Studentin aus Serbien droht nach Uni-Abschluss die Abschiebung

1. Oktober 2014, 17:00
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Strenge Auflagen machen Studierenden aus Drittstaaten das Leben in Österreich schwer. Einer Studentin und gebürtigen Serbin droht nun durch den Studienabschluss die Abschiebung

Wien - Dass Milena Nikolic (Name von der Redaktion geändert) Visumsanträge für sich selbst stellt, wird den Magistratsbediensteten meist erst nach einiger Zeit klar. In perfektem Deutsch erledigt sie Behördengänge, kaum einer vermutet, dass sie keine österreichische Staatsbürgerin ist.

Seit zehn Jahren lebt Nikolic in Wien. Im Dezember muss sie Österreich aber voraussichtlich verlassen und in ihr Geburtsland Serbien zurück. Dieses hat sie mit vier Jahren für ein Leben in Hamburg verlassen: "Ich drücke mich auf Deutsch besser aus und habe kaum Bezug zu Serbien. Hier fühle ich mich integriert und zu Hause."

Das Problem liegt am Visum: Nach dem Abschluss ihres Erststudiums Internationale Entwicklung an der Uni Wien im Sommersemester wurde der Status der 27-Jährigen in "Arbeitssuchend" geändert. Dass sie noch im Bachelor Publizistik studiert, ist dabei irrelevant. Ein Doktorat kam für Nikolic nicht infrage: "Ich wollte arbeiten, Steuern zahlen - persönlich weiterkommen und in Österreich einen Beitrag leisen." Das war für die Jungakademikerin bisher schwierig. Neben ihrem Studium ist sie ehrenamtlich tätig und hilft Kindern mit Migrationshintergrund bei der Integration.

Hürden von Beginn an

"Ausländischen Studierenden werden von Anfang an Hürden in den Weg gelegt", sagt Nikolic. Für den Aufenthalt musste sie einen Nachweis des "gesicherten Lebensunterhalts" erbringen: 5551 Euro mussten für die jährliche Visumsverlängerung acht Wochen lang auf dem Konto sein, ab dem 24. Geburtstag waren es 10.052 Euro: "Und das, wenn man aus einem Land kommt, in dem das Durchschnittsgehalt bei 300 Euro liegt." Das Geld wurde ihr von Bekannten und der Familie geliehen.

Das Studium zu finanzieren war für Nikolic nicht immer einfach. Studierende aus dem EU-Ausland dürfen zwar beschränkt erwerbstätig sein (siehe Wissen), brauchen für jeden Job aber eine "Beschäftigungsbewilligung", die der Arbeitgeber beantragen muss: "Dadurch fühlen sich viele in die Schwarzarbeit gedrängt." Am liebsten hätte sie bei einer NGO gearbeitet. Wie viele andere ausländische Studierende musste sie ihr Geld aber vor allem in der Gastronomie verdienen. Dort sei es oft leichter, angemeldet zu werden.

Der Status als Arbeitssuchende bedeutet für Nikolic, dass sie bis Dezember einen Job finden muss - mit Auflagen: 2039 Euro Bruttogehalt und ein Bezug zum Studium. Keine bescheidene Vorgabe, wenn man bedenkt, dass etwa eine im Mai erschienene Studie der Uni Wien gezeigt hat, dass Sozialwissenschafter durchschnittlich 2193 Euro verdienen - allerdings fünf Jahre nach Abschluss.

Findet Nikolic einen passenden Job, muss ihr Arbeitgeber bis zu zwei Monate warten, bevor sie starten kann. Denn "der Magistrat hat vier Wochen Zeit, um meine Meldung an das AMS weiterzuleiten, die haben ebenso lange Zeit, aktiv einen Österreicher suchen". Ein gleich qualifizierter Inländer würde dann bevorzugt.

Die Bewerbungen zählt die Studentin nicht mehr. Nikolic würde jeden Job machen und fast alles tun, um in Österreich zu bleiben - "nur Heiraten ist keine Option".

Nachdem sie merkte, wie "aussichtslos" es ist, in sechs Monaten einen passenden Arbeitsplatz zu finden, wollte sie sich zum Doktorat anmelden. Durch die Unterbrechung des Studierendenvisums würden ihre für die Staatsbürgerschaft gesammelten Ausbildungsjahre aber verlorengehen: "Ich würde wieder bei null beginnen."

Nicht nur Flüchtlingen, auch ausländischen Studierenden droht die Abschiebung, etwa wenn nach Abschluss kein gut bezahlter Job folgt. (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 2.10.2014)

Wissen: Studierende aus Drittstaaten

Studierende aus Drittstaaten müssen bis zum 24. Lebensjahr 462,60 Euro pro Monat, ältere 837,63 Euro für ihr Visum auf dem Konto haben. Die Summe ist bis zu einem Jahr im Voraus nachzuweisen. Für die jährliche Verlängerung muss ein Nachweis von 16 ECTS oder acht Semesterwochenstunden erbracht werden. Für die Studienzulassung müssen Personen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, zusätzlich Sprachkenntnisse auf dem Niveau B2 - "gute Mittelstufe" - vorweisen. Neben der Uni dürfen Nicht-EU-Bürger mit einer "Beschäftigungsbewilligung" beschränkt jobben: zehn Wochenstunden im Bachelorstudium und 20 Wochenstunden im Master.

  • Nicht nur Flüchtlingen, auch ausländischen Studierenden droht die Abschiebung, etwa wenn nach dem Abschluss kein gut bezahlter Job folgt.
    foto: newald

    Nicht nur Flüchtlingen, auch ausländischen Studierenden droht die Abschiebung, etwa wenn nach dem Abschluss kein gut bezahlter Job folgt.

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