Prognosen: "Wir fragen nur nach der wünschbaren Zukunft"

Interview3. Oktober 2014, 08:43
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Gesellschaftliche Entwicklungen sind heute kaum noch prognostizierbar. Josef Fröhlich beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Problem und entwickelt am Computer immerhin mögliche Szenarien

STANDARD: Sie beschäftigen sich seit mindestens zehn Jahren mit komplexen Systemen. Was genau ist das?

Fröhlich: Komplexe Systeme haben eine ganz zentrale Eigenschaft: Man kann ihre Zukunft nicht vorhersagen. Das Wetter ist ein solches komplexes System, auch die Konjunktur gehört dazu. Überlegen Sie nur, wie oft Konjunkturprognosen zutreffen, aber wie oft sie auch nicht zutreffen? Viele Unternehmen fragen sich auch, wie sich das Geschäft in den nächsten sechs bis zwölf Monaten entwickeln wird - und sie werden sich eingestehen müssen, dass sie das nicht vorhersehen können. Ein derart komplexes System ist auch das Finanzsystem. Wir haben alle gesehen, wie es 2008 plötzlich chaotisch wurde, ausgelöst durch die Lehman-Pleite. Das hätte niemand vorhersehen können.

STANDARD: War der Umgang mit komplexen Systemen in der Vergangenheit leichter?

Fröhlich: Die Entwicklung eines komplexen Systems konnte man nie prognostizieren. Da spielen ganz einfach viel zu viele Faktoren eine Rolle. Tatsache ist aber, dass die Gesellschaft komplexer geworden ist, dass diese fehlende Vorhersehbarkeit häufiger auftritt. Das ist ein längerer Prozess gewesen. Schon der verstorbene Exbundeskanzler Fred Sinowatz sagte weise: "Es ist alles sehr kompliziert." Er sagte den Satz zwar falsch, weil er kompliziert mit komplex verwechselte, aber er meinte das Richtige.

STANDARD: Wie kann man mit komplexen Systemen arbeiten, wie kann man sie steuern und sich nicht von ihnen steuern lassen?

Fröhlich: Man muss zunächst einmal den Status quo analysieren - das ist schon eine große Herausforderung. Netzwerke sind das ideale Instrument dafür. So kann man erkennen, wo zum Beispiel in einem Informationssystem Schwachpunkte sind. Man kann schauen, ob Schaltstellen in solchen Netzwerken ihre Informationen verteilen oder nicht. Man sieht: Wer sind die Informationsbroker? Ist das einmal gelungen, folgt der nächste Schritt: Wohin will ich mit diesem System in der Zukunft? Sogenannte Foresight-Prozesse bieten eine Möglichkeit, die Zukunft zwar nicht vorherzusagen, aber mitzugestalten.

STANDARD: Was darf man sich darunter vorstellen?

Fröhlich: Dabei stellt man sich eine entscheidende Frage: Was wäre eine wünschbare Zukunft? Und wie kann ich dieses Szenario erreichen. Wir haben zum Beispiel die Mobilität 2050 hinsichtlich des Transportaufkommens von Gütern analysiert. Die wünschbare Zukunft ist natürlich die Reduktion von CO2, obwohl klar ist, dass die Menge des Güterverkehrs steigen wird. Das Szenario wäre also Schiene statt Straße. Elektrizität wird ja in Österreich vor allem aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen. Da ist es verständlich, wenn man zum Schluss kommt: Die Lokomotive stößt kein CO2 aus, ihr Strom ist sauber. Gesamteuropäisch betrachtet, ist das allerdings gar nicht mehr so logisch, denn in der EU gibt es noch zahlreiche kalorische Kraftwerke zur Stromerzeugung, und die stoßen sehr wohl CO2 aus. Man muss also differenzieren und bei allen möglichen Szenarien für die Zukunft die Frage stellen: Wie wird der Strom hergestellt? Kann man das Ziel CO2-Reduktion mit Schiene statt Straße wirklich erreichen?

STANDARD: Und am Ende solcher Arbeiten erstellen Sie eine Prognose?

