Küstenschreck, wilde Berge und Schnaps zum Frühstück

Blog7. Oktober 2014, 15:55
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Im ersten Blogeintrag zu ihrer Reise von Österreich in den Oman berichtet Katharina Derfler von den Erlebnissen ihrer Familie in Montenegro

Ein wildes kleines Land mit freundlichen Bewohnern war unsere Vorstellung - die Realität in Montenegro erlebten wir dann doch ganz anders.

An der Küste konnten wir das Meer von der Straße aus leider nicht entdecken, da sich Betonbunker an Würfelhaus, Hotel an Apartment reihte. Sah man dann doch einmal den Strand durchblitzen, hatte man eine wunderschöne Aussicht auf gelbe oder türkise Liegestuhlreihen und jede Menge Menschen mit ein bisschen Meer dazwischen. Wir redeten uns ein, dass so knapp nach der kroatischen Grenze der verstärkte Tourismus normal sei.

Die ersten Tage prägte stundenlanges Autofahren. Rechts waren die überfüllten Strände und links entweder Hotelanlagen oder steile Felswände. Nein, so hatten wir uns dieses Land ganz und gar nicht vorgestellt. Außerdem regnete es jeden Tag ein bisschen.

Doch als nach etlichen Kilometern noch immer kein Unterschied bemerkbar war, machten wir uns auf den Weg ins Hinterland. Wir wollten zur Tara-Schlucht und erwarteten uns, dass es dort ruhiger sein würde, da die meisten, mit denen wir gesprochen hatten, noch nie dort gewesen waren. Unsere Route führte uns über Nebenstraßen (Höchsttempo 50 km/h) durch die Berge und Ziegenherden, über malerische Täler, vorbei an Prosciutto Bauern und kommunistischen Denkmälern.

Vermeintliche Idylle

Verzaubert von der Schönheit des Hinterlandes fuhren wir am nächsten Morgen voller Energie weiter, um am Abend noch die Ruhe im Naturschutzgebiet bei der Tara zu genießen. Als wir ankamen, waren wir schockiert: Touristenbusse schoben sich über die Brücke, dazu gab es ein Grillrestaurant direkt an der Schlucht und ein Café, das mit schlechtem Balkantechno das Tal beschallte, während man bei den örtlichen Produzenten für fünf Euro 250 Gramm Honig kaufen konnte. Zu allem Überfluss zogen auch noch unsere Wegbegleiter auf, die Regenwolken. Also nach drei Stunden Fahrt wieder rein in den Bus und ab in den Süden.

foto: katharina derfler
Pablo beim Baden in der Tara.

Die Kinder waren nur noch mit Fernsehen auf den Tablets ruhig zu halten. Wir hatten uns das anders vorgestellt, waren bereits richtig frustriert. Mit Regen, Gewittern und langen Fahrten hatten wir gerechnet, aber nicht in der ersten richtigen Reisewoche.

Nach weiteren drei Stunden Fahrt fanden wir einen wunderschönen Schlafplatz auf einer Blumenwiese direkt an einem klaren Fluss. Dort stand ein alter russischer Truck, an dem drei Männer in russischer Manier mit Vorschlaghammer und Winkelschleifer herumdokterten, um ihm eine Kippfunktion einzubauen.

foto: katharina derfler
Der russische Truck, der Mechaniker, Jakob und die Kinder.

Der Besitzer begrüßte uns freundlich und teilte uns mit, er habe Wasser und Strom, und falls wir etwas benötigen würden, sollten wir es ihm sagen. Die Kinder rannten auf der Wiese herum und pflückten Kräuter am Bach, auch die Hunde genossen ihre Freiheit.

foto: katharina derfler
Die Kinder beim Spielen in einem malerischen Tal.

Als wir am dritten Tag weiterfahren wollten, es war noch vor halb elf, kam der Besitzer dieser "Werkstatt" und sagte, dass wir mitkommen sollten. Als wir das Haus erreichten, bekamen wir Selbstgebranntes serviert (als ausgebildeter Chemielehrer hatte Jakob Bedenken, vor allem weil der Besitzer selbst keinen Alkohol trinkt, aber was soll's ...).

Wir führten noch ein anregendes Gespräch. Obwohl unsere Kroatisch-Kenntnisse erst zehn Wörter umfassten und sein Deutsch ebenso gut war, war es ein richtig gutes Gespräch mit vielen Informationen.

Im südlichsten Teil Montenegros gibt es einen langen Sandstrand, der zu unserer Befürchtung mit Hotels, Apartments und acht Reihen voller Liegestühle zugepflastert ist.

Unser Ziel war der letzte Campingplatz kurz vor der albanischen Grenze. Dort musste es einfach ruhiger sein! Wir erreichten den Campingplatz, wurden aber zunehmend skeptisch, als wir davor durch ein Tor mit Wachmann fuhren, auf dem "Nudistencenter" stand.

Kehrtwende und wieder zurück

Tatsächlich liefen am Campingplatz lauter nackte Menschen umher. Jetzt hatten wir nicht nur Massen an Menschen - nein, jetzt hatten wir nackte Massen an Menschen. Ihr könnt uns jetzt als prüde bezeichnen, wir haben kein Problem mit Nacktheit, aber wenn man beim Tellerwaschen an einer Waschbar, die in Hüfthöhe aufhört, den ganzen Stolz seines Gegenübers erblicken kann, während "er" durch die Waschbewegungen ermutigt fröhlich hin und her schwingt, dann müssen wir sagen: nein, danke! Noch dazu, wenn man 22 Euro pro Tag bezahlt und durch eine Nudisten-Apartmentanlage 500 Meter weit zum Strand gehen soll und man WLAN nur von den Apartments schnorren kann.

Wir fanden schlussendlich einen netten Campingplatz direkt am Meer, wo die Liegestuhlreihen unterbrochen waren und man 150 Meter "ruhigen" Strand hatte.

foto: katharina derfler
Der Strand im Süden.

Auch wenn es nicht das ist, was wir uns unter Entspannung vorstellen, die Kinder fühlen sich wohl und haben bereits neue Freunde gefunden. Das Meer ist ideal für sie, schön flach und ruhig. Außerdem bezahlen wir "nur" 21 Euro pro Tag, haben saubere Toiletten, Duschen, WLAN, und die Menschen haben beim Tellerwaschen zumindest eine Badehose an.

Hier werden wir, der Kinder zuliebe, ein paar Tage entspannen. Montenegro hat eine wunderschöne Landschaft, und auch Sehenswürdigkeiten wie die Bucht von Kotor und Kotor selbst sind atemberaubend schön.

foto: katharina derfler
Über den Dächern von Kotor.

Auch zum Segeln ist es interessant, da es viele kleine, vom Festland aus unzugängliche Buchten gibt. Meine Wunschdestination für einen Badeurlaub wäre es aber bestimmt nicht. (Katharina Derfler, derStandard.at, 7.10.2014)

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