Von eingepflanztem Wissen und dem Ende der Universität

1. Oktober 2014, 17:00
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In einem Keller ins Pittsburgh sucht eine Gruppe von Biohackern nach Wegen, nicht nur den Körper, sondern auch den Geist technisch aufzurüsten

Wien/Pittsburgh - Ein Lehrender, der auf jede Frage eine Antwort hat, sogar wenn sie nicht in sein Fachgebiet fällt. Nicht Jahre der Lektüre haben ihn allwissend gemacht, sondern dass er halb Mensch, halb Maschine ist. Die Studierenden können ihm leicht folgen - in ihre Retina sind Bildschirme eingelassen, die ihnen per Eyetracking ein fotografisches Gedächtnis verleihen. Prüfungen sind durch eingebaute Speichereinheiten im Innenohr obsolet: Jeder wird am Ende der Vorlesung diese bereits auswendig können.

Was wie eine ferne Zukunftsvision klingt, ist das Arbeitsgebiet von Ryan O'Shea, Tim Cannon und ihren Freunden bei Grindhouse Wetware.

Das Pittsburgher Hackerkollektiv mit Eigenbezeichnung "Grinder" stellt implantierbare Technik her, die von Science-Fiction und Transhumanismus inspiriert ist. Als Anspruch nennt O'Shea, "die Evolution zu hacken". Das soll mithilfe eines elektrischen Kästchens geschehen, das sie sich in Eigenregie implantieren - betäubt nur durch Eis.

Bisher trug nur Cannon das Implantat. "Es hat alle unsere Erwartungen erfüllt", sagt O'Shea. Die in den Unterarm eingesetzte Schaltzentrale kann biometrische Daten lesen und an das Smartphone übertragen - 24 Stunden täglich. Die "Grinder" grenzen sich dabei bewusst vom akademisch-universitären Umfeld ab, denn ihr Transhumanismus will zu einem humanistischen Bildungsideal nicht passen. Ihre Geräte wurden nicht in einem Uni-Labor, sondern im eigenen Keller entwickelt.

"Wir wollen eine Wissenschaft der Bürger etablieren, die ohne akademische Ressourcen möglich ist und bei der jeder an Entwicklungen teilhaben kann, ohne studentisches System", sagt O'Shea..

Wissen für alle - permanent

Dass trotz hoher medizinischer Risiken, wie etwa der konstanten Infektionsgefahr, keine Kooperationen mit Unis existieren, ist nicht weiter verwunderlich: Die Hackerethik beschreibt Bildung nicht nur als dezentral - Informationen sollen permanent zugänglich sein, und zwar für jeden. Das können Universitäten in ihrer traditionellen Form kaum bieten.

Die Gruppe arbeitet auch an einer weiteren Vision: Nicht die Maschine soll vom Mensch lernen, sondern umgekehrt. Das geschehe schon jetzt "dauernd", sagt O'Shea. Etwa arbeiten Forscher mit Simulationen, um etwas über die physische Welt herauszufinden. "Das menschliche Gehirn funktioniert mittels elektrischer Signale, die man eines Tages hacken können wird", beschreibt O'Shea mit Begeisterung eine Entwicklung, die für andere besorgniserregend klingt. Der Traum von O'Shea, Cannon und anderen Biohackern führt die Universität, wie man sie jetzt kennt, ad absurdum.

Durch Manipulationen der "Hardware" unserer Gehirne wird Informationsaufnahme in ihrer Vision extrem beschleunigt. Lektüre? Paragrafen auswendig lernen? Eselsbrücken für Vokabeln? Mit einem einfachen Download auf einen implantierten Chip wäre das im Handumdrehen erledigt. (Raphaela Edelbauer, DER STANDARD, 2.10.2014)

  • In den Visionen der Biohacker wird die traditionelle Universität ad absurdum geführt.
    foto: ap

    In den Visionen der Biohacker wird die traditionelle Universität ad absurdum geführt.

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