Islam im Zwielicht

Kolumne1. Oktober 2014, 17:12
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Für die westlichen Gesellschaften stellt sich nun zunehmend die Frage, wie viel Toleranz hier angebracht ist und wo sie endet

Nie wieder Krieg. Lernen aus der Geschichte. Frieden schaffen ohne Waffen. Keine Gewalt. Jahrzehntelang war das so ziemlich der allgemeine Konsens in Europa. Auch US-Präsident Barack Obama trat einst mit dem Versprechen an, die amerikanischen Soldaten aus dem Irakkrieg, in den sie sein Vorgänger geführt hatte, nach Hause zu bringen. Und heute?

Der beispiellose Terror der Krieger des "Islamischen Staates" hat alles verändert. Bomben fallen auf Syrien und den Irak. Amerikanische und auch europäische Soldaten helfen den einheimischen Armeen bei ihrem Kampf gegen die Terroristen. Und der Friedenspräsident in Washington spricht vom Zerstören und Vernichten der Feinde. Die Gewalt, so Barack Obama, ist die einzige Sprache, die diese Mörder verstehen. In Deutschland hat sich Bundespräsident Joachim Gauck, seines Zeichens evangelischer Pfarrer, angesichts des Terrors für Waffengewalt ausgesprochen und sich damit den Zorn friedensbewegter Glaubensbrüder zugezogen.

Freilich, eine wirkliche Alternative haben auch die überzeugten Pazifisten nicht anzubieten. Diplomatie? Überzeugungsarbeit? Eine politische Lösung? Verhandeln? Beten? Alles schon probiert, alles kein Erfolg. Wenn im Internet ein ums andere Mal Videos von Enthauptungen Andersstämmiger, Andersgläubiger, Andersdenkender auftauchen, verstummen die Argumente. Ratlosigkeit regiert.

Darüber hinaus hat das Wüten der islamistischen Fanatiker auch den Islam als solchen ins Zwielicht gerückt. Seit neuestem ist der in Deutschland lebende ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad in aller Munde, der mit seinem Buch Der islamische Faschismus einen Bestseller gelandet hat und seither in alle Talkshows eingeladen wird.

Abdel-Samad war einmal Mitglied der Muslimbrüder und ist heute Atheist. Seine einigermaßen beunruhigende These: Der Islamismus weist Parallelen zum Nationalsozialismus auf und ist mit Demokratie nicht vereinbar. Die meisten Muslime seien zwar friedliche Menschen, aber die Idee - oder in Abdel-Samads Worten: "das Virus" - des Jihad, des Kampfes gegen alle Ungläubigen, die Überlegenheit des eigenen Glaubens über alle anderen und das Streben nach Errichtung eines Gottesstaates, gehe bis auf den Propheten Mohammed zurück.

Für die westlichen Gesellschaften stellt sich nun zunehmend die Frage, wie viel Toleranz hier angebracht ist und wo sie endet. Sind nur Taten strafbar oder schon Gedanken an strafbare Taten? Österreich möchte das Logo des "Islamischen Staates" verbieten. Aber dieses beinhaltet den ersten Satz des islamischen Glaubensbekenntnisses. Kann man das Credo einer Weltreligion verbieten? Was ist noch Islam und was ist schon Islamismus? Kann man Geistlichen vorschreiben, was sie predigen dürfen? Nicht nur unsere Antikriegsüberzeugung ist auf einmal ins Wanken geraten, sondern auch unsere Vorstellung von Religionsfreiheit.

Einen Trost freilich gibt es: Auch die katholische Kirche war einmal totalitär, organisierte Kreuzzüge und verbrannte Ketzer. Inzwischen sind Kirche und demokratischer Staat kompatibel. Der Islam in Europa, hoffen viele, wird den gleichen Weg gehen. Millionen Muslime arbeiten daran. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 2.10.2014)

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