Österreichs Inflationsrate ist ideal

Blog2. Oktober 2014, 09:46
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Die Preise steigen um knapp zwei Prozent im Jahr, wie es sich die EZB wünscht. Das wahre Problem ist Deutschland

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Inflation in der Eurozone im September auf ein Fünfjahrestief von 0,5 Prozent gefallen ist. Österreich sticht hier heraus: Wir haben die höchste Preissteigerungsrate in der Eurozone und die zweithöchste in der EU (nach Großbritannien). Im August stieg der Verbraucherpreisindex (VPI) um 1,7 Prozent, die September-Zahlen kommen erst in zwei Wochen.

In Medienberichten, Aussendungen und Gesprächen am Stammtisch wird das gleichermaßen beklagt. Das Leben wird teurer, die Kaufkraft sinkt, die Inflation frisst Lohnzuwächse auf, hört man überall. Schuld daran sollen der Staat durch steigende Gebühren, Hausbesitzer durch steigende Mieten, Mobilfunkanbieter durch empfindliche Preissteigerungen und sonst unerklärliche Ursachen sein – ein schwarzes Loch der Preistreiberei.

Moment! Im historischen Vergleich hat Österreich derzeit stabile Preise. Ältere Jahrgänge erinnern sich noch an Inflationsraten, die regelmäßig über fünf Prozent lagen. 2011 war die Rate noch bei 3,3 Prozent. Und entgegen einer weitverbreiteten Ansicht reflektiert die von der Statistik Austria berichtete Preissteigerungsrate die Realität.

Weit weg von Deflationsgefahr

Mit 1,8 Prozent, der für heuer und kommendes Jahr geschätzten Inflationsrate, steigen Preise genauso schnell, wie die Europäische Zentralbank dies wünscht. Ihr Ziel ist eine Rate knapp unter zwei Prozent. Das ist eine niedrige, im Alltag kaum merkbare Steigerung, die weit genug von der Deflationsgefahr entfernt ist und einer Volkswirtschaft eine gewisse Flexibilität bei der Lohn- und Preisanpassung gibt.

Wenn die Mobilfunkpreise in Österreich jetzt stark steigen, dann liegt das auch daran, dass sie jahrelang im internationalen Vergleich besonders niedrig waren. Und wenn Handwerker und Gasthäuser jetzt mehr verlangen, dann ist das volkswirtschaftlich kein Verlust. Andere haben dann etwas mehr Einkommen.

Das wahre Problem ist vielmehr die viel niedrigere Inflation in der Eurozone, die knapp an der Deflation vorbeischrammt.

Südeuropa muss Preise dämpfen

Nun lässt es sich erklären, warum etwa in Italien, Spanien und Griechenland die Preise kaum steigen beziehungsweise fallen: Diese Länder hatten vor der Finanzkrise sehr hohe Preis- und Lohnsteigerungen, die die Wettbewerbsfähigkeit verringerten und zu massiven Leistungsbilanzdefiziten führten – ein Hauptauslöser für ihre Krisen.

Da sie nicht abwerten können, müssen sie Löhne und Preise dämpfen, um wieder auf dem Exportmarkt mitmischen zu können. Zumindest in Spanien funktioniert das gut.

Der Inflationswurm ist vor allem in den nördlichen Euroländern drin, die mit ihren hohen Leistungsbilanzüberschüssen zu den Ungleichgewichten in der Eurozone beitragen – allen voran Deutschland. Europas größte Volkswirtschaft sollte eine relativ hohe Inflationsrate vorweisen. Das würde die Importe ankurbeln, die Exporte etwas dämpfen und damit auch Europas Süden entlasten. Dann könnten Italien & Co. bei der Wettbewerbsfähigkeit aufholen, ohne selbst in die Deflation zu rutschen.

Keim für die nächste Krise

Doch der deutsche VPI steigt seit dem Sommer bloß um 0,8 Prozent, und das trotz steigender Mieten und angeblich höherer Lohnabschlüsse. Schuld daran waren angeblich anhaltende Preiskämpfe auf dem Diskontmarkt. Wenn dieser Trend anhält, ist das vielleicht der Keim für die nächste Eurokrise.

Österreich hingegen ist in Sachen Preise ein Euromusterland. Es gibt genügend Dinge, über die man sich beklagen kann. Die Preisentwicklung gehört nicht dazu. (Eric Frey, derStandard.at, 2.10.2014)

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