Mehr Klarheit bei Praktika

12. November 2014, 17:00
11 Postings

Deutschland führt den Mindestlohn für Praktika ein. Österreich will anders für Transparenz und Ordnung sorgen. Der Bereich "Praktika" ist heiß diskutiert

Berufseinsteiger haben es nicht leicht, kaum eine Jobanzeige, in der nicht Praxiserfahrung eine Voraussetzung ist. Deswegen schon während Ausbildung und Studium rein in die Firmen und dankbar gratis volontieren und Praktika absolvieren, bezahlt wird von Mama und Papa oder aus den Einkünften des Nebenjobs. Ein Eintrittsticket, eine Investition in den künftigen Beruf. Brav.

Nach dem (Hochschul-)Abschluss kommt das Erwachen: gierige, skrupellose Firmen, die erneut nichts weiter anbieten als serielle Praktika um je ein paar hundert Euro, die reguläre Arbeitsverhältnisse, Karenzvertretungen tarnen und Kapazitätsspitzen abdecken. So hocken Akademiker mit Mitte 30 noch immer in der WG, in der Warteschleife auf die Chance, sich selbst zu erhalten und ein Leben aufzubauen.

In Deutschland Mindestlohn

"Generation Praktikum" hat die deutsche Gewerkschaft dafür vor zehn Jahren als Schreckensbegriff geprägt. Jetzt wurde gegen solche Ausbeutung gehandelt: Ab kommendem Jahr gilt in Deutschland ein Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde für alle Branchen und alle Beschäftigten ab 18 mit abgeschlossener Ausbildung. Freiwillige Praktika sind in die Regelung eingeschlossen, wenn sie länger als drei Monate dauern. "Damit ist das Praktikum tot", geht nun als Aufschrei durch die deutsche Wirtschaft. Die EU hat 2011 lediglich Empfehlungen verabschiedet - dies auf Basis des Verdachts, dass ein Drittel der Praktika in der Union umgangene Arbeitsverhältnisse darstellen. Und in Österreich?

Entlohnung freiwilliger Praktika ist in vielen Kollektivverträgen bereits festgeschrieben. Einen Mindestlohn will nicht einmal die Gewerkschaft: zu starr, zu viel Gefahr der Nivellierung nach unten, sagen Vertreter der mächtigen Branchenflügel. Österreich setzt auf Bewusstseinsbildung in der Variante "scharf": Seit Juli ist via GPA und Sozialministerium eine Plattform eingerichtet: via www.watchlist-praktikum.at können Umgehungen von Arbeitsverhältnissen gemeldet werden, dann wird die Krankenkasse zwecks Überprüfung geschickt.

Angst schreckt ab

Bei zigtausenden freiwilligen Praktika pro Jahr würden zwei Drittel nicht ordnungsgemäß deklariert, vermutet Helmut Gotthartsleitner, Bundesjugendsekretär der GPA: "Das Problem ist, dass alles leicht einklagbar wäre - aber die Leute melden sich nicht offiziell, weil sie Angst haben, dann ganz und für immer aus dem Arbeitsleben zu fliegen."

Für Hochschulabsolventen sei vor allem die Praktikumsschleife der Grund- und Integrativwissenschafter und der Geisteswissenschafter dramatisch prekär. Besonders im Verdacht demnach: die Werbe- und Medienbranche, die Architektur und der Sozial- sowie der NGO-Bereich. Einige tausend Meldungen registriert Gotthartsleitner bereits, einige Meldungen an die Gebietskrankenkassen seien daraus schon erfolgt.

Wie genau sieht die Lage in Österreich aus? Das Bild bleibt dunkelgrau. Die vorliegenden Studien widersprechen einander: Eine Generation Praktikum gebe es nicht, belegt eine Studie des Zentrums für Hochschulforschung in Kassel, die der damalige Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle stolz präsentiert hatte: Fast die Hälfte der Uni- und Fachhochschulabsolventen hat gleich nach Abschluss einen regulären Fixjob, 80 Prozent der anderen sechs Monate später. Zudem sei das Gros der Praktikanten mit ihren Erfahrungen recht zufrieden.

Falsch deklariert

Zum gegenteiligen Schluss kommt die Forba - Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt: Nur ein Drittel der Praktika sei angemessen bezahlt. Häufig werde Vollzeitarbeit falsch deklariert. Handfestes statistisches Material fehle. Bis jetzt wollte niemand das Eintrittsticket in die "richtige" Arbeitswelt durch zu viel Auffallen und Beschweren entwerten.

"Wir sollten transparente Qualitätsstandards erstellen, durch die Inhalte, Betreuung und Dauer festgelegt sind", sagt Martin Gleitsmann, Leiter der Sozialpolitik in der Wirtschaftskammer. Ein Gütesiegel, vergeben durch die Hochschülerinnenschaft, will auch helfen. (aus unserem Jahresmagazin KarrierenStandards 2014)

WISSEN Infos und Hilfe

Falsche Etiketten: Wo die Ausbildung nicht im Fokus steht, wo via schwammiger Deklaration als "Praktikum" befristete Dienstverhältnisse umgangen werden, das kollektivvertragliche Mindestentgelt nicht gezahlt wird, liegen die Problemzonen.

Infos: Welche Ansprüche und Pflichten bei Ferialjobs, Volontariaten, Pflichtpraktika bestehen plus der Möglichkeit, Missstände anonym aufzuzeigen:

www.watchlist-praktikum.at

Share if you care.