und nun immer mehr manifest wurde, darf heute ruhig auf alle jüngeren Generationen weitergeschrieben werden.

Nicht nur die Lebensmitte hat als beruflicher Zenit, von dem aus man und frau dann mit etwas weniger Gas in Richtung sicher & gut dotierter Pension rollert, ausgedient und ist zu einer großen Rampe für einen (notwendigen) Neubeginn geworden. Mit der Angst - besser der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, sich mit optimierter Selbstökonomisierungstaktik dauernd neu erfinden, anpassen, weiterentwickeln zu müssen, starten doch mittlerweile eigentlich alle ins Arbeitsleben. Rampen allerorten.

Volatil, unsicher, komplex, vieldeutig

Für die Älteren sind die relativ neuen Umstände der sogenannten Vuca-Welt (englisches Akronym für volatil, unsicher, komplex und vieldeutig) schwieriger - sie kennen es ja noch anders: Sicherer, überschaubarer, geordneter, reziproker nach dem Motto: Das hast du jahrzehntelang gemacht, jetzt wirst du dafür belohnt.

Mit dem immer häufiger ausbleibenden langfristigen Lohn für jahrelange Meriten im Arbeitsleben und vor allem angesichts der Wirklichkeit, dass zwar "Erfahrungswissen" allseits gelobt wird, tatsächlich aber spätestens ab rund 50 der Großteil der Unternehmen zusieht, wie er diese Teuren, die noch im Anspruch der Abfertigung alt stehen und oft Wissensbrüche in Richtung digitaler Welt mit sich schleppen, loswerden kann (bevor sie vielleicht auch noch wegen Altersdiskriminierung klagen können), ist für eine ganze "alte" Generation klar: Das war's noch nicht.

Rolemodels fehlen. Verunsicherung, Kränkung, Ratlosigkeit und Sinnverlust ergeben meist eine sehr problematische Mischung für einen Neustart, vor allem, wenn er durch Jobverlust "erzwungen" wurde.

Flucht aus der Matrix

In einige wenige Sphären scheint man einfacher zu kommen - etwa ins Aufsichtsgremium nach Aus des Vorstandsjobs. Oder in die hochdotierte Beratung mit einem Eintrittsticket aus der fetten Abfertigung. Je sicherer die finanzielle Seite, desto weniger stark ist ja auch der Zuschnapp-Modus nach dem möglichst gleich nächstbesten, regelmäßigen monatlichen Geldbringer. Die Umwälzungen lediglich von dieser Seite anzusehen, greift aber zu kurz.

Fluchtbewegungen aus matrixgesteuerten Konzernwelten sind mittlerweile Tatsache. "Lieber vorübergehend nichts als noch länger das", sagt sich eine nicht geringe Zahl Berufserfahrener und geht. Einige in kleinere Strukturen, andere in den Sozialbereich, andere in die Selbstständigkeit mit einem kleinen Geschäft. Am besten gelingt so etwas wohl, wenn man und frau über die Jahre nicht verlernt hat, Person und Funktion zu trennen, wenn Selbstreflexion nie ein Fremdwort war. Dann ist auch Platz für die vielen Sinnfragen in Kombination mit der nächsten Karriere.

Nicht nur Luxusdiskussion

Dass Menschen, die in so prekären Arbeitsverhältnissen stecken, dass kein Millimeter Spielraum mehr besteht, weil sonst für die Kinder kein Abendessen da ist, diese Bewegungen als Luxusdiskussionen in Elitezirkeln ansehen, ist bis zu einem gewissen Grad verständlich und richtig. Dennoch sind sie Symptom dafür, dass im System Wirtschaftshierarchie die Bauteile gewaltig wackeln. Was immer daraus wird - dass die Jobwelt in den kommenden Jahren berechenbarer, sicherer, ruhiger und gelassener wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Bleibt die Arbeit an sich, den eigenen Einstellungen. Wenn Sicherheit, Stabilität und Gelassenheit dort wohnen, ergibt sich folgerichtig das Außen in der neuen Karriere. (Aus unserem Jahresmagazin KARRIERENSTANDARDS 2014)

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