Fröhlich: Nein, Prognosen kann es, wie gesagt, keine geben. Wir entwickeln Szenarien für die Zukunft und Lösungsvorschläge, wie man sie erreichen kann. Die Politik entscheidet dann, welches Szenario sie bevorzugt und wohin die öffentlichen Gelder fließen. Im Übrigen ist das ja keine wissenschaftliche Spielerei, die wir da betreiben. Die EU hat ja festgelegt, dass öffentliche Gelder nur fließen dürfen, wenn klar ist, welche Auswirkungen das haben kann.

STANDARD: Arbeiten Sie aktuell an einer Studie, die sich mit Investitionen von öffentlichen Geldern beschäftigt?

Fröhlich: Wir analysieren einen sektoralen Bereich der österreichischen Forschungspolitik - die Biotechnologie. Das war eine Dissertation, beschränkt auf Wien. Nun werden wir im Auftrag des Infrastrukturministeriums analysieren, was passiert, wenn sich das Investitionsverhalten der öffentlichen Hand ändert und wie sich das auf Publikationsoutput und Stellenmarkt auswirkt. Ich kann sagen: Dann würde es zu einem starken Einbruch all dieser Faktoren kommen. In vier Jahren werden wir noch mehr wissen.

STANDARD: Welche technischen Möglichkeiten haben Sie für derlei umfassende Analysen?

Fröhlich: Es braucht vor allem Simulationen. Die zuletzt exponentiell gewachsene Kapazität von Rechnern spielt uns dabei in die Hände. Wir können viel präziser arbeiten, weil wir auch wesentlich mehr Daten in unsere Programme einspielen können. Sehen Sie nicht auch, dass Wettervorhersagen in den vergangenen Jahren viel genauer geworden sind, als sie in früheren Jahren waren? Das hat man den Rechenleistungen zu verdanken. Da vor allem die sozialen Systeme immer komplexer werden, arbeiten wir auch mit Agent Based Modeling. Das heißt: Wir definieren Akteure, Institutionen und ihre Eigenschaften in unseren Modellen und setzen sie dann in Interaktion zueinander. Daraus lassen sich dann Schlüsse ziehen, um mögliche Zukunftsszenarien zu entwickeln. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 1.10.2014)


Josef Fröhlich, geboren 1952 in Graz, studierte theoretische Physik und Mathematik und war dann längere Zeit an der TU Karlsruhe. Seit mehreren Jahren beschäftigt er sich mit Innovationsökonomie, komplexen Systemen und ihrer Darstellung. Er leitet am Austrian Institute of Technology (AIT) das Department Innovation Systems.

Wissen: Experte für Simulationen

Das Austrian Institute of Technology (AIT) entstand 2009 als Nachfolgeeinrichtung der Austrian Research Centers (ARC) Seibersdorf. Mit dem neuen Namen konzentrierte man sich auch gleich auf wenige Forschungsbereiche, die als zentrale Themen der Gesellschaft identifiziert wurden und sich in der Departmentstruktur des Instituts widerspiegeln. Das AIT beschäftigt sich mit Energieforschung, Mobilität, Sicherheitsforschung, Gesundheits- und Umwelttechnologien sowie mit Innovation Systems. Letzteres ist das Department des Komplexitätsforschers Josef Fröhlich. Die Labors in Seibersdorf, die sich unter anderem auf Dopingkontrollen spezialisiert haben, wurden in eine eigene Tochtergesellschaft ausgegliedert.

AIT sieht sich als Simulationsexperte. Eigentümer sind der Bund (ein wenig mehr als die Hälfte) und die Industrie. Die Geschäftsführer sind seit Anbeginn Anton Plimon und Wolfgang Knoll. Den Aufsichtsrat leitet der Industrielle Hannes Androsch. (red)

  • Ein Blick um die Ecke in die Zukunft komplexer Systeme? AIT-Forscher Josef Fröhlich entwirft Szenarien. Die Politik muss dann entscheiden, welchen Weg sie geht.
    foto: standard/corn

    Ein Blick um die Ecke in die Zukunft komplexer Systeme? AIT-Forscher Josef Fröhlich entwirft Szenarien. Die Politik muss dann entscheiden, welchen Weg sie geht.

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