Die eigenen vier Wände des Unilebens

1. Oktober 2014, 17:00
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Abseits von klassischen Wohngemeinschaften bieten Projekte billige und nette Möglichkeiten für Studierende. Oder man bleibt im Hotel Mama.

Für Bernadette Gusenbauer war der Auszug von der Familie nur ein Umzug zu einer anderen Familie. Mit zwei Kolleginnen zog die FH-Studentin für Design und Produktmanagement in den ersten Stock eines Einfamilienhauses. Ebenerdig lebte die Familie, der das Haus gehört und die den Stock vermietet. "Viele Private bieten hier Wohnungen und Zimmer in ihrem eigenen Haus zur Untermiete an", erzählt die 22-Jährige.

Der Alltag gestaltete sich weniger frei als gedacht: "Es galt etwa Alkoholverbot im ganzen Haus." Besuch musste angekündigt werden. "Wir wurden teilweise mehr kontrolliert als zu Hause bei den eigenen Müttern" , sagt Gusenbauer. Nach 18 Monaten zog sie wegen eines Praktikums aus. Seit der Rückkehrwohnt sie in einem Studierendenheim: "Es ist unkomplizierter."

In einem Hausprojekt gemeinsam mit 15 weiteren Personen lebt Michael. "Ich wollte immer schon in einem besetzten Haus oder Hausprojekt wohnen", sagt der Soziologie- und Germanistik-Student. Er erhoffte sich durch den Umzug "mehr Gestaltungsmöglichkeiten im eigenen Raum". Davor lebte der 30-Jährige in einer Wohngemeinschaft. Sein politischer Anspruch ans Zusammenleben brachte ihn zum Hausprojekt des Mietshäuser-Syndikats. Die gegenseitige Unterstützung ist ihm wichtig: "Es geht um ein solidarisches Zusammenleben und darum, dass nicht jeder mit seinen Problemen allein dasteht." Das "Duty-Rad" verteilt die gemeinsamen Aufgaben: "Jeder macht das, was ihm besonders liegt."

Die "Assi", das Hausprojekt mit 330 Quadratmetern Wohnfläche, schaffe zusätzlich Raum mit bezahlbaren Mieten, was in Frankfurt sonst fast unmöglich sei.

"Für den Geschirrspüler fühle ich mich verantwortlich", sagt Alischa Charkow. Sonst muss die 22-jährige Tourismusmanagement-Studentin nicht viel im "Hotel Mama" arbeiten: "Sie würde es nicht aushalten, wenn ich meine Wäsche trenne und allein wasche." Geputzt wird gemeinsam.

Wenn man aus einem Bundesland kommt, sei es einfacher, auszuziehen. Für die Wienerin wäre es "Geldverschwendung", das jetzt zu ändern, schließlich will sie im nächsten Jahr wieder ins Ausland gehen. Sie studiert Vollzeit an der FH Wien, arbeiten geht sich nebenher nicht aus. "Bei Mama ist es billiger, ich muss kaum Geld ausgeben." Aber Charkow sieht auch Nachteile: "Man steht noch immer unter der Fuchtel der Eltern, solange man zu Hause wohnt, bleibt man das Kind." Die Luft der eigenen WG hat sie bei Auslandsaufenthalten geschnuppert. "Es ist viel lockerer", meint sie.

foto: grillmayr

Als einer der Ersten ist Max Steiner in das VinziRast-mittendrin-Haus am Alsergrund gezogen. Seine Eltern haben ihn auf das Projekt, in dem ehemalige Wohnungslose mit Studierenden leben, hingewiesen. "Es ist wie im klassischen Heim, nur kennen sich alle, und es ist viel persönlicher", sagt Steiner. Veranstaltungen und Ausflüge werden organisiert. Drogen und übermäßiger Alkoholkonsum sind verboten, sonst ist alles Verhandlungssache.

Der 22-Jährige lebt in einer Wohngemeinschaft mit einem Flüchtling und einem früheren Wohnungslosen. "Das ist das Besondere an diesem Projekt", sagt er. Bei seiner Vorstellung im Haus war er von der "sympathischen Atmosphäre" überzeugt. Mit seinem afghanischen Mitbewohner liest der Informatikstudent Briefe und hilft bei der Übersetzung. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 2.10.2014)

Foto-Info

Ein Blitz aus dem Mund, eine Blase rund ums Auge. Was kann das bedeuten?

Geknipst wurden diese Porträts mit analoger Kamera und Fotofilmen der Wiener Firma revolog. Im Handling wie gewöhnliche 35-mm-Filme, verschiebt sich auf revolog-Negativen das Farbspektrum, es erscheinen Blubberblasen, giftgrüne Pünktchen, Laserstrahlen oder Blitze. Wo genau sich der Effekt manifestiert, weiß man erst, wenn man das ausgearbeitete Foto in Händen hält.

revolog ist die Diplomarbeit von Michael Krebs und Hanna Pribitzer. Sie studierten an der Grafischen in Wien Fotografie und machten sich 2010 mit dem Konzept selbstständig. "Dann begann ein langsamer Prozess des Wachsens", sagt Pribitzer. In einer Experimentierphase wurde den Filmen Unterschiedlichstes angetan, sie wurden in die Mikrowelle und den Ofen gesteckt und durchlöchert. Nun sind zehn Effekte im Sortiment. Das Prozedere, wie sie auf die Filme kommen, ist geheim; verraten wird, dass keine Chemikalien benutzt und alle Filme handbearbeitet werden.

Analoge Fotografie ist wohlauf, wie Krebs und Pribitzer beobachten: "Es bleibt eine Nische, aber eine stabile Nische." Vor einem Monat eröffneten sie den revolog-Store in der Gumpendorferstraße 119 im sechsten Bezirk. Er ist auf Nachfrage geöffnet - vor allem donnerstags und freitags. Dann sind sie in der Dunkelkammer und basteln weiter Blitze, Streifen und andere Farbspiele auf die kostbaren 35 mm. (grill)

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