Vorerst keine Lösung in Hongkong in Sicht

1. Oktober 2014, 17:51
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Am chinesischen Nationalfeiertag blieb es in der Sonderverwaltungszone Hongkong zunächst ruhig. Doch die Demonstranten drohten mit der Besetzung von Gebäuden

Hunderte Demokratieaktivisten haben sich am Morgen versammelt, im Laufe des Mittwochvormittags werden es immer mehr. Sie johlen und pfeifen vor dem Goldene-Bauhinia-Platz im Hongkonger Stadtviertel Wanchai. Dort erinnert eine Orchideenbaumstatue an die Rückgabe Hongkongs an China am 1. Juli 1997 und an den Beginn der chinesischen Politik gegenüber der Sonderverwaltungszone - "Ein Land, zwei Systeme" -, die Peking nun Stück um Stück demontieren lässt.

Hongkongs Studenten machen dagegen seit Tagen mobil, rufen nach dem von Peking einst versprochenen Recht auf freie Wahlen ihrer Regierung im Jahr 2017. Sie werfen dem derzeitigen Verwaltungschef Leung Chun-Ying vor, Hongkongs Rechte auf Selbstverwaltung nicht zu verteidigen, sondern nur nach den Interessen Pekings zu handeln.

Feierliche Zeremonie

Leung hat sich wegen der Demonstranten auf den Straßen von Wanchai mit dem Boot zur Fahnenzeremonie bringen lassen. Das bringt ihm weitere Schmährufe ein. Mit 2500 ausgewählten Honoratoren feiert er das Hissen der Staatsflagge Chinas am 1. Oktober, dem Nationalfeiertag. Am Mittwoch ist 65-Jahr-Jubiläum der Gründung der Volksrepublik.

Hongkongs Studentenbewegung und die Bürgerrechtsgruppe "Occupy Central" feiern nicht mit. In friedlichen Massenprotesten verlangen sie den Rücktritt des Verwaltungschefs. Er soll bis Donnerstag seinen Hut nehmen, zum Ende der beiden Feiertage, die Hongkong am 1. Oktober erhält. Sonst wollen sie verschiedene Regierungsgebäude besetzen, lautet die Drohung.

Die Protestrufe gegen ihn werden besonders laut, als zwei Hubschrauber während der Feier den Victoria-Hafen überfliegen. Der Erste zieht ein großes Fahnenbanner der Volksrepublik hinter sich, der Zweite die viel kleinere Flagge Hongkongs. Für die Demonstranten ist es eine symbolische Warnung vor den realen Kräfteverhältnissen zwischen dem David Hongkong und dem Goliath China.

Chinas TV zeigt Truppen in Hongkong

2000 Kilometer entfernt zeigt am Mittwochabend in Peking das Staatsfernsehen CCTV die Fahnenzeremonie mit Leung. Es ist ihr erster Filmbericht aus Hongkong seit Beginn der Proteste vor fünf Tagen. Der Verwaltungschef und andere Repräsentanten rücken groß ins Bild, als sie laut und kräftig Chinas Nationalhymne mitsingen. CCTV zeigte auch, wie Chinas in Hongkong stationierte Armeegarnison den Nationaltag feiert - und weist so darauf hin, dass Peking Truppen vor Ort hat.

Zugleich verliest der Sprecher einen Kommentar der Volkszeitung, die erste direkte Warnung an die Hongkonger Gesellschaft, besonders an die Demonstranten. Die "Occupy Central"-Bewegung schade Hongkong, bringe dem Volk "katastrophale Zustände": "Wenn das so weitergeht, sind die Auswirkungen unvorstellbar."

Peking: "Normale Kanäle" offen

Aber der Artikel lässt auch eine Option für eine Lösung nach Pekinger Verständnis offen. Die Wege auf "normalen Kanälen" seien für jeden frei, wenn er Einwände gegen die Hongkong-Beschlüsse des Präsidiums des Volkskongresses habe. Der Kommentar schreibt nicht, dass diese Beschlüsse noch veränderbar sind.

Der fast völlige Abzug der Polizei hat die Spannungen in Hongkong vermindert. Dennoch fürchtet Chinas Propaganda weiterhin den Einfluss des Davids auf den großen Goliath, solange die Proteste anhalten. Sie zensiert deshalb nicht nur die Medien und das Internet, sondern lässt auch Blogger verfolgen, wenn sie Hongkong-Informationen posten. Aktivisten wurden in einem halben Dutzend Städten Chinas wegen der Verbreitung von Nachrichten und Fotos über die Massenproteste in Hongkong festgenommen. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 2.10.2014)

  • Ein Regenschirm als Symbol der Solidarität mit den Protestierenden bei einer offiziellen Veranstaltung am chinesischen Nationalfeiertag in Hongkong.
    foto: reuters/carlos barria

    Ein Regenschirm als Symbol der Solidarität mit den Protestierenden bei einer offiziellen Veranstaltung am chinesischen Nationalfeiertag in Hongkong.

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