Mit Hightech-Bomben gegen Islamistenarmee

Reportage1. Oktober 2014, 18:04
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Die IS-Terrormiliz erreicht Außenbezirke von Kobanê an der syrisch-türkischen Grenze. US-Luftangriffe halten sie nicht auf

Die weißen Staubwolken sind der Islamische Staat, die schwarzen großen, die minutenlang in den Himmel steigen, die Koalition. Am Morgen hat der Kampf um Kobanê begonnen. Die Terrormiliz IS hat über Nacht den Ostrand der kurdischen Stadt erreicht. Mit Panzern, die sie von der syrischen Armee erbeutete, feuert sie nun auf Stellungen der Kurden. Aber auch vom anderen Ende Kobanês rollt dumpf das Geräusch von Artilleriegeschossen.

Zeitweise im Minutentakt fliegen Kampfjets des von den USA geführten Bündnisses am Mittwoch über die Stadt, die direkt an der türkisch-syrischen Grenze liegt. Dann dauert es einen Moment, und ein schwarzer, immer größer werdender Pilz taucht hinter den Häusern auf. Es ist ein ungleicher Kampf. Hightech-Bomben aus Tausenden von Metern Höhe gegen die Panzer dieser surrealen Terrorarmee, und schließlich die Kurden, die sich am Boden verbissen mit ihren Waffen gegen die vorrückenden Islamisten wehren – alte Kalaschnikows und schwere Maschinengewehre aus sowjetischer Produktion haben sie, so heißt es. Nichts, was die IS wirklich stoppen könnte.

Grenzstreifen unter IS-Kontrolle

Der Angriff auf die Stadt vertreibt die letzten Bewohner. Auf den Ladeflächen von Lastwagen stehend werden sie auf die türkische Seite in Flüchtlingslager gebracht. Ambulanzwagen rasen immer wieder mit verletzten Kämpfern vom Grenztor Kobanês in das Spital nach Suruç, der nächstgelegenen türkischen Stadt, wenige Kilometer von der Grenze. Am Nachmittag sind die Bomber der Koalition wieder verschwunden.

Fällt Kobanê, hat der Islamische Staat einen größeren Teil der Grenze zur Türkei unter Kontrolle. Bis vor kurzem war das kein größeres Problem für die türkische Regierung. Der Kampf um Kobanê bringt sie nun aber in Zugzwang. Die USA drängen und ebenso die Kurden im eigenen Land.

Hilfe unter dem Tisch

"Ja, wir wollen, dass Erdogan uns hilft", sagt Fadel, ein syrischer Bauer aus Kobanê. "Vielleicht auch nur unter dem Tisch. Die Türken könnten nachts kommen und feuern und sich dann wieder zurückziehen", schlägt er vor. Im Parlament in Ankara beraten sie darüber. Donnerstag, wird über eine allgemein gehaltene Autorisierung für einen Armeeeinsatz abgestimmt – eine parteiübergreifende Mehrheit gilt als sicher.

An den Verlust ihrer zweitgrößten Stadt in Syrien wollen die Kurden nicht glauben; Kamishli, weiter im Osten und ebenfalls unmittelbar an der türkischen Grenze, halten sie auch noch. "Alle unsere Burschen sind im Krieg in Kobanê", sagt Fadel, "nur wir, die Alten, sind hier. Wir fürchten nicht um unser Leben, aber schauen Sie auf die Kinder und Frauen hier!" Fadel steht auf dem Hof eines Hochzeitssalons, wie das in der Türkei heißt, einer Halle in Suruç, in der normalerweise gefeiert und gegessen wird und wo jetzt 1500 Menschen provisorisch untergebracht sind. "Ein bisschen wie Tiere", sagt Fadel, der Bauer, unglücklich. Für drei Familien ist er hier verantwortlich, 35 Personen alles in allem.

Suruç platzt nun aus allen Nähten. Der Hauptplatz ist ein Versammlungsort für die syrischen Männer mit ihren gewürfelten Kopftüchern geworden. Geschlafen wird im Hof einer Moschee, unter großen Plastikzelten in Baulücken zwischen den Häusern, in neuen Lagern am Stadtrand. Polizisten mit Gewehr im Anschlag, gepanzerte Wagen und Wasserwerfer stehen entlang der Hauptstraße; als Sicherheitsmaßnahme, sollten die Kurden wieder gegen die Passivität der türkischen Regierung angesichts des Vormarschs der Islamisten protestieren.

Potenzielle Kämpfer

"Kleidung und Lebensmittel helfen uns nicht. Wir wollen schwere Waffen", sagt einer der Kurden im Hochzeitssalon. Die türkischen Behörden geben sich in der Tat viel Mühe mit der Versorgung; sie achten wiederum recht genau auf potenzielle kurdische Kämpfer. Jeder der Burschen, die zu Fuß nach Kobanê gehen, wird an einem Armeeposten hinter Suruç abgefangen und auf Waffen abgetastet. Noch will die Türkei neutral sein.

160.000 Flüchtlinge sind seit dem Angriff auf Kobanê nach Suruç gekommen. Ein Großteil zog weiter, doch eine Stadt mit 100.000 Einwohnern stößt schnell an ihre Grenzen. Den syrischen Bauern versprachen die Behörden nun, deren Vieh aufzukaufen, das hinter dem Grenzzaun wartet. Es sollte geschlachtet und das Fleisch zum Beginn des Opferfests am Samstag gratis verteilt werden. Doch das war vor dem Angriff auf Kobanê. (Markus Bernath aus Suruç, DER STANDARD, 2.10.2014)

Kommentar: Wacklige Allianz

  • Türkische Soldaten patrouillieren an der syrischen Grenze bei Suruç. Sie kontrollieren auch Kurden, die zum Kampf gegen die IS zurück auf die syrische Seite wollen, auf Waffen. Die von den USA angeführte Allianz gegen die Terrormiliz flog am Mittwoch eine Angriffswelle.
    foto: ap / burhan ozbilici

    Türkische Soldaten patrouillieren an der syrischen Grenze bei Suruç. Sie kontrollieren auch Kurden, die zum Kampf gegen die IS zurück auf die syrische Seite wollen, auf Waffen. Die von den USA angeführte Allianz gegen die Terrormiliz flog am Mittwoch eine Angriffswelle.

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