"In der Horizontalen schöpferisch sein"

Interview1. Oktober 2014, 17:05
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Das Galerienprojekt "curated by_vienna" widmet sich dieses Jahr dem Verhältnis von Kunst und Architektur. "The Century of the Bed" konzipierte die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina

Wien - Hugh Hefner, Gründer des Playboy, hat es vorgemacht: Der Meister der Bunnys leitete sein Medienimperium schon zu einer Zeit von seinem runden Bett aus, als Computer noch unbekannt waren. Die renommierte Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina hat die Playboy Architecture als Vorreiterin der digitalisierten Gesellschaft erforscht, wo das Home Office heute immer öfter im Bett angesiedelt ist. Dieses Jahr hat die Princeton-Professorin mit dem Essay The Century of the Bed das Thema für das Galerienprojekt curated by_vienna konzipiert: Internationale Kuratoren gestalten in zwanzig Wiener Galerien Ausstellungen, die nach dem Verhältnis von Kunst zu Architektur und zu den neuen Medien fragen, aber auch nach dem Bett als Ort der Träume, Triebe und Vergänglichkeit.

STANDARD: In den Darstellungen der Boheme wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts oft gezeigt, wie wenig Grenzen zwischen Atelier und Boudoir existierten. Man denke nur an die Affären zwischen Malern und Modellen. War der Künstler ein frühes Vorbild in der Fusion von Arbeitsplatz und Privatsphäre?

Colomina: Ja. Matisse arbeitete im Bett. Viele Schriftsteller von Marcel Proust bis Truman Capote behaupteten, sie könnten nur in der Horizontalen schöpferisch sein. An der heutigen Situation ist so neu und interessant, dass sich jeder selbst als Künstler sieht, und wie fundamental das Bett dabei geworden ist. Es ist aber auch bedenklich, wenn der Spätkapitalismus versucht, jede Sekunde des Tages für Arbeit zu erobern und auch noch das letzte bisschen Kreativität abzuschöpfen.

STANDARD: Viele zeitgenössische Künstler bezeichnen sich als "post-studio" und lehnen die Bindung an Ateliers ab.

Colomina: Ich finde das extrem interessant, denn es repräsentiert ein anderes Verständnis des Arbeitsplatzes. Kunst wird heute auf der Straße, online, im Bett oder im Amazonas produziert, alles ohne klare Grenzziehungen. Sie können vom Amazonas aus mit jemanden, der in Wien im Bett liegt, eine interaktive Installation auf einem Platz in Havanna gestalten, die von Millionen Menschen auf YouTube verfolgt wird.

STANDARD: Die architektonische Moderne war in der Kunst der letzten Dekaden ein enorm wichtiges Thema. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Colomina: Ich habe mich auf das Thema Bett als einen neuralgischen Punkt konzentriert, um diese Obsession der Künstler für Architektur zu zeigen. Es ist schwer zu sagen, was Kunst von Architektur will. Vielleicht beneiden Künstler Architekten um die Größenordnung ihres Wirkens, um ihre symbolische Macht; die Architekten sind auf Mobilität und Marktwert von Kunst neidisch. Diese Missgunst ist aber sehr positiv, da sie einander mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten erforschen.

STANDARD: In Ihrer Ausstellung "Playboy Architecture" haben Sie die Verquickungen des Herrenmagazins mit modernem Design gezeigt. Welchen kulturellen Einfluss hatte es?

Colomina: Der Playboy hat moderne Architektur für die US-Öffentlichkeit akzeptabel und sogar erstrebenswert gemacht. Zu seinen Bestzeiten erschien der Playboy in einer Auflage von sieben Millionen Exemplaren. Das Magazin unterrichtete seine Leser in modernem Design, denn die Einrichtungszeitschriften der 1950er-Jahre, wie House and Garden, waren sehr konservativ. Die bezeichneten die Architektur von Mies van der Rohe und anderen europäischen Emigranten sogar als "Gefahr für Amerika".

STANDARD: Wie hat sich die Architektur durch die Digitalisierung gewandelt?

Colomina: Alles hat sich verändert. Von den Entwürfen, die nicht mehr per Hand, sondern am Computer gezeichnet werden, über digitale Modelle und 3-D-Drucker bis hin zu der Art und Weise, wie Dinge produziert und zusammengefügt werden. Architekten können über Zeitzonen und enorme physische und kulturelle Entfernungen hinweg kooperieren. Komfort hat heute mit einer funktionierenden Internetverbindung ebenso viel zu tun wie mit unserer Einrichtung. Im digitalen Zeitalter verändert sich der Status von etwas so Einfachem wie einem Zimmer, weil wir eine vollkommen veränderte Beziehung zur physischen Welt haben. (Nicole Scheyerer, DER STANDARD, 2.10.2014)

Beatriz Colomina (62) ist eine international renommierte Architekturtheoretikerin, Medienwissenschafterin und Kuratorin. Die Spanierin hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.

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curatedby.at


Dieser Artikel ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit "Wirtschaftsagentur Wien. Ein Fonds der Stadt Wien." Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Beatriz Colomina: "Vielleicht beneiden Künstler die Architekten um die Größenordnung ihres Wirkens, die Architekten sind vielleicht auf den Marktwert der Kunst neidisch."
    foto: ana nance

    Beatriz Colomina: "Vielleicht beneiden Künstler die Architekten um die Größenordnung ihres Wirkens, die Architekten sind vielleicht auf den Marktwert der Kunst neidisch."

  • "Bettschuhe" der 2003 verstorbenen österreichischen Künstlerin Birgit Jürgenssen in der Galerie Hubert Winter.
    foto: estate birgit jürgenssen

    "Bettschuhe" der 2003 verstorbenen österreichischen Künstlerin Birgit Jürgenssen in der Galerie Hubert Winter.

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