US-Behörden verteilen dubiose Spyware

2. Oktober 2014, 11:26
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Software soll laut Hersteller "Kinder schützen", unverschlüsseltes Keylogging erreicht jedoch das Gegenteil

Eine ominöse Software, die Kinder vor den Gefahren des Internets schützen soll, sorgt momentan für Aufregung: "Computer Cop" wird von vielen US-Behörden offiziell unterstützt und von mindestens 245 Zweigstellen in 35 US-Staaten an Familien ausgeteilt. Die Software soll es Eltern ermöglichen, Festplatten nach Schlagwörtern und Bildern zu durchsuchen sowie Chatverläufe ihrer Sprösslinge mittels Keylogger aufzuzeichnen. Abgesehen von diesen ohnehin kontroversen Überwachungsmethoden weist die Software aber laut Datenschützern heftige Sicherheitslücken auf. Jetzt ermittelt das US-Finanzministerium sogar wegen Betrug.

"Lexikon gefährlicher Begriffe"

Erstmals aufgetaucht war "Computer Cop" Ende der 1990er. Damals war der Zweck noch nicht dezidiert, Kinder zu schützen. Vielmehr wurde das Programm als "forensisches Tool" präsentiert. Computer Cop könne nach bestimmten Schlagwörtern suchen und verfügt dafür über ein "Lexikon der gefährlichen Begriffe". Dieses funktioniert aber laut Electronic Frontier Foundation (EFF) äußerst unzureichend, da Termini wie "Drogen" und "Sex" für wenig präzise Ergebnisse sorgen.

Ehepartner können sich gegenseitig überwachen

Später wurde "Computer Cop" um einen Keylogger erweitert, das Programm kann also Tastenanschläge aufzeichnen. Das ist aus mehreren Gründen bedenklich: Solche Erziehungsmethoden gelten an sich als kontrovers, zusätzlich kann die Software nicht zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden. US-Behörden verteilen also ein Programm, mit dem eifersüchtige Nutzer ihre Partner überwachen können. Zusätzlich werden die Aufzeichnungen des Keyloggers auf Windows ohne Verschlüsselung aufgespeichert; auf Macs werden die Daten zwar geschützt, die Verschlüsselung lässt sich aber leicht aufheben.

Ungeschützt Keylogs übermitteln

Durch die Möglichkeit, bei der Eingabe bestimmter Begriffe einen E-Mail-Alarm auslösen zu lassen, gefährde die Software im Endeffekt sogar die Sicherheit der Kinder, analysiert die EFF. Denn dazu werden die Daten über einen ungesicherten Server einer Drittfirma geleitet, Hacker können hier leicht einbrechen. Nutzen Kinder Geräte mit dem Programm in öffentlichen WLAN-Netzwerken, können andere problemlos auf die Daten zugreifen.

"Perfekt zum Fundraising geeignet"

Warum wird "Computer Cop" also "millionenfach", so die EFF, an Privathaushalte verteilt? Einerseits könnte das an fehlenden IT-Kenntnissen der Behörden liegen. Die EFF enthüllte aber auch, dass der "Computer Cop"-Hersteller für sein Produkt als "perfektes Wahlgeschenk" und "Mittel zum Fundraising" wirbt. Den Verantwortlichen bei der Polizei werde dabei vorgegaukelt, "Computer Cop" sei ein hochwertiges Produkt um 40 Dollar, das sie stark verbilligt erhalten könnten. Tatsächlich wird das Produkt in Onlinegeschäften aber für rund einen Dollar vertrieben.

Falsche Empfehlungen und Betrugsverdacht

Außerdem brüsten sich die Betreiber mit falschen Empfehlungen: So behaupten sie, dass die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU das Produkt allen Bürgern ans Herz lege. Das stimmt allerdings nicht, wie die EFF auf Nachfrage bei der ACLU erfuhr. Eine Empfehlung der Kinderschutz-NGO NCMEC für "Computer Cop" stamme aus dem Jahr 1998, seitdem habe die NCMEC keinen Kontakt mehr mit den Betreibern gehabt. Weiters verschleierte die Firma, dass eine Empfehlung des US-Finanzamts, dass es als "nützliches Tool zur Verbrechensverhinderung" bezeichnet, aus dem Jahr 2001 stammt. "Computer Cop" entfernte aus dem Brief das Datum und wirbt 13 Jahre später noch immer damit. Deshalb hat das Treasury Department jetzt sogar Ermittlungen wegen Betrugs eingeleitet. (fsc, derStandard.at, 2.10.2014)

  • Die Software wurde von mehr als 245 Behörden in 35 US-Staaten verteilt.
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    Die Software wurde von mehr als 245 Behörden in 35 US-Staaten verteilt.

  • Sie soll Kinder vor der Kommunikation mit Pädophilen schützen.
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    Sie soll Kinder vor der Kommunikation mit Pädophilen schützen.

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