Studierende in der Schuldenfalle

1. Oktober 2014, 17:00
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Studentische Verschuldung wird oft mit den USA verbunden, aber auch in europäischen Ländern nehmen viele Studierende immer höhere Kredite auf. Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) könnte sich Bildungsdarlehen auch für Österreich vorstellen.

Wien - 40 Millionen Menschen. So viele US-Amerikaner müssen für ihr Studium aufgenommene Schulden noch zurückzahlen - das ist mehr als jeder zehnte Einwohner. Ein anderer Fakt: Die Studiengebühren sind in den USA seit 1999 im Schnitt um 500 Prozent gestiegen, das durchschnittliche Einkommen fiel im gleichen Zeitraum um zehn Prozent. Kyle McCarthy, Mitbegründer von "studentdebtcrisis.org", hätte noch viele andere Fakten zur studentischen Verschuldung in den USA, in seinem Gastartikel für die Huffington Post vor einigen Monaten beschränkt er sich auf die Top Ten.

In Europa ist die Erhebung der studentischen Verschuldung Ländersache, generell zeigt sich auch hier eine steigende Tendenz. So sind Studienkredite in vielen europäischen Ländern einerseits eine immer wichtigere Stütze der Uni-Finanzierung. Andererseits sind sie der Grund dafür, dass sich viele Studierende immer höher verschulden - selbst in Ländern mit niedrigen oder keinen Gebühren wie etwa in Schweden.

Dort schlossen vergangenes Jahr 85 Prozent der Studierenden mit Schulden ab. Die durchschnittliche Summe pro Kopf betrug rund 13.500 Euro.

Während in Schweden der Anteil der Kredite und die Pro-Kopf-Verschuldung schon länger auf diesem Niveau stehen, kam es in England zuletzt zu einem rasanten Anstieg. Seit 1992 können sich Vollzeitstudierende dort zwischen 18 und 50 Jahren bei der staatlichen "Student Loans Company" Geld ausborgen. Derzeit verlassen etwa 50 Prozent die Uni mit einem Kredit. Die mittlere Schuldenhöhe hat sich laut BBC in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt und wird jetzt auf 56.400 Euro geschätzt.

Anders als in den USA werden in Europa Kredite für das Studium meist vom Staat in Kombination mit Beihilfen ausbezahlt - so auch in Deutschland. Dort nehmen laut Ulrich Müller, Experte für Hochschulfinanzierung am Centrum für Hochschulentwicklung, sechs Prozent einen Kredit auf. Durchschnittliche Verschuldung: 20.000 Euro nach dem Bachelor.

Schulden verdrängen

Isabella Boström hat sich für ihr Studium der Filmwissenschaft umgerechnet "ein paar tausend Euro" beim schwedischen Staat ausgeborgt. Sie sieht den Kredit als Privileg: "Meine Eltern hätten mich nicht unterstützen können."

Sie denke manchmal an die Rückzahlungen, schlaflose Nächte würden sie ihr aber nicht bereiten. "Es ist gut, dass man nicht mit einem Kredit bei einer Bank ins Erwachsenenleben startet."

Ob Bank oder staatliche Behörde macht für Theresa Köb keinen Unterschied. "Momentan verdränge ich erfolgreich, dass ich ziemlich hohe Schulden habe", erzählt die 25-jährige Vorarlbergerin, die ihren Bachelor in Kriminologie in England absolvierte. Sie wisse nicht, wie hoch diese tatsächlich seien, rechne aber mit mehr als 10.000 Euro. Bereuen würde sie ihre Entscheidung trotzdem nicht. "Durch die Ausbildung werde ich hoffentlich einen guten Job bekommen und bald zurückzahlen."

Auch in Deutschland werden rund 90 Prozent der derzeit 60.000 Studienkredite vom Staat ausgezahlt. Die wichtigste Förderung ist durch das Bundesausbildungsförderungsgesetz geregelt - abgekürzt als BaföG bekannt. Die eine Hälfte ist ein Stipendium, die andere ein zinsloser Kredit.

Als Kerstin Düring 2008 ihr Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaft in Hamburg begonnen hatte, gab es noch Studiengebühren. In der Hoffnung, sie würden abgeschafft, ließ sie die Gebühren stunden. Rund 3800 Euro inklusive BaföG muss Düring begleichen - allerdings erst, wenn sie ein Jahreseinkommen von mindestens 30.000 Euro hat. Ihren Alltag habe das kaum beeinflusst, mehr als ein "doofes Gefühl" im Hinterkopf sei es nicht.

Dass die studentische Verschuldung in Europa bald US-Dimensionen annehmen könnte, glaubt Müller nicht. Die Finanzierung hänge eng mit dem Selbstverständnis des Sozialstaats eines Landes zusammen. Während in den USA ein kreditfinanziertes Studium als persönliche Investition gesehen werde, seien Kredite in Deutschland, Frankreich oder Österreich eher "Lückenfüller".

"In Österreich verschulden sich junge Menschen nur selten für ihr Studium bei einer Bank", sagt Alexander Maly, Geschäftsführer der Schuldnerberatung in Wien. Hierzulande sei es üblich, dass die Eltern aushelfen. Auch Martin Unger vom Institut für Höhere Studien bestätigt das. Seiner Einschätzung nach würden Bildungskredite in Österreich nicht angenommen werden.

Drohende Bildungsblase

Anderer Meinung ist Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP). Im Gespräch mit dem UniStandard steht er Bildungsdarlehen offen gegenüber: "Es gibt ja auch ein Bausparen mit Bauspardarlehen. Man muss das nur umlegen - das hat nur noch niemand versucht."

In den USA sind die Schulden aus der Studienzeit längst ein gesamtgesellschaftliches Problem: Laut CNN fühlt sich jeder Vierte zwischen 22 und 33 Jahren von den Schulden "überwältigt", jeder Zweite verwendet sein halbes Monatsgehalt zur Tilgung - selbst Barack Obama hat nur wenige Jahre vor dem Präsidentschaftsantritt seine letzte Rate abbezahlt.

Mittlerweile beläuft sich die Gesamtverschuldung durch Studienkredite in den USA auf mehr als eine Billion Dollar - das ist mehr als die gesamten Kreditkartenschulden der US-Amerikaner. Nach der Immobilienblase 2008 warnen Finanzexperten deshalb vor einer "Bildungsblase". (Lisa Breit, Lara Hagen, Selina Thaler, DER STANDARD, 2.10.2014).

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    illustration: vorlaufer
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