"Ältere nehmen Jungen keine Jobs weg"

Interview1. Oktober 2014, 16:28
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Um Ältere länger in Beschäftigung zu halten, sind Betriebe und Sozialpartner stärker in die Pflicht zu nehmen, rät Christopher Prinz

STANDARD: Seit Jänner machen es neue Regeln schwieriger, wegen Arbeitsunfähigkeit frühzeitig in Pension zu gehen. Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig, weil der Arbeitsmarkt ohnedies angespannt ist wie nie zuvor. Besteht die Gefahr, dass die Älteren, die länger bleiben den Jungen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, die Jobs wegnehmen?

Prinz: Reformen umzusetzen, wenn der Arbeitsmarkt sich in einer Krise befindet, ist immer schwierig. Man kann aber strukturelle Reformen nicht auf Zeiten verschieben, wenn die ökonomische Situation optimal ist. Außerdem gibt es keine Evidenz, dass es einen unmittelbaren Austausch zwischen älteren und jüngeren Arbeitnehmern gibt. Arbeit ist kein fix vorhandener Kuchen, den wir verteilen. Wenn mehr Leute in den Arbeitsmarkt drängen, dann kreiert das auch mehr Jobs. International zeigt sich, dass in Ländern, wo die Beschäftigungsrate der Älteren hoch ist, auch die Beschäftigungsrate der Jungen sehr hoch ist. Das sind keine kommunizierenden Gefäße, sondern es ist ein Ausdruck guter Arbeitsmarktpolitik, dass wir Menschen auf allen Stufen und in allen Altersgruppen neu in den Arbeitsmarkt bringen und idealerweise auch adäquate Jobs für sie finden.

STANDARD: Genau das ist ja derzeit nicht so einfach. Vor allem deswegen, weil man gar nicht weiß, wo neue Jobs entstehen werden und wo am Ende etwa durch Automatisierung viele Jobs wegfallen werden.

Prinz: Das lässt sich aber auch politisch nicht wirklich steuern. Das passiert einfach. Was man mit der Invaliditätspensionsrefom steuern wollte, zielt ja nicht unbedingt darauf ab, dass man für ältere Leute neue Jobs findet, sondern dass sie ein paar Jahre länger in bestehenden Jobs bleiben. Es erfordert nicht so sehr eine Umstrukturierung der Wirtschaft, sondern der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, dass Pensionierung nicht im Alter von 58 sondern von 63 Jahren das Normalmaß wird.

STANDARD: Österreich hat es sich und älteren Arbeitnehmern, die nicht mehr 40 Stunden belastbar sind, leicht gemacht, frühzeitig in Pension zu gehen. Sind Unternehmen auf eine Trendwende vorbereitet?

Prinz: Man hat es leider lange Zeit verabsäumt, eine Kultur zu schaffen, in der es selbstverständlich ist, dass man Arbeitnehmer mittleren und höheren Alters auch weiterbildet. Dass es in Österreich mehr als jeder dritte Mann vor dem regulären Pensionsalter schafft, eine Invaliditätspension – die gar nicht so leicht zu bekommen ist - zugesprochen zu bekommen, zeigt auch, wie sehr vernachlässigt wurde, dass sich diese Leute in einem besserem Zustand befinden. Es kann nicht sein, dass ein Drittel der Menschen in Österreich in diesem Alter gesundheitlich in so schlechtem Zustand ist, dass es nicht mehr arbeiten kann. Zu diesen Fehlern aus der Vergangenheit hat auch die Arbeitgeberseite fleißig beigetragen, und sich sehr lange Zeit nicht sehr bemüht, die Dinge zu verändern. Es werden alle umdenken müssen und die Sozialpartner sind da besonders gefragt.

STANDARD: Mit welchem Argument kann man einem Unternehmen schmackhaft machen, dass es Ältere länger im Betrieb halten soll? In Österreich wurde gerade eine Unternehmensförderung für Betriebe beschlossen, die Arbeitslose ab 50 Jahren einstellen. Drei Monate lang werden die gesamten Lohn- und Lohnnebenkosten refundiert. Reicht das als Anreiz?

Prinz: Für die Gruppe, die bereits über 50 und arbeitslos ist, müssen wir mehr tun, weil es für sie unglaublich schwierig ist, einen neuen Job zu finden. Solche Anreize sind sicherlich ein Ansatz. Ob das ausreicht, muss man evaluieren. Finanzielle Anreize sind insgesamt das stärkste Maß, das Politik verwenden kann. Zunächst geht es darum, die falschen Anreize zu eliminieren und dann für den Einzelnen und für den Arbeitgeber möglichst hohe Anreize zu schaffen, eine Beschäftigung nicht vorzeitig abzubrechen. Der Arbeitgeber könnte zum Beispiel einen viel größeren Teil der Kosten des Krankengeldes oder auch der Invaliditätspension leisten müssen. Das gibt es in manchen Ländern.

STANDARD: In den Niederlanden haben sich die Sozialpartner geeinigt, dass Arbeitgeber bei längerfristiger Krankheit Löhne und Gehälter bis zu zwei Jahre fortzahlen müssen. Das ist vermutlich ein sehr starker Anreiz?

Prinz: In den zwei Jahren müssen sie außerdem noch nachweisen, dass sie sich bemüht haben, alles Mögliche zu tun, um den Arbeitnehmer in den Job zurück zu bringen. Können sie das nicht, müssen sie noch ein drittes Jahr zahlen. Das interessante ist, dass das die Sozialpartner selbst beschlossen haben, weil sie festgestellt haben: Wir produzieren so hohe Kosten für uns alle, die wir schlussendlich sowieso selbst tragen. Wenn es gelingt, durch ein besseres System die Krankenstände auf die Hälfte zu reduzieren, was den Niederlanden dann auch wirklich gelungen ist, dann profitieren alle. Allenfalls zahlen dann die schwarzen Schafe etwas mehr im Verhältnis zu anderen und das ist auch wünschenswert.

STANDARD: Teilzeitlösungen für ältere Arbeitnehmer wären ein Teil der Problemlösung. Gleichzeitig ist Teilzeit vorwiegend weiblich und vor allem je höher die Qualifikation umso eher heißt es, dass das nicht funktioniert. Ist es da nicht vorprogrammiert, dass hier potenzielle Lösungen zum Total-Abstieg für ältere Arbeitnehmer werden?

Prinz: Teilzeitarbeit ist in Österreich tatsächlich vor allem niedrig qualifizierte Arbeit und auch überwiegend weiblich. Qualifizierte Teilzeitarbeit hat keine Tradition. Zweiter Aspekt: Die Systeme sind nicht sehr flexibel. Es gibt keine Möglichkeit für die Menschen, aus dem Krankenstand in Teilzeit in den Job zurück zu kommen. In der Wirklichkeit funktioniert das interessanterweise am besten dort, wo es praktisch überhaupt keine Regelungen gibt. Zum Beispiel in den USA. Obwohl es natürlich auch andererseits den geringsten Schutz für diese Leute gibt. Ich will nicht sagen, dass Österreich sich dorthin bewegen soll. Aber Regelungen können sehr oft im Weg stehen.

Österreich hat allenfalls so hoch subventionierte Altersteilzeit, die in der Vergangenheit schon wieder quasi ein Frühpensionsmodell geworden ist. Es gibt keinen Grund, Altersteilzeit zu subventionieren, sie sollte aber in jeder Hinsicht ermöglicht werden. Man hat zwar mit der Pensionsreform der letzten Jahre eine bessere Ausgangsbasis als vor 15 – 20 Jahren. Damals wäre Teilzeitarbeit in den letzten Jahren vor der Pensionierung eine Katastrophe für den Pensionsanspruch gewesen. Inzwischen ist das ein bisschen besser, weil die gesamten Einkommen als Berechnungsbasis herangezogen werden. Das könnte man noch verbessern. Man könnte es ermöglichen, in den letzten Jahren Teilzeit zu arbeiten, und Sozialversicherungsbeiträge so weiterzuzahlen, als ob man Vollzeit arbeiten würde. Damit würde der Pensionsanspruch in gar keiner Weise leiden. Das wäre relativ simpel zu machen.

STANDARD: Weniger simpel ist wohl die Lösung des Problems des Senioritätsprinzips bei den Löhnen und Gehältern?

Prinz: Das sollte man dringend ändern. In vielen Bereichen des Arbeitsmarktes gilt das allerdings nicht. Bei den Arbeitern ist das zum Beispiel kein Problem in manchen Bereichen aber schon. In den Kollektivverträgen ist es da nicht möglich, dass man mit der Alterung sozusagen auf ein Einkommen verzichten würde, selbst wenn das Arbeitgeber und Arbeitnehmer wollen würden. Das hat zur Folge, das Leute mehr verdienen, als sie leisten können und umgekehrt junge Leute überproportional attraktiv erscheinen, weil sie verhältnismäßig billig sind. Ganz extrem ist das im öffentlichen Dienst. Es kann nicht sinnvoll sein, dass ein 55-jähriger Lehrer das Doppelte verdient von einem Einstiegsgehalt eines Lehrers mit 25. Das wäre auch leicht zu ändern.

STANDARD: Sie kennen aber schon die Diskussionen dazu in Österreich? Leicht ist da recht wenig.

Prinz: Das ist politisch ein massiver Stolperstein, aber technisch ist es nicht wahnsinnig kompliziert. Wenn man diese Diskussionen in Österreich verfolgt, frage ich mich immer wieder, warum niemand den Mut aufbringt, das endlich umzusetzen. Insbesondere, wenn es ohnedies nur um Neueinsteiger geht. Da fallen Argumente, die wirklich haarsträubend sind. (Regina Bruckner, DER STANDARD, 2.10.2014)

foto: oecd
Christopher Prinz ist Pensionsexperte bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.
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